Armenische Mafia in Thüringen Staatsanwaltschaft Gera klagt mutmaßliche Dealer an

Im Herbst 2018 wurden in Erfurt zwei mutmaßliche Drogendealer vom Landeskriminalamt festgenommen. Beide sollen zur armenischen Mafia gehören. Kurz vor Weihnachten ordnete das Amtsgericht Gera überraschend an, sie aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft blieb erfolglos. Jetzt hat sie Anklage gegen die beiden Verdächtigen erhoben. Ob es zum Prozess kommt, ist noch offen.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Es herrschte Unverständnis auf den Fluren des Thüringer Landeskriminalamtes. Monatelang hatten die Fahnder des Dezernates 62, zuständig für Organisierte Kriminalität, auf der Lauer gelegen. In aufwendigen Überwachungen waren die Ermittler Artak W. und David M. auf die Spur gekommen. Und dann der Fund beim Zugriff Mitte November: 40 Kilogramm Marihuana und ein Kilogramm Crystal Meth. W. und M. wurden noch am Tag der Razzia festgenommen. Sie kamen in Untersuchungshaft.

Kopfschütteln über Gerichtsentscheidung

Das Justizzentrum in Gera (Thüringen)
Das Amtsgericht Gera hob vor Weihnachten Untersuchungshaft auf. Bildrechte: dpa

Doch dann folgte kurz vor Weihnachten eine Entscheidung des Amtsgerichts Gera, die für Kopfschütteln bei den Ermittlern sorgte: Die beiden wurden aus der U-Haft entlassen. Das Gericht begründete dies damit, dass weder eine Flucht- noch eine Wiederholungsgefahr bei den mutmaßlichen Drogendealern bestehe. Beide hätten Familien in Erfurt und damit Bindungen. Außerdem müssten sie sich regelmäßig bei der Polizei melden. Die für Organisierte Kriminalität zuständige Staatsanwaltschaft Gera legte Beschwerde gegen die Freilassung ein. Doch die wurde abgewiesen, die beiden Männer sind weiter auf freiem Fuß.

Nach MDR THÜRINGEN-Informationen wurde die amtsrichterliche Entscheidung in Polizeikreisen kritisiert. Ein hochrangiger Fahnder sagt, bei einer solchen Menge an Drogen nicht in Untersuchungshaft zu sitzen, sei das völlig falsche Signal an die kriminelle Szene.

Mutmaßliche Mafia-Mitglieder

Ein Blick in die Polizeiakten der beiden Männer zeigt, dass sie keine unbeschriebenen Blätter sind. Im Gegenteil: Es besteht der Verdacht, dass sie zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen in Ostdeutschland gehören - der armenischen Mafia. Denn beide waren im Juli 2014 am Tatort der berüchtigten Mafia-Schießerei vor einer Spielhalle in Erfurt. Zwei Männer wurden im Kugelhagel dieser Clan-Fehde schwer verletzt. W. und M. wurden mit neun anderen Männern, von denen allein fünf zur Führungsebene der armenischen Mafia in Erfurt gehören sollen, vor dem Landgericht angeklagt. Gegen beide wurde das Verfahren eingestellt, obwohl sie auf einem Überwachungsvideo, das die Auseinandersetzung zeigt, deutlich zu erkennen sind. Einer von ihnen soll eine Waffe in der Hand gehalten haben. Allein, das Gericht sah dies damals im Prozess nicht so.

