Auf Spitzenschuhen in die Welt Ballett-Schülerin aus Gera auf der großen Bühne in Berlin

Immer wieder macht die kleine Abteilung Ballett der Musikschule Gera auf sich aufmerksam - mit Medaillen bei internationalen Wettkämpfen oder deutschen Meisterschaften. Nun hat es mit Rashmi Torres die erste Tänzerin einer solchen "Hobby"-Tanzschule überhaupt geschafft, an einer der renommiertesten Ballettschulen der Welt aufgenommen zu werden: Seit August lernt die 17-Jährige an der Staatlichen Ballettschule Berlin.

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Rashmi Torres (Bildmitte) trainiert jetzt an der Staatlichen Ballettschule Berlin. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

"Du musst eine Entwicklung machen wie eine Mayonnaise. Wenn du langsamer gehst, kommt die Mayonnaise nicht hoch!" Tanzlehrer Jean-Hugues Assohoto treibt seine Schülerin Rashmi Torres zu Höchstleistungen an. Die zierliche 17-Jährige hockt schnaufend am Boden, neben ihr eine junge Ballerina von den Philippinen, eine Belgierin und eine Japanerin.

Bei ihren Geraer Tanzlehrern, den beiden ehemaligen Profitänzern Elvira und Igor Irmatov, hatte sie das kleine und das große Einmaleins des klassischen Balletts gelernt. Seit sie an der Staatlichen Ballettschule Berlin lernt, hat Rashmi neben dem Spitzentanz dreimal pro Woche Unterricht im Contemporary Dance, im modernen Tanz.

"Ich habe ja vorher nie modern getanzt. Es war richtig schwierig mich umzustellen und ich hatte große Angst, dass ich in modernem Tanz total hinterherhänge", erzählt Rashmi. Zur Vorbereitung auf Berlin hat Rashmi ein Jahr lang einmal wöchentlich mit einer Tänzerin des Geraer Theaters modernen Tanz geübt.

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Rashmi beim Warm-Up zum Training an der Ballettschule Berlin. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Quereinsteiger müssen hohes Niveau nachweisen

Nicht viele junge Balletttänzer schaffen es, mit 16, 17 Jahren noch an einer renommierten Schule aufgenommen zu werden. An der Staatlichen Ballettschule Berlin starten die meisten schon im Alter von zehn Jahren mit der Ausbildung. Tänzer aus 24 Ländern lernen aktuell dort. "Es war anfangs ein bisschen komisch.  Meine Mitschüler kommen aus Chicago, aus der Ukraine, aus der ganzen Welt. Und ich komme aus … Gera", erzählt Rashmi und grinst.

Trotz einiger Medaillen bei nationalen und internationalen Meisterschaften ist die Musikschule Gera mit ihrer Ballettabteilung in Fachkreisen quasi unbekannt. Auch der künstlerische Leiter der Berliner Schule, Gregor Seyffert, gibt zu: "Ich wusste, dass es am Theater Gera eine Compagnie gibt. Aber dass es tänzerische Talente an der Musikschule gibt, das wusste ich nicht."

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Rashmi beim modernen Tanztraining (Contemporary Dance) Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Mehr als 80 Quereinsteiger aus aller Welt hatten sich nach Angaben der Schulleitung in diesem Jahr beworben, fünf wurden angenommen. "Um aufgenommen zu werden, muss man schon ein relativ hohes Niveau haben, denn andere haben schon eine sechsjährige professionelle Tanzausbildung hinter sich", sagt Seyffert.

Rashmi habe den Einstieg gut geschafft, sie habe vorab "eine richtig gute Ausbildung" gehabt. Und wenn Seyffert das sagt, wird es wohl stimmen: Er lehrt seit mehr als 15 Jahren an der Schule, war vorher Solist und gilt als einer der virtuosesten Tänzer seiner Generation. Über Rashmi sagt Seyffert: "Sie ist eine gute Tänzerin mit viel Talent." Das unterscheide sie wenig von anderen an der Schule, sonst wäre sie nicht dort. "Entsprechend ihrer Talentlage ist ihre Leistung. Und ihre Leistung ist durchaus eine, die auf die Bühne gehört." Das sei schon sehr viel.

Arme strecken für viel Spannung

Rashmis französischer Tanzlehrer Assohoto ist mit den Fortschritten seiner neuen Schülerin ebenfalls zufrieden - auch wenn das nicht so wirkt, als er an Rashmis Arm drückt. "Der linke Arm muss immer ganz gestreckt bleiben! Weiter…  Strecken, strecken, ich will diese Spannung haben!" Dem ungeübten Zuschauer bricht schon beim Zuschauen der Knochen, Rashmi nimmt das Dehnen ohne zu Zucken  hin.

Ihre Angst vor dem modernen Tanz war letztlich unbegründet, der Umstieg fiel leichter als gedacht: "Ich denke, dass wir einfach gute Lehrer haben und dass mein Lehrer nicht zu streng mit mir und anderen ist und versteht, dass manche noch nicht so viel modern getanzt haben."

Assohoto glaubt, jeder Tänzer könne auch modern tanzen. "Das liegt an der Einstellung. Wenn die Tänzer klare Informationen bekommen, schafft das jeder, egal ob Ballerina oder Hip Hopper."

