Gera "Heute ist noch wie am allerersten Tag": