Ein obdachloser Mensch sitzt in viele Decken gewickelt an eine Mauer gelehnt
Obdachloser Mensch an einer Mauer: Obdachlosigkeit ist nur ein Teil der Wohnungslosigkeit. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/localpic

Schulden als Hauptursache Bis zu 6.500 Wohnungslose in Thüringen

Hohe Mieten oder Schulden: Um Menschen ohne Wohnung helfen zu können, brauche es belastbare Zahlen über die Betroffenen, fordern Thüringens Sozialministerin und die Parität. Ein Gesetz dazu ist derzeit auf dem Weg.

von Katrin Kurth

Ein obdachloser Mensch sitzt in viele Decken gewickelt an eine Mauer gelehnt
Obdachloser Mensch an einer Mauer: Obdachlosigkeit ist nur ein Teil der Wohnungslosigkeit. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/localpic

In Thüringen gibt es laut Schätzungen zwischen 5.000 und 6.500 Wohnungslose. Das sagte Sozialministerin Heike Werner (Linke) MDR THÜRINGEN. Eine belastbare Statistik wird bislang aber nicht erstellt. Damit ist der Freistaat keine Ausnahme, auch in anderen Ländern wird die Zahl der Betroffenen lediglich geschätzt. Ein Umstand, den die Ministerin kritisiert.

Wenn Zahlen vorlägen, seien Staat und Behörden gezwungen, zu handeln, sagte Werner. Dann müsse man genau nachfragen: Wer ist betroffen und warum ist jemand betroffen. Dass es bislang keine genauen Daten gibt, habe unter Umständen daran gelegen, dass das Thema ein Stück weit tabuisiert worden sei, so die Ministerin.

Wohnungslos und obdachlos Als wohnungslos werden Menschen bezeichnet, die keinen Mietvertrag haben. Allerdings können sie durchaus eine Unterkunft haben - etwa in Notunterkünften oder bei Freunden.

Obdachlos ist jemand, der weder einen festen Wohnsitz, noch eine Unterkunft hat. Obdachlosigkeit bezeichnet daher nur einen Teil der Wohnungslosigkeit.

Dem Bundesrat liegt ein Gesetzentwurf vor, mit dem eine bundesweite Wohnungs- und Obdachlosenstatistik eingeführt werden soll. Mecklenburg-Vorpommern hatte die Initiative vor gut zwei Jahren eingebracht und war damals von neun anderen Ländern unterstützt worden, auch von Thüringen. Laut Werner wird der Entwurf voraussichtlich Mitte Dezember im Bundestag behandelt.

Anfang April 2020 - so der aktuelle Stand - soll das Gesetz in Kraft treten, die ersten belastbaren Zahlen könnten im Januar 2022 vorliegen. Werner bezeichnete die Gesetzespläne als Schritt in die richtig Richtung. Sie habe sich aber gewünscht, dass die Länder stärker und mit eigenen Erhebungen beteiligt würden.

"Zu hohe Mieten" und Schulden

Die Aussagen der Ministerin decken sich in vielen Fällen mit denen von Stefan Werner, Landesgeschäftsführer der Parität in Thüringen. Auch er begrüßt das geplante Gesetz, "wohlwissend, dass eine hohe Dunkelziffer bleiben wird". Er habe - auch in anderen Bereichen - die Erfahrung gemacht, dass es für politisches Handeln belegbare Zahlen brauche, sagte er MDR THÜRINGEN. Bei den meisten Betroffenen im Freistaat spielten offenbar zu hohe Mieten eine Rolle, die sie nicht mehr bezahlen könnten.

Heike Werner
Thüringens Sozialministerin Heike Werner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland gelten zurzeit etwa 678.000 Menschen wohnungslos. Rund 41.000 leben komplett auf der Straße. Auch das sind geschätzte Zahlen, die die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe am Montag vorstellte. Bundesweit fehlt laut BAG vor allem für Alleinstehende und Alleinerziehende bezahlbarer Wohnraum, aber auch für anerkannte Asylbewerber. Die seien in Thüringen nicht in dem Maße betroffen wie in anderen Ländern, sagte Heike Werner. Hier gebe es einen großen Zusammenhang zwischen Wohnungslosigkeit und Schulden, bestätigt die Ministerin die Erfahrungen von Parität-Geschäftsführer Werner.

Genau an dieser Stelle will die Sozialpolitikerin ansetzen, sobald es konkrete Zahlen gibt. Schon jetzt gebe es erste Ansätze. So arbeiten laut Werner in einigen Kommunen Schuldnerberatungsstellen seit Jahren mit Wohnungsgesellschaften zusammen. "Da wird schnell klar: Wo, in welcher Familie gibt es ein ernsthaftes Schuldenproblem? Wie können wir entgegenwirken?" Vor allem sei Prävention wichtig, sagte Werner. Sie könne sich eine "Thüringer Wohnungsnotfallhilfe" vorstellen. Eine, die nicht nur behördenübergreifend arbeitet, sondern auch die Kommunen vernetzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/sar

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. November 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 20:13 Uhr

27 Kommentare

wwdd vor 3 Wochen

40% des Bundeshaushaltes gehen für Soziales drauf. Wir haben neben Belgien die höchste Steuer- und Abgabenlast in Europa. Das Wort Solidarität bedeutet in Deutschland Abzocke der Mitte und fehlende Eigenverantwortung vieler Menschen.

martin vor 3 Wochen

Werter Fürst, ich habe eher den Eindruck, dass Sie beim Blick von Ihrem Bergfried von sich auf andere schließen.

Und wenn Sie die Kommentare hier mit Bedacht und Verstand gelesen haben, dann wissen Sie, dass Ihr vorletzter Satz zwar richtig ist, aber völlig am Thema vorbei geht, da die Angebote "sich zu kümmern" ja vorhanden sind.

Oder ignorieren Sie die Erkenntnis, weil Sie lieber ein wenig "Feindbildpflege" betreiben möchten?

Stealer vor 3 Wochen

@Atheist: Oh, die Realität dürfen Sie schon benennen. Aber Ihr nächster Absatz zeigt, dass Sie es damit nicht so haben.

@Fuerst Myschkin: Auch wenn die Zahlen schlimm sind, so machen sie etwa 1% der Wohnungslosen in Deutschland aus. Da Deutschland nicht über 200 Mio. Einwohner hat, sind sie unterdurchschnittlich. Und Ihren sonstigen Äußerungen zufolge sollte man ein Buch manchmal doch nach seinem Einband bzw. dem Titel beurteilen.

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