Mühlhausen Nachforschungen zu KZ-Außenlagern bis Jahresende

In Mühlhausen wird bis Jahresende das Schicksal der Menschen in den KZ-Außenlagern "Martha I und II" wissenschaftlich erforscht. Auch für die Zeit nach 1945 soll die Geschichte des "B-Lagers" dokumentiert werden. Ein Forscher will erste Ergebnisse seiner Quellensuche am Montag vorstellen.

von Claudia Götze

Eine Gedenktafel im Mühlhäuser Stadtwald.
Am Mühlhäuser Stadtwald arbeiteten bis zu 1.000 Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa und ab Oktober 1944 bis Anfang März 1945 bis zu 600 Jüdinnen aus dem KZ Ausschwitz im "Gerätebau", wo sie Zünder für Bomben und Granaten herstellten. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

75 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges wird die Geschichte der KZ-Außenlager "Martha I und II" in Mühlhausen erneut erforscht. Nach der Kritik am zunächst dort vorgesehenen Standort für das Thüringer Bratwurstmuseum haben die Stadt Mühlhausen und der örtliche Geschichtsverein den Jenaer Historiker Marc Bartuschka mit Forschungen beauftragt. Bis Jahresende hofft der Experte auf ein "wesentlich genaueres Bild von den Zuständen" bei Zwangsarbeit und KZ-Häftlingsarbeit“ im Stadtgebiet von Mühlhausen. Für die Zeit nach 1945 soll die Geschichte des Standortes, den die Eimheimischen "B-Lager" nennen, lückenlos dokumentiert werden. Auch zum Buchenwald-Außenlager Martha I mit ausschließlich männlichen Zwangsarbeitern am Mühlhäuser Wendewehr erhofft er sich trotz weniger Quellen neue Erkenntnisse.

Opfern eine Stimme und ein Bild geben

"Wir wollen den Opfern eine Stimme und ein Bild von ihrem Häftlingsalltag geben", skizziert Bartuschka das Ziel. "Wer waren die Männer und Frauen, die als KZ-Häftlinge nach Mühlhausen deportiert wurden? Wie erlebten sie ihre Zeit dort? Wenn möglich: Wie war ihr Schicksal? Die bereits vorliegenden Informationen sollen wesentlich erweitert und dabei auf Interviews mit Überlebenden und die vorliegenden Erinnerungsberichte sowie Akten zurückgegriffen werden. Bisher ist bekannt, dass am Stadtwald bis zu 1.000 Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa und ab Oktober 1944 bis Anfang März 1945 bis zu 600 Jüdinnen aus dem KZ Ausschwitz im "Gerätebau", wo sie Zünder für Bomben und Granaten herstellten. Vom Lager "Martha II" mussten sie täglich einen langen Fußmarsch zum Arbeitsort im Stadtwald zurücklegen.

Ein Denkmal erinnert an einem Wanderweg im Mühlhäuser Stadtwald an das ehemalige KZ-Gefangenenlager.
Eine Skulptur im Mühlhäuser Stadtwald erinnert an das ehemalige KZ-Gefangenenlager. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Bei den Gefangenen in der letzten Kriegsphase wird es erfahrungsgemäß schwierig, so Bartuschka. "Die Erinnerungen sind sehr lückenhaft. Viele Bestände sind vernichtet worden", weiß der Historiker. Es gebe zwar Transportlisten, um den Weg durch die einzelnen Lager zu verfolgen. Einzelschicksale seien damit aber schwierig aufzuzeigen. "Glücklicherweise gibt es einige Dutzende Interviews mit Überlebenden". Er habe bereits in Archiven in Israel, Polen und Washington angefragt.

Erste Ergebnisse sollen Montag vorgestellt werden

Erste Ergebnisse seiner Quellensuche will er am Montagabend beim Holocaust-Gedenken in der Mühlhäuser Rathaushalle vorstellen. Neu ist: Alle 600 Frauen, die in Martha II gefangen waren, kamen aus dem KZ Auschwitz. Die sehr jungen Frauen mussten unter Bewachung täglich 10 bis 12 Stunden, auch nachts, arbeiten. Es gab Misshandlungen "aber nicht vergleichbar mit Auschwitz", so Bartuschka. Die Rolle von Wachpersonal und Waffen-SS soll ebenso beleuchtet werden.

Das Kapitel Zwangsarbeit und Ausbeutung von Häftlingen ist im kollektiven Gedächtnis wenig präsent, sagt der Mühlhäuser OB Johannes Bruns (SPD). Das habe die Diskussion um den neuen Standort für Bratwurstmuseum gezeigt. "Diese Lücke wollen wir schließen". Eine Chronologie der Ereignisse könne beim Umgang mit dem Areal weiterhelfen und zu neuer Auseinandersetzung mit diesem Kapitel Stadtgeschichte anregen, so Bruns.

Neue Forschungen als Ausgangspunkt für Exkursionen nach Buchenwald

Laut Bartuschka haben KZ-Außenlager weitaus weniger Aufmerksamkeit, weil sie nur für kurze Zeit genutzt wurden. Spätere Nutzungen überdecken meist die Erinnerung und die Wahrnehmung. In Mühlhausen wurde die Baracken und Gebäude von der NVA und von 1992 bis 2007 fast durchgängig für Asylbewerber genutzt. Die Ergebnisse sollen in einem Sonderheft "Mühlhäuser Beiträge" und in Online-Medien veröffentlicht werden Schüler sollten hier vor Ort auf Exkursionen nach Buchenwald vorbereitet werden, empfiehlt Bartuschka. Damit würden sie in den lokalen Raum "rückgekoppelt".

Fotografie eines Gebäudes auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers in Mühlhausen aus dem Jahr 1992.
Von 1992 bis 2007 wurde das ehemalige Gebäude der NVA für Asylbewerber genutzt. Hier eine ältere Aufnahme. Bildrechte: MDR

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 27. Januar 2020 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 13:25 Uhr

2 Kommentare

Der Matthias vor 9 Wochen

@ part

"Die heimlichen Profiteuere des ganzen gingen nahezu oder gänzlich straffrei aus, ihre Enkel gehören heute wieder zu den Eliten im Land oder an der Wallstreet."

Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen? Übrigens: Wollen Sie die Enkelgeneration alle Ernstes für die Verbrechen ihrer Großväter moralisch in Sippenhaft nehmen? Leute in Sippenhaft zu nehmen haben übrigens schon die Nazis gemacht. Wo das hingeführt hat, ist allgemein bekannt und genau daran erinnern wir an einem so wichtigen Gedenktag wie dem heutigen! Nie wieder darf sich so etwas wiederholen . . . weder hierzulande noch anderswo!

part vor 9 Wochen

Das ganze Deutsche Reich nebst anekdierten Gebieten war ein einziges Außenlager, überall Große und kleine KZ, in jedem Bertieb entweder Häftlinge oder Zwangsarbeiter, denn die Fachkräfte wurden an der Front verheizt. Dazu kam Zwangsarbeit durch den Reichsarbeitsdienst oder das Pflichtjahr für Frauen. Die ganze deutsche Kriegsmaschinerie beruhte nur auf Sklaventum und Recourchenausbeutung in besetzten Gebieten. Die heimlichen Profiteuere des ganzen gingen nahezu oder gänzlich straffrei aus, ihre Enkel gehören heute wieder zu den Eliten im Land oder an der Wallstreet.

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