Zusammen in Straßengang "Joker"

14 Männer in schwarzen Jacken posieren als Gruppe
Die Verdächtigen gehörten zur Erfurter "Joker"-Straßen-'Gang". Bildrechte: MDR

Die 31 und 27 Jahre alten Männer kennen sich von Jugendzeiten an. Bereits vor über zehn Jahren waren sie in einer Erfurter Straßengang mit dem Namen "Joker". Gemeinsam mit anderen Jugendlichen zogen sie Schutzgelderpressungen und Diebstahl durch. Immer wieder gab es Ärger mit der Polizei. "Joker" löste sich später auf, doch besonders Artak W. war weiterhin kriminell aktiv. Laut internen Ermittlungsakten, die MDR THÜRINGEN vorliegen, war er 2010 an einer brutalen Schutzgelderpressung in der Nähe von Luckenwalde bei Berlin beteiligt. Gemeinsam mit drei anderen mutmaßlichen armenischen Mafia-Mitgliedern, unter anderem aus Erfurt, soll er versucht haben, einen Geschäftsmann zu erpressen. Das Ganze ging damals gründlich schief, weil sich das potentielle Opfer offenbar Hilfe von einem konkurrierenden russischen Clan geholt hatte. Die vier Armenier wurden angegriffen. Einem wurde dabei der Schädel eingeschlagen, er überlebte nur mit knapper Not. Artak W. wurde damals vom Landgericht Potsdam zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Spuren führen zu Mafia-Boss in Belgien

Mit der aktuellen Anklage der Staatsanwaltschaft Gera drohen ihm und seinem mutmaßlichen Komplizen M. wieder Haftstrafen. Dabei geht es den OK-Fahndern des Thüringer LKA aber um mehr. Denn der Drogenfund vom November 2018 erhärtet den Verdacht, dass die armenische Mafia tief im Drogenhandel in Ostdeutschland steckt. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass bei der Erfurter Schießerei 2014 der Neffe eines hochrangigen armenischen Mafia-Bosses dabei war. Sergej B. steht schon seit langem im Verdacht, mit anderen mutmaßlichen armenischen Mafia-Mitgliedern in und um Leipzig den Crystal-Meth-Handel mit zu organisieren. Das notwendige Kapital und die Rückendeckung könnten von seinem Onkel kommen. Organes B., der in Belgien leben soll, gilt für Europol und das Bundeskriminalamt (BKA) als ein "Dieb im Gesetz". Diese "Diebe" sind sie die höchsten Autoritäten der osteuropäischen und eurasischen Mafiaorganisationen, zu der auch die armenische Mafia zählt.

Ermittlungen bisher erfolglos

Doch bis auf ein aufwendiges, aber letztendlich erfolgloses Verfahren des BKA und des LKA Sachsen in Leipzig konnte der armenischen Mafia in Ostdeutschland der Drogenhandel im großen Stil bisher nicht nachgewiesen werden. Auch ein zwischen 2014 und 2018 geführtes Mammutverfahren mit dem Code-Namen FATIL ("Fight Agianst Thieves in Law"/ "Kampf gegen Diebe im Gesetz") konnte keine Beweise dafür erbringen. Gemeinsam mit sechs Landeskriminalämtern, darunter auch Thüringen, hatte das BKA versucht, die Strukturen der armenischen Mafia aufzuklären.

Ob das Verfahren in Erfurt die Drogengeschäfte der armenischen Mafia tiefer beleuchten wird, bleibt offen. Bisher hat das Landgericht Erfurt noch nicht über die Anklage der Staatsanwaltschaft Gera entschieden.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. August 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2019, 06:00 Uhr

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5 Kommentare

06.08.2019 13:38 baldur von ascanien 5

4) Wiso hört man unsere Linksregierung in Erfurt immer schwadronieren über den Kampf gegen rechts ?? Über den Kampf gegen die Mafia die sich in Erfurt wohlzufühlen scheint, hört man wenig oder nichts ??

Weil es da nicht um die politische Macht, bzw. um die eigenen Posten geht? Ich mutmaße das mal........

06.08.2019 10:22 Bingo 4

Was nicht in den Kram passt, scheint unsachlich zu sein. Wiso hört man unsere Linksregierung in Erfurt immer schwadronieren über den Kampf gegen rechts ?? Über den Kampf gegen die Mafia die sich in Erfurt wohlzufühlen scheint, hört man wenig oder nichts ??

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