Die1000jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst.
Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Nöbdenitz Tausendjährige Eiche bekommt Stützgerüst

Die 1.000-jährige Eiche in Nöbdenitz - wenn die reden könnte, hätte sie sicher einiges zu erzählen. Seit Jahren wehrt sich die hohle Stieleiche tapfer gegen Wind und Wetter, treibt immer wieder Blätter und fällt - allen Unkenrufen zum Trotz - nicht um. Damit das so bleibt, bekommt der denkmalgeschützte Baum ein neues Stützkorsett.

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Franziska Heymann

Die1000jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst.
Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Da stehst du nun als Eiche seit Jahrhunderten herum und denkst dir nichts Böses. Ein paar Schönwetterwolken hängen am blauen Himmel. Es verspricht ein ruhiger, warmer Tag zu werden im Altenburger Land. Und plötzlich kommt da ein 14 Meter langes Stahlrohr angeschwebt und quetscht sich zwischen deinen Äste durch! Da zittern wohl selbst der rüstigsten Stieleiche die Blätter wie Espenlaub.

Das neue Stützkorsett für die Stieleiche, auch liebevoll "Tausendjährige" oder "Thümmeleiche" genannt, wird von zwei Stahlpylonen gehalten. Von diesen Pylonen sollen rostfreie Stahlseile gespannt werden, die die Äste abstützen. Soweit die rund 36.000 Euro teure Theorie. Aber bis es soweit ist, müssen die Mitarbeiter der Metallbaufirma Knödler aus Zeulenroda (Landkreis Greiz) und die Baumexperten um den Sachverständigen Bodo Siegert ordentlich Ziehen und Zerren und sich in die Seile hängen, damit auch jeder Pylon ans rechts Fleckchen rückt.

"Wir haben vorab gesenkelt. Also heißt, eine Schnur hin gemacht und geschaut, dass die gerade runter auf den Boden kommt", erklärt Siegert. Natürlich wurde noch fleißig gerechnet, damit das neue Stützkorsett statisch seine Richtigkeit hat. Und so rutschen, nach vielen Tagen Planung und mehreren Wochen Vorarbeit, in der Rekordzeit von 30 Minuten rechts und links zwei 14 Meter hohe und mehr als 30 Zentimeter breite Stahlrohre Millimeter für Millimeter durch die Äste, bis sie auf dem Boden landen.

Heizungsrohre für die Wurzeln

Vor allem die linke Baumseite hat Siegert eine schlaflose Nacht bereitet, weil die Äste der Stieleiche so verwinkelt stehen, dass der Pylon nur mit einem heftigen Knirschen sowie drei Mann und einer Frau in den Seilen ins Fundament rutscht. Doch am Ende waren das Blätterzittern bei der Stieleiche und auch Siegerts schlaflose Nacht unnötig: Nicht ein lebendes Ästchen muss der rüstige Baum opfern für sein neues Korsett. Und auch ein paar Etagen tiefer unter der Erde ist während der Vorarbeiten alles gut gegangen. 15 dickere Wurzeln winden sich durch die beiden Fundamentlöcher - keine davon wurde laut Siegert beseitigt, um den vitalen Baum nicht zu schädigen. "Die hat man mit Isolationsrohren von der Heizung ummantelt, wie ein Heizungsrohr verlegt und rechts und links die Ecken mit Bauschaum versprüht", erklärt der Baumexperte, der auch im Ausland schon Bäume gerettet hat wie beispielsweise eine uralte Platane vor den Toren der kroatischen Stadt Dubrovnik. Immerhin ist jede Wurzel für die "Tausendjährige" wichtig, die in weiten Teilen nur noch aus morschen Rinden"brettern" besteht und innen hohl ist. Im Prinzip ist die denkmalgeschützte Stieleiche nun auch für die kommenden tausend Jahre gerüstet: "Wir haben die Heizungsrohre mit so viel Spielraum gewählt, dass die Wurzeln locker doppelt so dick werden können wie sie jetzt sind", sagt Siegert. 50 bis 100 weitere Jahre gibt er dem Baum locker.

Altenburger Land 1.000-jährige Eiche bekommt Gerüst

Die 1.000-jährige Eiche in Nöbdenitz wehrt sich seit Jahren tapfer gegen Wind und Wetter. Allen Unkenrufen zum Trotz steht sie noch. Damit das so bleibt, bekommt der denkmalgeschützte Baum ein neues Stützkorsett.

