Das Schild Zeuge steht auf dem Platz vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt (Thüringen).
Bildrechte: dpa

Untersuchungsausschuss NSU-Unterstützer hatte Angst vor V-Mann-Tätigkeit

Carsten S. übergab im Jahr 2000 Böhnhardt und Mundlos die Mordwaffe "Ceska", mit der diese zahlreiche Morde begingen. Später stieg er aus der Szene aus. Jetzt sagte er im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss aus.

Das Schild Zeuge steht auf dem Platz vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt (Thüringen).
Bildrechte: dpa

Im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss ist am Donnerstag der frühere NSU-Unterstützer Carsten S. vernommen worden. S. sagte, dass er nach seinem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene 2000 in Jena Angst hatte, vom Verfassungsschutz unter Druck gesetzt zu werden. Er habe damals gespürt, dass er überwacht worden sei. "Ich hatte Angst, dass die mich erpressen könnten und wieder in die Szene als Informant zurückschicken", so S. vor dem NSU-Ausschuss.

MDR THÜRINGEN hatte 2013 öffentlich gemacht, dass der Thüringer Verfassungsschutz tatsächlich 2001 erwogen hatte, S. als V-Mann anzuwerben und wieder in der rechtsextremen Szene einzusetzen. Der Vorgang wurde unter dem Codenamen "Delhi" geführt - benannt nach dem Geburtsort von Carsten S., der indischen Hauptstadt Neu Delhi. S. sagte am Donnerstag vor dem Ausschuss, dass er dann aber nicht vom Verfassungsschutz angesprochen worden sei.

Mittler zwischen NSU-Trio und Wohlleben

Der Angeklagte NSU V-Mann, Carsten S.
Carsten S. beim NSU-Prozess in München 2013. Bildrechte: dpa

Der Zeuge bestätigte dem Ausschuss, dass er zwischen 1999 und 2000 der Mittler zwischen dem untergetauchten Trio und dem Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben war. Er sei damals von diesem und dem früheren Jenaer Rechtsextremisten André K. eingeweiht worden, telefonischen Kontakt zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zu halten.

S. wurde am Donnerstagvormittag unter Polizeischutz in den Thüringer Landtag gebracht. Er war im NSU-Verfahren am Oberlandesgericht München als Kronzeuge aufgetreten und ist seitdem in einem Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes. Er war im Juli dieses Jahres am OLG München zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt worden, da er zur Tatzeit 20 Jahre alt war. Er hatte gestanden, im Jahr 2000 an Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Mordwaffe "Ceska" übergeben zu haben.

Ausschuss-Mitglieder kritisieren Verteidigungsministerium

Außerdem warfen am Donnerstag Mitglieder des NSU-Ausschusses dem Bundesverteidigungsministerium vor, ihre Aufklärungsarbeit zu behindern. Das Ministerium hatte laut der Nachrichtenagentur dpa einem als Zeugen geladenen Soldaten nicht erlaubt, auszusagen. Die Ausschussvorsitzende Dorothea Marx (SPD) sagte dazu, "es ist tragisch und unvollständig, dass hier das Aufklärungsversprechen der Behörden nicht eingehalten wird". Der Soldat war zwar im Landtag erschienen, dann aber ohne eine Aussage zu machen wieder abgereist.

Im Ausschuss besteht der Verdacht, dass der Soldat als V-Mann "Harm" für den Militärischen Abschirmdienst gearbeitet hat - und dass dieser V-Mann in den ersten Jahren des Untertauchens des NSU nah an den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dran war. Die beiden Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" lebten zu diesem Zeitpunkt schon etwa seit drei Jahren im Untergrund.

Quelle: MDR THÜRINGEN / dpa

--- AKTUELLES AUS THÜRINGEN ---

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 18. Oktober 2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2018, 11:17 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

10 Kommentare

20.10.2018 07:57 observer 10

Die Angst davor, daß die Wahrheit herauskommt, muß in gewissen einflußreichen Cliquen offenbar sehr groß sein. Um so wichtiger ist, daß der parlamentarische Untersuchungsausschuß sich nicht austricksen läßt.

19.10.2018 20:54 HERBERT WALLASCH, Pirna 9

Seine Angst ist nicht unberechtigt, nachdem sich die Reihen der eventuellen Kronzeugen durch mysteriöse Unfälle oder Krankheiten gelichtet haben. Ferner wo soll das Vertrauen auf verbindliche Zusagen herkommen, wenn Hessen, mit Zustimmung der Bundesbehörden ihre NSU-Akten für 125 Jahre (!!!!!) schließen darf. Bauernopfer sind dann schnell gefunden und auch auf die gewollte Linie gebracht.

Mehr aus Thüringen