Seit 2000 Anbaufläche für Gemüse um die Hälfte geschrumpft

370 Produkte aus Thüringen tragen das Label "Geprüfte Qualität". Dazu gehört auch Gemüse aus Thüringen. Doch in Thüringen wird immer weniger davon angebaut. Rund 15 Betriebe ernten auf 800 Hektar. Damit ist die Anbaufläche seit dem Jahr 2000 um die Hälfte geschrumpft. Aktuell haben die Agrargenossenschaft Großengottern den Weißkraut- und die Hainich Obst und Gemüse GmbH den Gurkenanbau eingestellt.

Vielen Gemüsebauern in Thüringen geht es nicht gut. Die Situation verschlechtere sich zunehmend, sagte Joachim Lissner vom Thüringer Gartenbauverband in Erfurt. Auf der einen Seite wollten die Thüringer und die Politiker Regionales auf dem Teller. Auf der anderen Seite werde es den Gemüsebauern sehr schwer gemacht. Die Agrargenossenschaft Großengottern hat nach eigenen Angaben den Anbau von Weißkohl ganz eingestellt.

Eine jahrhundertealte Tradition ist damit zu Ende. Aktuell war es ein Erdfloh, der die Pflanzen zerstörte. Neue Verordnungen bezüglich Pflanzenschutzes machen es den Agrarbetrieben schwer, solchen Plagen entgegenzuwirken. "Wir können nicht mehr kostendeckend arbeiten", sagte Vorstand Eckhard Meyer. Die Gründe für den Rückgang der Gemüseproduktion sind vielfältig.

Hitze und Wasserknappheit

Der Klimawandel bringt neue Probleme. Der Grundwasserspiegel hat sich nach dem Hitzesommer 2018 Experten zufolge nicht wieder erholt. Die Niederschläge im Mai und Juni haben zwar die Situation auf den Feldern etwas entlastet, aber bei Temperaturen über 30 Grad muss Gemüse bewässert werden. Zahlreiche Gartenbaubetriebe und Agrargesellschaften verfügen laut Thüringer Gartenbauverband nur über ein desolates Bewässerungsnetz. Hier müsse das Land viel stärker fördern als bisher.

Mindestlohn drückt

Ein Mann, Martin Weißenborn von der Hainich Obst GmbH, zeigt Kirschen auf seiner Hand.
Martin Weißenborn von der Hainich Obst GmbH. Bildrechte: MDR/Karin Bühner

Saisonarbeitskräfte erhalten derzeit den Mindestlohn, also 9,19 Euro. Das sei nicht das Problem, sagte der Chef der Hainich Obst und Gemüse GmbH in Oberdorla, Martin Weißenborn. Für gute Arbeit müsse es guten Lohn geben.

Aber das Geld müsse erwirtschaftet werden. Der Handel bestimme den Preis. Der Gurkenanbau wurde eingestellt, weil hier zahlreiche Saisonkräfte gebraucht werden. Am Ende stand ein Minusgeschäft.

Handelsketten bestimmen Gemüsepreis

Den Preis für das Gemüse, auch für verarbeitetes Gemüse wie Gewürzgurken oder Sauerkraut, bestimmen die großen Einzelhandelsketten. Ein Preis, der international bestimmt wird. Der Thüringer Gartenbauverband kritisiert, dass regionale Gemüsebauern da oft nicht mehr mithalten können.

Denn die Lohnkosten sind in Deutschland wesentlich höher als beispielsweise in Osteuropa, in Nordafrika oder in Indien. Hier sei die Politik gefragt. Regionale Produkte, nach höchsten Standards angebaut, müssten besser geschützt werden, sagt Joachim Lissner vom Thüringer Gartenbauverband in Erfurt.

Klimabilanz

Siegel "Geprüfte Qualität aus Thüringen"
"Geprüfte Qualität aus Thüringen" - mit diesem Siegel wirbt das Land Thüringen. Bildrechte: Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft

Joachim Lissner vom Thüringer Gartenbauverband fordert die Politiker auf, in Sachen Klima genauer hinzuschauen - und das "Qualitätslabel" Made in Thüringen besser zu schützen. Auf der einen Seite könne man nicht Gemüse aus Thüringen auszeichnen und auf der anderen wegschauen, wenn Gemüsebetriebe aus Kostengründen aufgeben müssten.

Gemüse, das von anderen Kontinenten nach Deutschland eingeflogen beziehungsweise per Schiff und Straße gebracht werde, habe eine negative Klimabilanz. Das muss laut Lissner berücksichtigt werden. Die Menschen sollten erkennen, dass heimisches Gemüse in jeder Hinsicht sein Geld wert ist.

Fazit

Joachim Lissner blickt wenig optimistisch in die Zukunft. Der einst starke Thüringer Gemüseanbau werde langsam in die Knie gezwungen. Die viel gepriesene Regionalität verkomme zur Worthülse, wenn nicht gegengesteuert werde.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Juni 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2019, 20:39 Uhr

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20 Kommentare

28.06.2019 20:47 Mane 20

Und die Regierung fördert das alles.Ich bin in der DDR aufgewachsen in einen Dorf . Es wurde alles von Region gekauft. Weniges vom Ausland. Wir würden alle groß und kräftig. Besser wie heute.

28.06.2019 12:33 part 19

Nationale und internationale Handelsketten bestimmen nicht nur beim inländischen Erzeuger den Preis sondern auch in anderen Ländern und erzeugen so eine immer größere industrielle Produktion von Lebensmitteln. Wer jedoch denkt, das er auf dem Wochenemarkt immer einheimische Produkte bekommt, der irrt gewaltigt , auch diese stammen oftmals aus dem Gemüsegroßhandel und aus Übersee, also nachfragen. Hinzu kommt das die US- und Europäische Agrarhandelspolitik ganze Kontinennte mit billigen Produkten überschwemmt und die einheimische Lebensmitterzeugung nicht mehr profitalbel ist, Afrika ist davon besonders betroffen. Gemüseerzeugung ist aber auch stark an künstliche Bewässerung und stete Standortwechsel gebunden, beides miteinander zu vereinbaren wird immer schwieriger, da es die organiserten Mellorationsbetriebe mit dem Netz an Wasserspeichern im Verbund heute nicht mehr gibt. Früher wurde sogar Kraftwerkswärme verwendet um Gewächshäuser zu bertreiben, heute Kleinstaaterei überall.

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