Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Wie Integration durch Fußball in Gera gelingt

Seit Oktober 2017 sind Mouctar Diallo und Diaby Siaka schon in Gera. Aus den Teenagern sind mittlerweile junge Erwachsene geworden. Ihre Leidenschaft zum Fußball half ihnen dabei, in Deutschland Fuß zu fassen.

Zwei junge Männer sitzen auf einer Mauer.
Mouctar Diallo (links) und Siaka Diaby Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Das Fußballcamp des JFC Gera: Trainer Mouctar Diallo steht inmitten einer Gruppe Kinder auf dem Platz und kommentiert die Torschüsse. Vor drei Jahren spielte der heute 20-Jährige hier noch in der Jugendmannschaft, mittlerweile trainiert der junge Mann, der 2016 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam, ein Kinderteam. Die Arbeit mit dem Fußballnachwuchs liegt Mouctar am Herzen, er selbst spielt mittlerweile beim TSV Westvororte. Das Ankommen in Gera war für ihn alles andere als leicht.

Rückblick: 2017 hatte MDR THÜRINGEN Mouctar und sein Freund Diaby Siaka zum ersten Mal in Gera getroffen. Damals waren sie seit anderthalb Jahren in Deutschland, lebten in der Caritas-Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Gera. Die beiden waren nach dem tragischen Tod ihrer Eltern allein aus ihrer Heimat Elfenbeinküste geflohen, waren über Monate im Bürgerkriegsland Libyen festgehalten worden, hatten schließlich die lebensgefährliche Fahrt im Schlauchboot über das Mittelmeer überlebt.

Ein Mann und mehrere Kinder beim Fußballtraining.
Nur im Fußballverein JFC Gera fühlte sich Mouctar Diallo wirklich zu Hause. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Gera hatten die beiden in der Unterkunft der Caritas ein neues Zuhause gefunden, doch zur Ruhe kamen sie auch hier nicht. Immer wieder waren die beiden auf massive Ablehnung gestoßen, wurden auf der Straße rassistisch angefeindet, beleidigt und angepöbelt. Nur in ihrem Fußballverein, dem JFC Gera, fühlten sie sich wirklich zu Hause und träumten von einer Karriere als Profi-Fußballer.

Mouctars Freund Diaby kommt auf den Fußballplatz. Auch er hat früher beim JFC gespielt. Mittlerweile ist der Torwart nach einer Station bei Wismut Gera in die Erste Mannschaft des FC Thüringen Weida gewechselt. Dort gefällt es ihm gut, erzählt der 20-Jährige.

Beide wollen Ausbildung beginnen

Aus den Jugendlichen, die nach den tragischen Verlusten ihrer Eltern und der traumatisierenden Flucht nach Deutschland kamen, sind junge Erwachsene geworden, die ganz konkrete Pläne für die Zukunft haben. Der Traum von der Profi-Fußballkarriere ist der Realität gewichen, doch traurig wirken die beiden darüber nicht. Mouctar hat eine Ausbildung als Stahlbetonbauer angefangen. Diaby will die 10. Klasse beenden und nach dem Abschluss eine Lehre als Zimmermann machen.

Zwei junge Männer sitzen auf einem Bett. An der Wand hinter ihnen hängen mehrere Fotos.
Mouctar Diallo und Siaka Diaby 2017. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Vater sei Zimmermann gewesen, sagt er. "Das ist meine Richtung. Ich will nur mit Holz arbeiten, das macht wirklich Spaß". Er strahlt über das ganze Gesicht, als er davon erzählt. Die beiden jungen Männer haben mittlerweile einen Aufenthaltsstatus in Deutschland und leben in eigenen Wohnungen. "Ich war vorher nie alleine", sagt Mouctar, "das Gefühl, jetzt auf eigenen Beinen zu stehen, ist wie ein Traum." Auch Diaby genießt das neue Leben nach dem Auszug aus der Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge. "Jetzt kann niemand mehr sagen: Geh schlafen. Ich kann wachbleiben solange ich will und ich fühle mich auch gut dabei, allein zu sein."

Rassismus begegnet ihnen im Alltag

Hass schlägt ihnen in Gera immer noch entgegen. "Wenn jemand direkt zu dir sagt, dass du Affe bist, das tut weh", sagt Mouctar. "Aber man kann nicht nur darauf gucken", beschreibt er seinen persönlichen Umgang mit den rassistischen Anfeindungen. "Es gibt auch viele positive Erlebnisse. Ich sag mal, einen Rassist oder jemanden, der uns hasst, den kann ich nicht ernst nehmen, weil der ist einfach nur ein Idiot." Mouctar und Diaby haben mittlerweile ein großes Netzwerk und viele deutsche Freunde in Gera.

