"Bauhaus heute" - Reportage-Reihe Bauhaus-Stadtführung Gera - "Mein erstes Bauhaus erfuhr ich mit neun Jahren"

Als Bauhaus-Stadt blieb eine Stadt bislang weitestgehend unbekannt: Gera. Neben Einfamilienhäusern sind in Gera Wohnsiedlungen, Industrie- und Funktionsbauten im Stil des Neuen Bauens entstanden. Das ist vor allem Thilo Schoder zu verdanken. Er gilt als Meister von Form, Gliederung und Proportion. In den 1920er-Jahren errichtete er mehr als ein Dutzend Bauten. Stadtführerin Monika Dölitzscher zeigt heute ihren Besucher mit Herzblut, wie viel Bauhaus noch heute in ihrer Stadt steckt.

von Michaela Reith

Monika Dölitzschers ruhige Stimme wird nur von dem Geraschel der Blätter unter ihren Füßen und dem Knipsgeäusch eines Fotoapparats unterbrochen. Die Stadtführerin aus Gera zeigt ihren Gästen in einen anderthalbstündigen Stadtrundgang, wie stark Gera vom Bauhaus beeinflusst ist. "Wenn sie alle Baudenkmäler in Gera entdecken wollen, dann bräuchten wir einen ganzen Tag - oder einen Bus", begrüßt sie ihre Gäste mit einem Lachen.

Kindliche Neugier und alte Leidenschaften

Vor über zehn Jahren führte Monika Dölitzscher zum ersten Mal Gäste auf den Spuren des Bauhauses durch die Stadt an der Weißen Elster. Die 74-Jährige ist eigentlich gelernte Pharmazie-Ingenieurin. Schon in den 1980er-Jahren arbeitete sie nebenbei als Gästeführerin. "Die Architektur Geras mit ihren Gründerzeitvillen interessierte viele Besucher. Bauhaus wurde hingegen zu DDR-Zeiten kaum nachgefragt. Das änderte sich erst nach der Wende."

Ihr Interesse für die Kunstschule ist schon seit längerer Zeit ungebrochen. Mit dem Bauhaus und seinen architektonischen Nachfolgern kam Dölitzscher bereits im Alter von neun Jahren in Kontakt. "Diese kubisch gebauten Häuser waren für mich damals lauter aufeinandergestellte Pakete. Das machte mich neugierig: Wie wohnt man in so einem Kistl?", sagt sie. Diese Begeisterung von damals versucht sie auch Ihren Zuhörern heute zu vermitteln.

Manja Reinhardt und ihr Mann Andreas sind an diesem Tag aus dem Vogtland nach Gera gekommen, um neben den bekannten Bauhaus-Städten auch die Bauwerke zu finden, die sie bislang nicht im Blick hatten. Während sie gemeinsam mit der Stadtführerin durch das Zentrum von Gera laufen, lassen sie die vielen klassisch gebauten Gründerzeitvillen der Stadt links liegen. Sie wollen Bauhaus: "Bauen wurde mit Bauhaus neu erfunden. Mich fasziniert, dass die Architekten und Baumeister es schafften, klar strukturiert und auch preiswert zu bauen", sagt Manja Reinhardt.

Auf den Spuren von Bauhaus

Monika Dölitzscher möchte nicht nur die Werke des Neuen Bauens in den Fokus ihrer Tour stellen, sondern auch ihren Erbauer. Der gebürtige Weimarer Architekt Thilo Schoder (1888 -1979) gilt als der konsequenteste Vertreter des Neuen Bauens in Thüringen. In Gera hat er in einer Schaffenszeit von 16 Jahren viele Spuren hinterlassen. Bevor er zum Architekten mit Rang und Namen avancierte, lernte er als Meisterschüler unter dem belgischen Architekten und Kunstmäzen Henry van de Velde (1863-1957). Van de Velde gilt als Wegbereiter des Bauhauses.

Von Wohnhäusern bis Industriebauten

Monika Dölitzscher erläuft heute mit ihren Gästen vier "Thilo-Schoder-Schätze". Ihre Tour beginnt bei einem zweigeschossigen Klinkerbau. Schoder baute zwischen 1925 und 1926 ein Wohnhaus für den Teppichfabrikanten Georg Halpert. Auch heute ist das Gebäude wieder in Privatbesitz.

