Landwirtschaft Kritik an Verkauf von Agrarbetrieb an Aldi-Stiftung

Ex-Bauernpräsident Klaus Kliem verkauft seinen Agrarbetrieb einer privaten Stiftung des Aldi-Erben Theo Albrecht Junior. Viele Bauern üben nun Kritik. Sie fürchten sich vor dem sogenannten "Landgrabbing" zu Deutsch Landnahme. Auch Landwirtschaftsminister Hoff (Linke) sieht den Verkauf kritisch. Er wirft Kliem vor, sein Gewinninteresse über die Bedürfnisse der Bauern zu stellen.

Ein Bagger pflügt einen Acker in Thüringen.
Ackerland ist auch in Thüringen ein teures Gut. (Symbolbild) Bildrechte: Günther Bigalke GmbH

Thüringens früherer Bauernpräsident Klaus Kliem hat seine Agrargesellschaft einer privaten Stiftung des Aldi Erben Theo Albrecht Junior verkauft. Wie der Unternehmenssprecher von Aldi-Nord Florian Scholbeck MDR THÜRINGEN bestätigte, übernimmt die Boscor Land- und Forstwirtschafts GmbH die Agrar-, Dienstleistungs- und Baugesellschaft (Adib) in Bad Langensalza. Boscor gehört zur Lucas-Stiftung des Aldi Erben Theo Albrecht Junior. Mit einer bewirtschafteten Fläche von rund 6.000 Hektar ist dies die größte Übernahme eines Agrarbetriebes in Thüringen. Nach MDR-Informationen bekommen die Gesellschafter rund 27 Millionen Euro. Dazu übernimmt die Aldi-Stiftung die Altschulden der Adib, die bei rund 13 Millionen Euro liegen.

Die Adib bewirtschaftet 4.000 Hektar bei Bad Langensalza und 1.800 Hektar bei Dröbischau in der Nähe von Rudolstadt. Davon ist allerdings das meiste Land von ehemaligen Genossenschaftsmitglieder der früheren LPGen langfristig gepachtet. Im Eigentum besitzt die Adib nur rund 1.200 Hektar. Dazu gibt es einige Unternehmen wie den Fleischmarkt Aschara und die Transport GmbH, die vor allem Milch von Landwirten zu Molkereien transportiert.

Verkauf vieler Anlagen an verschiedene Unternehmen

Die einst lukrative Schweinemastanlage am Wiegleber Kreuz, die 2017 wegen skandalöser Tierhaltung fast geschlossen worden war, hat die Adib schon an einen Landwirt aus Nordrhein-Westfalen abgegeben. Angeblich weit unter Wert für drei Millionen Euro. Ebenso das Gasthaus Thiemsburg am Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich. Diese Gastronomie gehörte zu den Hobbys von Klaus Kliem. Das Gasthaus wurde im Mai für nur 800.000 Euro verkauft.

Alle rund 60 Gesellschafter der Adib haben dem Verkauf zugestimmt. Klaus Kliem und seine Familie hielten an der Adib 52 Prozent. Kliem selbst war 47 Jahre in leitender Position tätig. Bis zur Wende als LPG-Vorsitzender der LPG Aschara, nach der Umwandlung der LPG in eine GmbH und Co. KG als deren Geschäftsführer. Von den einst über 800 Genossen haben also mehr als 700 ihre Anteile verkauft. Die übrig Gebliebenen können sich nun über eine gute Verzinsung ihre Gesellschaftsanteils freuen.

Kliem will neuen Eigentümer beraten

Klaus Kliem
Klaus Kliem will den neuen Eigentümer zukünfitg beraten. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

Auf Anfrage teilte Kliem mit, man habe sich für den Verkauf an einen finanzstarken Käufer entschieden, um den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu sichern. Zudem will Kliem im Übergang das Unternehmen weiter beraten. Der Aldi Nord-Sprecher sagte MDR THÜRINGEN es gehe der Lucas Stiftung von Aldi um eine Investition für die nächsten Generationen. Man wolle boden- und ressourcenschonend wirtschaften und auch die Arbeitsplätze sichern. Wieviel davon wahr wird, muss sich zeigen. Die Aldi Stiftung besitzt bereits mehrere landwirtschaftliche Unternehmen.

Sicher ist ein so großes Agrarunternehmen nicht leicht zu verkaufen, obwohl es mehrere Interessenten gegeben haben soll. Eine Aufspaltung und einen Verkauf an viele kleinere umliegende Landwirte kam aber offensichtlich nicht in Betracht. Der bereits über 70-jährige Kliem selbst fand aber auch keinen Nachfolger, der in seine Fußstapfen treten könnte. Seine Tochter und sein Sohn haben branchenfremde Berufe ergriffen.