Die1000jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst.
Mit Hilfe eines Krans schwebt der 14 Meter hohe und gut 30 Zentimeter dicke, tonnenschwere Stahlpylon durchs Astwerk der Eiche. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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Mit Hilfe eines Krans schwebt der 14 Meter hohe und gut 30 Zentimeter dicke, tonnenschwere Stahlpylon durchs Astwerk der Eiche. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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Es hat geknirscht, die Blätter haben gewackelt – aber dank millimetergenauer Messarbeit… Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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…und kräftiger Helfer sind die Stahlpylone aufs Fundament gerutscht. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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Zum Glück hat sich bei den wochenlangen Vorarbeiten niemand vermessen. Die Pylone passen perfekt aufs Fundament! Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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Rüstige Dame im Korsett! Die neue Stütze trägt die Stieleiche weniger um der schlanken Taille wegen, sondern um nicht aus Altersschwäche umzukippen. In den nächsten Tagen werden an die Pylone noch Stahlseile angehängt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Baumgutachter untersucht Boden
Um die Wurzeln der Eiche zu schonen, wurden die mit Heizungsrohren ummantelt und dann einbetoniert. So konnte der Eiche jede lebenswichtige Wurzel erhalten bleiben. Bildrechte: Bodo Siegert/Die Nürnberger
Die1000jährige Eiche in Nöbdenitz bekommt ein Gerüst.
Baumsachverständiger Bodo Siegert mit einem Fundstück. Diese Vase wurde zwischewn den Wurzeln der Eiche gefunden. Ist sie eine Grabbeigabe für Minister Thümmel?! Das sollen nun Historiker herausfinden. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Grafik eines Gerüsts an einer Eiche
So soll die fertige Installation aussehen. Bildrechte: MDR LANDESFUNKHAUS THÜRINGEN
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Der Geist von Minister Thümmel

Immerhin zählt 1.000-jährige Eiche in Nöbdenitz zu den mächtigsten Bäumen in Europa. Vor 200 Jahren büßte sie nach einem Blitzschlag ihre Krone ein. Seit Jahren muss der Baum gestützt werden - immer wieder wurde darüber diskutiert, das Naturdenkmal zu fällen, weil es nicht mehr standsicher sei. Doch obwohl der Baum innen hohl ist und durch Metallringe und Stützbalken gehalten wird, hat er Jahr für Jahr grüne Triebe. Und Baumgutachter Siegert ist sich nach den neuesten Messungen mit drei Tonnen Zugkraft auf den Baum sicher: "Der Baum ist standsicher!"

Unter dem Wurzelwerk liegt der ehemalige Minister Hans Wilhelm von Thümmel in einer gemauerten Gruft begraben. Er wollte der nach ihm benannten Thümmeleiche nach seinem Tod als Nährstoffquelle dienen. Der romantische Dichter hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts um die Vermessung des Altenburger Landes große Verdienste erworben. Für die Baumretter hatte der Geist Thümmels nun offenbar eine Überraschung parat: Beim Fundamentausheben fanden sie eine kleine Porzellanvase. "Thümmel soll mit einer Vase begraben worden sein - das würde ja passen", freut sich Bodo Siegert auch noch viele Tage nach dem Fund. Er will die kleine Vase den Historikern auf Burg Posterstein übergeben.

Mit dem Rollator gegen den Orkan

Auf die Baumretter um Siegert warten nun noch zwei Wochen Pfriemelei: An den Pylonen werden bis Mitte September insgesamt rund 250 Meter Stahlseil angebracht, an denen die Äste in Gurten gesichert drinhängen: "Der Ast wird an zwei oder drei Punkten aufgehängt. Wenn der morsche Unterbau mal verloren geht, steckt der Ast trotzdem noch in den Seilen. Und an jedem Seil könnte man ziehen - da könnte man Marionetten spielen mit dem Baum", erzählt Siegert mit einem Grinsen.

Bei dem Gedanken als Marionette zu enden, schüttelt die Stieleiche vermutlich noch einmal ganz entrüstet die Blätter. Doch natürlich meinen die Baumexperten es nur gut mit ihrer vitalen alten Dame: "Die hat jetzt einen Rollator bekommen, mit dem kann sie Windstärke Zwölf trotzen", ist sich der Baumsachverständige Bodo Siegert sicher. Nun, ein Orkan muss es vielleicht nicht gleich sein - aber tausend weitere Jahre im Altenburger Land, die würde die Eiche sicher gern leben.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 27. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2019, 20:50 Uhr

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