Autonomes Fahren Emma macht mobil: Selbstfahrender Bus rollt durch Gera

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

In Gera können Fahrgäste seit Montag erstmals den automatisiert fahrenden Bus "Emma" nutzen. Der Sechssitzer fährt einen gut zwei Kilometer langen Rundkurs durch den Stadtteil Lusan und verbindet dabei Wohnhäuser mit Einkaufsmöglichkeiten und Arztpraxen. Ein Lenkrad gibt es nicht - stattdessen behält ein Sicherheitsbegleiter den Überblick.

Moderner Kleinbus auf einer Straße
Emma auf großer Straße: Zwischen den Autos fällt die kleine Emma fast gar nicht auf. Weil der Kleinbus aus Sicherheitsgründen nur 15 km/h fahren darf, wurde auf der Teststrecke das Tempo auf 30 km/h reduziert. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Mit 15 km/h zuckelt Kleinbus "Emma" durch Wohngebiete und über eine vierspurige Straße. Immer mal wieder bleibt der kleine Bus stehen - die sechs Sensoren reagieren auf Kleinigkeiten. Manchmal reicht ein Blatt auf der Straße und Emma "traut" sich nicht weiter. Für kleine Busse scheinen eben auch kleine Hindernisse riesig. Oder wie Rico Prutsch sagt: "Emma ist ein Kind und Kinder dürfen Fehler machen."

Prutsch stand am Montagmorgen als erster Mitfahrer an der Haltestelle und ist begeistert von Emma. "Es war wunderschön. Der kleine Bus kommt dorthin, wo ein großer nicht hinkommt - schön, dass an ältere Bürger gedacht wird!"

Moderner Kleinbus an Haltestelle in Gera
Großer Bahnhof für kleinen Bus. Viele Unterstützer machen das Testprojekt in Gera möglich. Insgesamt mehr als 100.000 Euro kostet die zweimonatige Testphase. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

"Emma ist ein Kind und Kinder dürfen Fehler machen."

Natürlich gibt es skeptische Stimmen: Emma sei zu klein, zu langsam, unnötig, ein Verkehrshindernis. So hört man manch Geraer reden, wenn Emma vorbeifährt und bei übermütigen Autofahrern die Bremsen quietschen, obwohl extra Tempo 30 auf der Busfahrstrecke eingerichtet wurde. Doch diejenigen, die mitgefahren sind, sind zufrieden. "Ich saß bequem und habe mich sicher gefühlt. Und die beiden jungen Damen im Bus haben sehr gut erklärt", erzählt eine begeisterte Angelika Wneck. "Ich kann nicht meckern, es war angenehm ruhig und im Wohngebiet bringt es was", sagt Olaf Teichmann. Nur ein bisschen größer könnte Emma sein, seiner Meinung nach gibt es zu wenige Sitzplätze.

Drei Sitzplätze im Bus.
Emma steuert mit sechs Sensoren und GPS, sie hat sechs Sitzplätze - nimmt wegen Corona jedoch aktuell maximal vier Fahrgäste auf. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Sechs Sitze gibt es, wegen der Corona-Auflagen dürfen derzeit maximal vier Fahrgäste mit. Die Sicherheitsbegleiter sind aktuell noch zu zweit unterwegs. "Alles ganz schön aufregend", sagt Jana Schumann, die zum Start den Fahrgästen geduldig Fragen beantwortet - und nebenbei Fragebogen austeilt. Denn die kleine Emma ist Teil von etwas ganz Großem. Wissenschaftler der Dualen Hochschule Gera begleiten die Testphase. Das Team um Professor Jürgen Müller will herausfinden, inwieweit Menschen autonomes und automatisiertes Fahren akzeptieren. Wie war die Fahrt? Ist die Geschwindigkeit von 15 km/h akzeptabel? Wie ist der Komfort? Würde ein Fahrgast den Kleinbus weiterempfehlen? Die Fahrt mit Emma ist kostenfrei, dafür wünschen sich die Forscher ein paar Antworten.

Wissenschaftler forschen zur Mobilität der Zukunft

"Wir wollen herausfinden, wo wir nachjustieren müssen und inwieweit die aktuell mögliche Technik überhaupt sinnvoll einsetzbar ist und akzeptiert wird", sagt Müller. Es geht dabei um eine ökonomisch sinnvolle Anwendung der Technik. Und die sogenannte "letzte Meile", also den Weg von der Bus- oder Bahn-Haltestelle zur Haustür. Oder den Weg vom Supermarkt oder der Arztpraxis nach Hause - eben jene Strecken, die vom öffentlichen Nahverkehr nicht unbedingt abgedeckt werden. "Gerade älteren Menschen oder Eltern mit Kinderwagen kann Emma künftig das Leben erleichtern", ist sich der quirlige Professor sicher. Denn noch fahren automatisierte Busse wie Emma auf einer fest programmierten Wegstrecke - wie eine Bahn, nur ohne Gleisbett. Vorstellbar sei, dass Fahrgäste von autonomen Bussen künftig direkt an ihr Ziel gebracht werden, so Müller.

