Ein Bagger setzt am Dach eines Gebäudes an.
Energie- und Umweltministerin Anja Siegesmund nahm für eine Weile Platz im Abrissbagger. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Altenburger Land Altlastensanierung in Rositz-Schelditz - Wohnhäuser werden abgerissen

Am ehemaligen Teerverarbeitungswerk in Rositz im Altenburger Land ist am Freitag ein großes Sanierungsprojekt gestartet worden. In der ersten Bauphase soll eine Anlage zur großflächigen Grundwasser-Reinigung installiert werden. Zudem werden acht Wohnhäuser abgerissen, eine Straße angehoben und ein Bach verlegt.

von Kathleen Bernhardt

Ein Bagger setzt am Dach eines Gebäudes an.
Energie- und Umweltministerin Anja Siegesmund nahm für eine Weile Platz im Abrissbagger. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Jürgen Dobmaier ist zufrieden. Traurig, aber zufrieden. "Das ist schon nicht so einfach. Nach 26 Jahren muss ich mein Eigentum, mein Wohnhaus aufgeben." Das Eigenheim von Jürgen Dobmaier im Rositzer Ortsteil Schelditz (Altenburger Land) wird abgerissen - genau wie sieben weitere Einfamilienhäuser und ein Wohnblock. Sie werden abgerissen für sauberes Grundwasser und frische Luft.

Es ist eine Ironie des Schicksals. Denn Jürgen Dobmaier hat für sauberes Grundwasser in Schelditz lange gekämpft. Dass sein Haus dem letztlich zum Opfer fällt, hat er natürlich nicht geahnt. Trotzdem hat er seinen Frieden gemacht. "Es ist richtig, wie das hier alles gehandhabt wird", sagt er. Sein Haus wurde ihm nach dem Verkehrswert bezahlt; ebenso wie die anderen Eigenheime - ein bislang in Deutschland einmaliges Verfahren, sagt Umweltministerin Anja Siegesmund (Bündnis 90/Die Grünen).

Hintergrund: Giftige Stoffe im Grundwasser Seit Jahren drückt mit Schadstoffen belastetes Wasser in Gebäude in Schelditz im Altenburger Land. Die Gifte waren einst auf dem Gelände des Teerverarbeitungswerkes Rositz in den Untergrund gelangt. Nun, da ehemalige Braunkohletagebaue im Süden Leipzigs stillgelegt wurden, steigt der Grundwasserspiegel und spült die Rückstände in die Wohnhäuser. Bei Messungen war der Grenzwert des giftigen und krebserregenden Benzols um ein Vielfaches überschritten worden. Ein Gutachten war einst davon ausgegangen, dass bis zu 42 Häuser von dem Problem betroffen sein könnten. Durch weitere Analysen hatte sich der Verdacht nach Angaben der Planer lediglich für elf bestätigt. Fachleute sprechen von einem der kompliziertesten Altlastenfälle Thüringens.

Man merkt, dass ihr das Wohl der Menschen hier am Herzen liegt. Und die Mitglieder der Schelditzer Bürgerinitiative sind über die Jahre regelrechte "Siegesmund-Fans" geworden. "Dank der Umweltministerin, sie hat uns toll unterstützt. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre das alles nicht so gekommen", sagt auch Lothar Schumann. Denn die vorherige Landesregierung habe die Hausbesitzer im Stich gelassen; nicht mal auf Schreiben reagiert, sagen die Schelditzer.

Eine Straße in Schelditz mit drei Wohnhäusern
In Schelditz bereitet das belastete Grundwasser einigen Anwohnern starke Probleme. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Am Freitagvormittag reißt Anja Siegesmund mit einem Bagger ein Loch ins Dach der ehemaligen HO-Verkaufsstelle an der Talstraße. Das Haus ist das erste von insgesamt acht, die bis Frühjahr nächsten Jahres abgerissen werden. Damit werde Baufreiheit für eine Drainage zu einer Anlage zum Reinigen des Grundwassers geschaffen. Zuviel des verseuchten Grundwassers war in die Häuser gelaufen.

Belastetes Grundwasser dringt in die Häuser

Laborwerte bestätigten: Allein der Benzolwert im Wasser war um das 700-fache überschritten, sagte die Umweltministerin. Eine Anlage zur großflächigen Grundwasser-Reinigung wird nun in Schelditz installiert; der Gerstenbach wird verlegt, die Talstraße angehoben, Wasser- und Stromleitungen verlegt. Zwei Planfeststellungsverfahren müssen abgeschlossen werden. Baugrunduntersuchung, Durchflussmessungen, Artenschutz - die Liste der Vorbereitungen ist endlos lang. Seit Januar 2015 wurde die Sanierung geplant, immer gemeinsam mit der Bürgerinitiative, wie diese lobend erwähnt. Nun beginnt die längst überfällige Sanierung in Schelditz.

Da in der angrenzenden Region Leipzig kein Bergbau mehr stattfindet, steigt das belastete Grundwasser an und drückt in die Häuser. Im vorigen Jahr wurde ein Vertrag zur Kostenübernahme unterzeichnet. Geld vom Bund bringt die Lausitz-Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) ein, die zugleich Projektträger für die Sanierung ist. Das Land Thüringen übernimmt 7,8 Millionen Euro der Sanierungskosten. Die Gesamtkosten liegen bei rund 13 Millionen Euro.

In einigen Häusern werden die Keller verfüllt

Die Umzugskosten für die Mieter hat Umweltministerin Anja Siegesmund aus Lottomitteln der anderen Ministerien eingeworben - 40.000 Euro sind so zusammen gekommen. Für den Kauf und Abriss der Eigenheime wurden Verkehrsgutachten erstellt und Gelder aus einem Entschädigungsfonds aufgetan - bundesweit einmalig, so die Ministerin. Manche Eigenheime können stehen bleiben. Hier werden die Keller verfüllt oder das Haus mit einer sogenannten Wanne umbaut, um das Wasser abzuhalten.

In drei Jahren sollen die Sanierungsarbeiten an Thüringens größter und kompliziertester Altlast abgeschlossen sein, so die Umweltministerin. Seit 1990 ist das Teerwerk Rositz geschlossen; für 190 Millionen Euro wurde der Teersee Rositz bereits saniert.

Quelle: MDR THÜRINGEN, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2019, 16:26 Uhr

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