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
  • Lehrer Jean-Hugues Assohoto führt vor, wie sich Rashmi und Co. über den Boden bewegen sollen. "Ihr müsst fließen wie Schokolade."
Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Das Hauptaugenmerk an der Staatlichen Ballettschule liegt natürlich auf dem klassischen Tanz.  Sechs Tage die Woche haben die Balletttänzer klassisches Training. Dazu kommen Proben für Auftritte. Was für Otto-Normal-Discotänzer schon mehrere Bänderrisse bedeuten würde, ist für Rashmi und ihre 20 Mitschüler morgendliches "Aufwärmen".

45 Minuten wird an der Stange geübt, danach müssen die jungen Tänzerinnen und Tänzer in kleinen Gruppen übers Parkett schweben: Sprünge, Drehung, Verbiegen - immer streng beobachtet von Lehrerin Viara Natcheva, Ex-Prima Ballerina beim Staatsballett Berlin. "Rücken halten, lange Wirbelsäule, lange Arme, langer Hals, Bauch rein!" Rashmi ist sichtbar in ihrem Element - mit ihrer schmalen Figur und dem eleganten Tanzstil entspricht sie dem Bild der klassischen Ballerina.

Drei Abschlüsse in drei Jahren

In Gera hat sie in einer kleinen Gruppe trainiert, hatte fast so etwas wie Privatunterricht. In ihrer neuen Tanzklasse üben neben sieben Jungen insgesamt 14 Mädchen. "Das war eine große Umstellung für mich. Auch die neue Lehrerin, denn ich hatte vorher mein ganzes Leben bei einer Ballettlehrerin.

Aber meine neue Ballettlehrerin ist lieb und super gut, deswegen war das nicht schwierig", erinnert sich Rashmi an die ersten Wochen in Berlin. Der klassische Unterricht laufe im Prinzip ab wie in Gera, nur auf Sprünge würde in Berlin mehr Wert gelegt. Dass die junge Frau nun in einer Schule mit den Besten der Besten lernt, ist für sie noch ungewohnt.

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Beim klassischen Training bewegen sich die Ballerinas in der Luft, es geht in die Höhe. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

"Man steht halt nicht mehr so im Fokus. Aber ich denke, als Tänzer musst du dich immer so gut wie möglich präsentieren. Es ist gut, dass alle so gut sind, weil damit pusht man sich noch mehr, man motiviert sich gegenseitig."

Der Alltag an der Staatlichen Ballettschule Berlin ist hart. Etwa 25 Stunden pro Woche Tanztraining und -proben, dazu Gymnastik und Ausdauertraining. Zwischen den Tanzstunden müssen Rashmi und ihre Mitschüler die Schulbank drücken. 2022 will sie ihr Abitur machen. Der Vorteil an dem Wechsel nach Berlin: Neben dem Abitur ist sie dann auch Staatlich geprüfte Bühnentänzerin und hat einen Bachelor of Arts.

"Es war mein allergrößter Traum hier zu lernen, meiner Meinung nach ist es die beste Ballettschule Deutschlands", sagt die junge Geraerin - auch wenn es für sie noch schwer ist, allein zu leben, fernab von Freunden und Familien. Durch die Sechs-Tage-Woche mit Schule und Tanztraining kann sie nur selten heimfahren.

Wirklich frei haben die Schüler nur in den Sommerferien und zu Weihnachten. Dazu kommen regelmäßige Leistungstests: Wer sich nicht ausreichend weiterentwickelt, muss die Schule verlassen. Vor der ersten Zwischenprüfung sei sie sehr aufgeregt gewesen, erzählt Rashmi.

"Es gibt nie ein sehr gut. Es gibt immer ein besser und besser und besser. Aber das war auch schon vorher in Gera so. Hier ist nur anders, dass man Noten kriegt."

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Der moderne Tanz spielt sich häufig nah am Boden ab. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Auftritte in aller Welt

Um den jungen Tänzern Praxiserfahrung zu bieten, hat die Staatliche Ballettschule Berlin 2017 das Landesjugendballett Berlin gegründet, die nach eigenen Angaben "jüngste und größte Compagnie Deutschlands". "Die Schüler sollen ganz viel Bühnenerfahrung sammeln, viel unterwegs sein. Wir wollen ihnen das Brot des Künstlers bieten, dass er eben auf der Bühne steht, dass er Applaus hat, dass er merkt, wie man mit dem Publikum interagieren kann", erklärt Gregor Seyffert, der künstlerische Leiter.

Mit verschiedenen Produktionen und eigenen Choreografien treten Tänzer der Schule im In- und Ausland auf - und haben so nach dem Abschluss gute Chancen auf ein Engagement an einem Theater.

Ballettschülerin Rashmi Torres aus Gera
Virtuos: In Berlin trainieren die Besten der Besten. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Auch Rashmi will natürlich möglichst viel mit dem Landesjugendballett auf der Bühne stehen. Einen ersten Auftritt hatte sie auch schon: Im "Adventsfest der 100.000 Lichter" mit Florian Silbereisen, das vor dem ersten Advent im Ersten ausgestrahlt wurde. Hier können Sie den Aufritt noch einmal in unserer Mediathek sehen.

Und der nächste Auftritt steht auch schon fest: Ende Januar steht Rashmi als Solistin beim Ballettfestwochen-Intermezzo in Gera auf der Bühne - mit dem modernen Stück, das sie derzeit mit  Tanzlehrer Jean-Hugues Assohoto probt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

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