ABL fordert Politik zum Handeln auf

Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (Abl) beschäftigt sich schon länger mit Landgrabbing. Als im letzten Jahr die Lucas Stiftung von Aldi die Geithainer Landwirtschaftsgesellschaft kaufte, ebenfalls von der Adib, schrillten bei der Abl die Alarmglocken. Seit Jahren müssen die Klein- und Biobauern zusehen, wie die Landwirtschaft zur Spekulationsmasse wird. Sie fordern in einem Positionspapier eine echte Regulierung des Bodenmarktes. Das heißt zum Beispiel: Ein Genehmigungsverfahren, eine Ausschreibungspflicht und ein Vorkaufsrecht für bäuerliche Betriebe.

Kritik von Agrarminister Hoff (Linke)

Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff
Landwirtschaftminister Hoff (Linke) erhebt schwere Vorwürfe an Kliem. (Archivbild) Bildrechte: Benjamin-Immanuel Hoff

Thüringens Landwirtschaftsminister Benjamin-Immanuel Hoff (Die Linke) kritisierte am Donnerstag den Verkauf der Agrargesellschaft Adib. Solche Verkäufe seien verantwortlich für den unverhältnismäßigen Anstieg der Bodenpreise, erklärte er. Zudem kritisierte Hoff den Ehrenpräsidenten des Thüringer Bauernverbandes Kliem persönlich, weil der seine privaten Gewinninteressen über die Bedürfnisse des Thüringer Bauernstandes gestellt habe.

Auch der Thüringer Bauernverband (Tbv) kritisierte Kliems Entscheidung. "Als Thüringer Bauernverband hätten wir uns gewünscht, dass das Unternehmen in den Händen von Thüringer Landwirt*innen verbleibt.", so Dr. Klaus Wagner, Präsident des Tbv. Die CDU bezeichnete den Verkauf an die Aldi Stiftung als "ärgerlich" und "unnötig". Die Verlierer seien dabei die Landwirte. Sie laufen Gefahr, einen fairen und bezahlbaren Zugang zu der Ressource zu verlieren, die ihnen das Einkommen sichert, heißt es in einer Stellungnahme. Ob ein Agrarstrukturgesetz, wie nun von fast allen gefordert aber das hält was es verspricht, ist nicht sicher. Es könnte verfassungswidrig sein, sich in private Geschäfte einzumischen, vermutet der Bauernverband.

Hohe Bodenpreise haben Stabilisierung der Adib verhindert

Ländergesetze, selbst wenn sie in ganz Ostdeutschland gelten, könnten den Druck auf andere Regionen in Deutschland erhöhen, vermutet man in den Ländern. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hält sich aber zurück. Das Problem aber sind auch die Größenordnungen der ostdeutschen Landwirtschaft. Die Einheiten sind einfach zu groß und zu unbezahlbar für Neulandwirte. Auch die Adib hatte versucht, sich durch Zukäufe zu stabilisieren. Letztlich aber sind die Bodenpreise davon geeilt und durch die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt werden eben Investoren angelockt. Der Aldi-Sprecher sagte nebenbei im Gespräch mit dem MDR: "Immer noch besser, als wenn die Amerikaner oder Chinesen sich in der deutschen Landwirtschaft einkaufen."

Quelle: MDR THÜRINGEN/jw

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. August 2020 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

aus Rio vor 10 Wochen

Zur Vertiefung der damaligen Vorgänge empfehle ich den Artikel aus dem Spiegel Heft 33/1997.
Es ist in der damaligen Zeit vieles nicht rechtens gewesen und vieles wurde auch sehr leichtgläubig hingenommen.

aus Rio vor 10 Wochen

Ich erinnere an das Schreiben vom Anwalt Börner, womit Druck auf die Eigentümer ausgeübt wurde..Der Anwalt Olaf Börner aus Kassel....schrieb im Sommer 1992 einen Brief an alle 931 Kommanditisten, in dem es heisst, „es sei nicht sicher, ob das Geld der Kommanditisten in fünf Jahren noch in vollem Umfang zur Verfügung stehe, da es der ostdeutschen Landwirtschaft sehr schlecht ginge. Auch sei es durch eine Satzungsänderung zu der Situation gekommen, dass die Kommanditisten zukünftig auch mit ihrem Privatvermögen für das Unternehmen haften würden.“Dieses Argument klingt ungeheuerlich in Anbetracht der Tatsache, dass es juristisch nicht möglich ist, Kommanditisten zur Haftung über ihre Einlage hinaus heranzuziehen. Zur Folge hatte diese Argumentation, dass 857 Kommanditisten ausschieden. ( von fast 1000 ehemaligen Eigentümern)

part vor 10 Wochen

Wie war das nach der Änderung der Gesellschaftsordnung. die LPG`s im Land konnten ihre Mitglieder nicht ausbezahlen mangels Masse und Unterbewertung von Immobilienbestand. Die neuen Vorsitzenden wurden zu Geschäftsführern, veranstalten einmal im Jahr ein Gemeinschaftsfest und loben sich selbst wegen Erhalt weniger Arbeitsplätze. Die ehemaligen Eigentümer mit Punktesystem ohne Grundbuchentrag gingen leer aus...

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