Ein Mann, Heinrich XIV. Fürst Reuss, steht 2011 vor den Kreidefelsen in Rügen.
Heinrich XIV. Fürst Reuß, steht 2011 vor den Kreidefelsen in Rügen. Bildrechte: MDR/Famile Reuss

Der Adel in Thüringen Fürst Reuß: "Es war klar, dass wir nach Thüringen zurückkommen"

Heinrich XIV. ist das aktuelle Oberhaupt des Fürstenhauses Reuß. Die Familie lebte und regierte einst in und um Gera sowie Greiz. Heute lebt der Fürst mit seiner Frau und den vier Kindern in Österreich. Doch Thüringen ist für sie die zweite Heimat.

von Juliane Maier-Lorenz

Ein Mann, Heinrich XIV. Fürst Reuss, steht 2011 vor den Kreidefelsen in Rügen.
Heinrich XIV. Fürst Reuß, steht 2011 vor den Kreidefelsen in Rügen. Bildrechte: MDR/Famile Reuss

Im Jahr 1918 kam es für Heinrich XXVII. besonders dick. Innerhalb weniger Wochen musste der letzte regierende reußische Fürst gleich zwei schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Der 10. November, sein 60. Geburtstag, wird für ihn zur Farce. Seine Macht ist im Fürstentum nicht länger ge- und erwünscht. Heinrich XXVII. muss an seinem Geburtstag abdanken. Nur wenige Wochen später verliert er seine erstgeborene Tochter Victoria Feodora. Die junge Frau stirbt einen Tag nach der Geburt ihrer Tochter am 18. Dezember.

Zehn Jahre später schläft auch Heinrich XXVII. für immer ein. Sein Sohn Heinrich XLV. wird das Oberhaupt der in und um Gera ansässigen Fürstenfamilie. 1945 stirbt der "Theaterprinz", wie er genannt wird, wahrscheinlich im Sowjetischen Speziallager Buchenwald. Mit dem Tod des Kinderlosen scheint die Linie erloschen. Heinrich IV., aus der Nebenlinie Reuß-Köstritz, wird nun Chef des Hauses. Der Fortbestand des einstigen Fürstenhauses ist gesichert. Heinrich IV. stirbt 2012 mit 93 Jahren. Seitdem führt sein Sohn Heinrich XIV. das Haus Reuß. Dieser kehrt erstmals 1990 in offizieller Form vom jetzigen Sitz der Familie in Ernstbrunn in Österreich nach Thüringen zurück. "Eine große Wende in meinem Leben", erinnert sich der Fürst, der bereits vor 1990 geheim ins einstige Reußenland und in die nunmalige DDR reiste, sich dort über die Geschichte seiner Familie informierte.

Rückkehr der Reußen

Das Schloss Ernstbrunn inmitten grüner Wälder.
Schloss Ernstbrunn: Der Sitz der Familie Reuß. Bildrechte: MDR/Fürst Reuß

Seine Kindheit und Jugend verbrachte der Fürst behütet und beinahe altmodisch auf Schloss Ernstbrunn, umgeben von viel Wald und vielen Tieren. Es lag nahe, dass Heinrich XIV. Forstwirtschaft studierte. Für ihn bestand nie ein Zweifel daran, nach dem Mauerfall nach Thüringen zurückzukehren. "Wir wurden nicht als Flüchtlingskinder erzogen. Unsere Familie hat der Zeit in Thüringen nicht hinterher getrauert. Wohl aber war das Reußenland und die damit verbundene Geschichte immer ein Thema bei uns", erzählt der Fürst. 1990 geht er in Bad Köstritz von Haustür zu Haustür, schließt mit 190 Bauern Pachtverträge ab. Auf 1.200 Hektar des einstigen Reußenlandes betreibt er erfolgreich mit zehn Mitarbeitern Ackerwirtschaft. Beinahe euphorisch wird der Fürst empfangen, auch wenngleich die Bewohner feststellen mussten, dass auch ein Adeliger das Wunder des Aufbaus nach der Wende nicht schneller vorantreiben kann. Mit Erfolg konnte die Reußsche Familie, die im Zuge der Bodenreform 1945 enteigneten Flächen, das Schloss, den Schlosspark und andere Immobilien nach und nach einklagen.

Das Haus Reuß Das Haus geht auf die Vögte von Weida und deren Abzweig, die Vögte von Plauen zurück. Die Dynastie war weit verbreitet, regierte in verschiedenen Unterlinien und zerteilten Gebieten. Bis zur Novemberrevolution 1918 gab es das Fürstentum Reuß ältere Linie mit Landeshauptstadt Greiz und das Fürstentum Reuß jüngere Linie mit der Landeshauptstadt Gera. Heinrich XXVII. jüngere Linie regierte seit 1908 auch die Regentschaft von Reuß ältere Linie mit. Der dortige Erbprinz Heinrich XXIV. war gesundheitlich bedingt regierungsunfähig.