Die Gruppe wirft noch einen letzten Blick über die verklinkerte Umfriedung bevor sie zum nächsten Baudenkmal aufbricht: die "Frauenklinik Dr. Ernst Schäfer" (Baujahr 1929). Die Privatklinik des Gynäkologen ist ein Ziegelbau. Aktuell wird das Haus als Bürogebäude genutzt. Die Tour ist schon zur Hälfte vorbei, als sie das Wohnhaus von "Rudolf Sparmberg" (1930) an einem Berghang erreichen. Das Wohnhaus fügt sich so selbstverständlich in das Stadtbild der umliegenden modernen Wohnhäuser ein, dass Andreas Reinhardt erst einige Meter weiter stehenbleibt.

Das für den Ingenieur Rudolf Sparmberg entworfene Haus ist das letzte, was Architekt Schoder Anfang der 1930er-Jahre noch in Deutschland fertigstellte. Sein 16 Jahre andauerndes Schaffen in Gera endete abrupt, als sich Schoder kritisch zur Politik der Nationalsozialisten äußerte. Sein Architekturbüro musste er aufgrund der mangelnden Auftragslage schließen. Kurze Zeit später emigrierte er nach Norwegen (siehe Infobox).

Die besuchten Häuser sind heute in Privatbesitz oder vermietet und deshalb nur in Ausnahmefällen begehbar. Monika Dölitzscher möchte ihren Zuhörern die Bauwerke trotzdem so nah wie möglich bringen. Sie greift deshalb auf Fotomaterial und zeitgenössische Anekdoten zurück.

"Komfort zu erschwinglichen Preisen"

Manja Reinhardt kommt bei der Stadtführung mit dem Fotografieren fast nicht hinterher. Während die Liste der Stadtführerin langsam kürzer wird, füllt sich ihr Handyspeicher mit vielen Fotos. Die Tour endet an der "Wohnanlage Ulmenhof" (1930-31), zwei große Siedlungshäuser, die sich gegenüberstehen. Hier statte Schoder jede Wohnung mit Bad, Speisekammer, Abstellkammer, Wohnzimmer und Balkon aus. Die Anwohner teilen sich damals wie heute einen allgemeinen Waschraum und eine Trockenkammer. "Thilo Schoder wollte den gleichen Komfort wie in großen Häusern zu erschwinglichen Preisen erreichen", sagt Monika Dölitzscher.

Auch wenn der Stadtrundgang für das Ehepaar Reinhardt an dieser Station endet, ist der Besuch in Gera damit noch längst nicht vorbei: "Uns ist klar, dass wir noch mindestens mehr als einmal hierherkommen, um überhaupt alle der Bauten mit einer Wanderung erschließen zu können", sagt Andreas Reinhardt. Monika Dölitzscher erhofft sich auch außerhalb des Jubiläumsjahrs mehr Aufmerksamkeit für die Stadt: "Gera hat nach außen nicht die Wirkung, die sie verdient. Hier liegt zwar nicht die Wiege des Bauhauses, aber die Spuren des Neuen Bauens sind nicht zu übersehen." Für das Bauhaus-Jubiläum sind sie trotzdem gerüstet. Da sich einige Bauten fernab des Stadtzentrums befinden, bieten die Stadtführer des Vereins "Gästeführer Region Gera" neben einem Rundgang auch Kleinbusfahrten an.

Infobox "Thilo Schoder" ▪ 1907-1911 Schoder studiert an der Kunstgewerbeschule in Weimar
▪ 1912-1914 Mitarbeiter im Architekturbüro Henry van de Velde
▪ 1919 Der Industrielle Traugott Golde holt Thilo Schoder nach Gera
▪ 1932 Thilo Schoder gibt sein Büro wegen fehlender Aufträge auf und emigriert nach Norwegen, in das Heimatland seiner zweiten Ehefrau Bergljot Schoder
▪ 1938 Thilo Schoder nimmt die norwegische Staatsbürgerschaft an

Nachgehört!

Quelle: MDR THÜRINGEN/mr

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Marlene | 23. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2018, 10:00 Uhr

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