Zwei Männer mit Mundschutzmaske stehen vor dem modernen Kleinbus in Gera.
Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) und Fahrschulchef Mike Fischer geben den offiziellen Startschuss für die Testphase. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Auf absehbare Zeit wird wohl aber immer ein Operator nötig sein, also ein Sicherheitsbegleiter, der mit einem Joystick um den Hals in Gefahrensituationen eingreifen kann. Der Chef der Geraer Verkehrsbetriebe, Torsten Rühle, geht davon aus, dass automatisierte Busse in frühestens zehn Jahren regelmäßig zum Straßenbild gehören und im Linienbetrieb eingesetzt werden können.

"Gera kann mehr als meckern"

In Gera hat sich rund um Emma eine illustre Runde von Unterstützern gefunden: Neben Hochschule und Verkehrsbetrieb gehören eine Wohnungsgesellschaft und Fahrschul-Besitzer Mike Fischer zu den Antreibern. "Wir könnten nichts machen und dann kommt erst New York - Berlin - Tokio. Und da hab ich kein Interesse dran. Es ist wichtig, dass in Gera etwas passiert, Gera kann mehr als rummeckern!" Fischer will herausfinden, inwieweit auch sein Unternehmen künftig von modernen Technologien profitieren kann. Und hat für die Testphase die vier Sicherheitsbegleiter eingestellt, die nun Emma beim Navigieren helfen.

Die TAG Immobilien AG will ihre Wohnblöcke attraktiv gestalten. "Wohnen hört nicht an der Haustür auf", sagt Vorständin Claudia Hoyer. Mit dem Linienbus durchs Wohngebiet würde sich die Lebensqualität verbessern, ältere Menschen könnten länger in ihrem Viertel zu Hause sein. Fahrschule und Wohnungsvermieter haben zusammen 30.000 Euro zu dem Projekt beigesteuert, weitere 80.000 Euro kommen vom Land Thüringen. Der Test für das autonome Fahren gehört zur Bewerbung Geras als ein Standort für das vom Bundesverkehrsministerium geplante künftige Deutsche Mobilitätszentrum.

Menschen steigen aus einem modernen Kleinbus in Gera.
Zum Start tummelten sich viele Interessierte. Die Mitfahrt ist kostenfrei - die Wissenschaftler freuen sich aber über einen ausgefüllten Fragebogen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Bis voraussichtlich Mitte Februar ist Kleinbus Emma auf einem gut zwei Kilometer langen Rundkurs durch Gera-Lusan unterwegs. Werktags von 8 bis 17:30 Uhr nimmt sie Fahrgäste mit, 18 Minuten dauert eine Runde. Im April sollen die Forschungsergebnisse vorliegen, dann wird darüber entschieden, wie es weitergeht mit Emma. Der Name steht im Übrigen als Abkürzung für "elektrisch mobil markant automatisiert". Und könnte - bei erfolgreicher Testphase - vielleicht bald das Namensranking unter den Geraer Neugeborenen anführen?

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

20 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Hallo Harka2
Ich denke sie haben das falsch verstanden. Es geht nicht um eine ebenerdige Schwebebahn. Sondern um eine Schwebebahn mit ebenerdigen Haltepunkten. Und es ging mir bei meinem spontanen Gedankengang auch nicht um Gera.

Harka2 vor 6 Wochen

Man sollte das mit Bedacht machen. Tempo-30-Zonen verdoppeln nahezu den Ausstoß von Abgasen und Feinstaub, zudem ist die Lärmbelästigung größer, weil sie fast doppelt so lange andauert. Es wird gerne über sehen, dass moderne Autos Tempo 30 nur im dritten Gang fahren können, Tempo 50 aber im 5. oder 6. Gang. Die Rollgeräusche der Reifen sind bei moderner Bereifung in beiden Fällen nicht zu hören und der Motor dreht bei Tempo 30 mit ca. 1200 Umdrehungen im dritten Gang und bei Tempo 50 mit 1000-1200 Umdrehungen im 6. oder 5. Gang (Angaben für Benziner). Tempo-30- oder wie in Weimar gar Tempo-20-Zonen erhöhen massiv die Umweltverschmutzung.

Harka2 vor 6 Wochen

Denk bitte mal kurz über deine Idee nach. Eine ebenerdige Schwebebahn? Echt jetzt? Gera hat eine deutlich preiswertere Straßenbahn! Das Netz ist zudem recht gut ausgebaut, mussten vor der Wende doch ca. 160.000 Einwohner in der Stadt verteilt werden. Das sollte für die weniger als 100.000 Einwohner ausreichen. Dass man in Gera nur uralte Tatras ohne Niederflurtechnik einsetzt, steht auf einem anderen Blatt.

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