Bad Köstritz wird zum Zweitwohnsitz der jungen Fürstenfamilie. Es wird viel gependelt. Erbprinz Heinrich XXIX. wächst nahezu im Auto auf. "Als Dreijähriger setzten meine Frau und ich ihn ins Auto und er fragte: Papa, wo schlafen wir heute?" Der Knirps genießt die Besuche in Thüringen, umgeben von großen Traktoren und Mähdreschern. Heute ist Heinrich XXIV. 21 Jahre alt, studiert Wirtschaft und wird - so der Plan - in sieben Jahren seinen Hauptwohnsitz nach Gera-Aga verlegen. "Er hat früh angefangen, mich zu vertreten, ist viel kommunikativer als ich und sieht die Zukunft in Thüringen als große Chance", kommt der Fürst ins Schwärmen. Pendelte das Oberhaupt früher im Wochenwechsel zwischen Österreich und Thüringen, so sind die Besuche des Fürsten heute seltener, wenn auch nicht unregelmäßiger geworden. "Das viele Fahren fordert seinen Tribut, als 'alter' Mann bin ich nur noch alle zwei Monate hier".

Fürstenfamilie zum "Anfassen"

Fürst Reuß gibt sich volksnah, zum Weihnachtsfest schickt die Familie allen Verpächtern Karten. Bei offiziellen Anlässen begleiten den Fürsten neben seinem erstgeborenen Sohn auch die Töchter Tatiana (17) und Xenia (12) sowie Nachzügler Heinrich V. (6) und Frau Johanna. Beim Dahlienfest winken sie beispielsweise vom Festwagen, erzählen von ihrer Herkunft und Geschichte oder laden zu besonderen Empfängen. "Die Kinder wissen von ihrer Rolle, doch sie wachsen ganz normal auf. Sie springen zwischen den Rollen hin und her. Natürlich werden sie in der Schule gefragt, warum sie einen solchen Namen tragen und ob sie mehr Taschengeld bekommen." Doch sie seien stolz auf ihre adelige Herkunft, wenngleich die Titelträger immer weniger werden. "Nach der Wende gab es von uns noch ganz viele", weiß Fürst Reuss, der Patenonkel des kürzlich verstorbenen Wettinerprinzen Constantin von Sachsen-Weimar und Eisenach ist. Umso wichtiger ist ihm, dass die Geschichte seiner Familie bekannt und auch für Nichtadelige erlebbar gemacht wird.

Eine Karte zeigt die Verteilung der Herzog- und Fürstentümer in Thüringen von 1826 bis 1918.
Die Verteilung der Herzog- und Fürstentümer in Thüringen von 1826 bis 1918. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Adel in Thüringen Unmittelbar nach dem Ende des I. Weltkrieges wurde am 9. November 1918 in Deutschland die Republik ausgerufen. Das Ende der Monarchie war besiegelt. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. dankte am 30. November ab. Thüringen war territorial zersplittert, hier drängten sich acht Monarchien auf kleinsten Raum: das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha sowie Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg und die Fürstentümer Schwarzburg-Rudolstadt sowie Schwarzburg-Sondershausen, das Fürstentum Reuß ältere (Greiz) und jüngere Linie (Gera). Die Linien Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt sowie Schwarzburg-Sondershausen gelten im Mannesstamm als ausgestorben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR Kulturnacht | 18. November 2018 | 22:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2018, 13:31 Uhr

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17 Kommentare

22.11.2018 13:34 Albrecht 17

Zum Thema Adel nur soviel, ich denke die Köstritzer sind mit dem Fürst sehr zufrieden, die DDR hat Bauernkinder bewußt aus der Landwirtschaft vertrieben und zu Agrarkindern gemacht. Das Thema das viele nach der Wende in den Westen gegangen sind stimmt, diese Entwickler, Ingenieure und Wissenschaftler sind einfach den Ruf des Geldes gefolgt, wollten kein Risiko eingehen. Sie hätten ja mit ihrem Wissen auch eine Firma gründen können. Ich selber habe 1990 eine Firma gegründet und konnte sie 2017 erfolgreich mit fast 200 Mitarbeitern an die nächste Generation übergeben. Ich habe auch nicht das Risiko gescheut obwohl ich kein Wirtschaftsstudium oder dergleichen hatte: einfach angepackt und gearbeitet. Das sollten viel mehr machen und nicht jammern: auch gehts es gibt viel zu tun packen wir es an

19.11.2018 23:18 martin 16

@realist2014: Ihren Ausführungen könnte ich widersprechen - allerdings hat die Moderation zutreffend angemerkt, dass wir off-topic sind. Daher möchte ich es dabei belassen.

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