Wenn sie mit ihnen unterwegs seien, würden sie kaum angepöbelt, sagen sie. "Ich bin ein schüchterner Mensch und es war früher sehr schwer für mich, wenn die Leute mich so böse angeguckt haben", erinnert sich Diaby. Mittlerweile habe er in der Schule und im Verein Freunde gefunden. "Ich kann nicht mein Leben stoppen, weil jemand anders mich nicht mag. Das geht überhaupt nicht."

Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Ihre Anfänge beim JFC haben Mouctar und Diaby nicht vergessen. Hier haben sie Anschluss und Unterstützung gefunden in der schwierigen Zeit nach der Ankunft in Deutschland. "Meine Integration habe ich hier auf dem Fußallplatz gemacht", sagt Mouctar. "Hier auf dem Kunstrasen spielt die Hautfarbe keine Rolle". - "Wenn ich keinen Fußball gespielt hätte, hätte ich eine Depression bekommen", ergänzt Diaby. "Immer wenn ich eine schwierige Zeit habe, gehe ich Sport machen. Fußball ist mein ganzes Leben." Auch beim JFC erinnert man sich an die erste Zeit mit den damals neuen Teamkollegen.

Ein junger Mann steht auf einem Fußbalplatz.
Für beide stimmt das Zwischenmenschliche in ihrem Verein. Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Das Miteinander im Team und die Kommunikation, die der Mannschaftssport mit sich bringe, habe den beiden geholfen, erzählt Trainer und Vorstandsmitglied Lukas Kokott. "Das ist ein superwichtiger Fakt auch für sie gewesen, um auch die Sprache zu lernen und sich sag ich mal auszutesten." Mouctar und Diaby seien anerkannt im Verein. Das Zwischenmenschliche stimme einfach und gerade für die jüngeren Kinder hätten die beiden mit ihrem Engagement auch eine Vorbildfunktion.

Mouctar Diallo und Diaby Siaka blicken optimistisch in die Zukunft. Sie haben ein Umfeld, das sie unterstützt und haben selber hart für ihr neues Leben gearbeitet. Fußball hat die beiden dabei immer begleitet. In ihrer Heimat Elfenbeinküste, beim schwierigen Neuanfang in Deutschland und jetzt beim Start ins Erwachsenenleben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. September 2020 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

Lothar Thomas vor 3 Tagen

@ sun24fun

Sie haben vollkommen Recht, Fußball hat mit sogenannter "Integration" sehr wenig zu tun.

INTEGRATION muss doch zuerst einmal von dem "Zuwandernten" (was für ein grauenhaftes Wort) ausgehen.

Wenn Sie oder Ich irgendwo in die Fremde reisen, dann wird doch von Uns auch erwartet, dass WIR Uns den Sitten und Gebräuchen des Gastlandes unterordnen.
Das zum Beispiel deutsche Frauen dort ihr Haar bedecken und Anderes.

Dann BITTESCHÖN mögen sich auch die zur Zeit hier weilenden Gäste (Flüchtlinge) an unsere Sitten und Gebräuche halten.

Wenn es denn sein soll, dann lasst ihnen auch noch eine Ausbildung zukommen, aber dann muss auch mal der Tag der HEIMREISE kommen, das hier erworbene Wissen in ihrer Heimat nutzbringend für ALLE anzubringen.

Ich arbeite mit Echten Flüchtlingen, die nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen hier sind, die würden am Liebsten in ihrer Heimat sein und nicht hier auf jedem Amt um etwas Betteln zu müssen.

Diese Leute sind Echte Flüchtlinge.


Lothar Thomas vor 3 Tagen

@ YangMimpi

Ich weiß nicht, in welchem Alter sie sind, aber allzuviel Lebenserfahrung haben sie noch nicht.

Nehmen wir doch gleich das Thema "Unbegleitete Kinder und Jugendliche"

Jedes Land hat eine Bevölkerung um sich weiter zu entwickeln.
Können sie sich vorstellen, dass diese Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung ihres Landes fehlen?
Sind nicht alle sogenannten "Gutmenschen" mitschuldig an den DESOLATEN ZUSTÄNDEN in den Heimatländern dieser Kinder?
Wie soll sich ein Land weiterentwickeln können, wenn eine ganze Generation fehlt?
Sind sie tatsächlich der Ansicht, dass es auch nur einem dieser Länder besser geht, wenn die Jugend fehlt?

Mal eine andere Frage
Was würde geschehen, wenn plötzlich eines oder mehrere Kinder aus Deutschland verschwinden würden und irgendwo in der Welt wieder auftauchen?
Da würde es doch Belehrungen und Warnungen an die jeweiligen Staaten geben, die "geraubten" und "verschleppten" Kinder unverzüglich zurück zu führen.

Würde DE sagen WEG IST WEG ???

Claudi P vor 3 Tagen

Klasse, was durch ein Miteinander entsteht. Sport ist ein gutes Beispiel. Es ist oft so: wenn "Fremde" sich kennenlernen, schmelzen Vorurteile wie Eis in der Sonne.

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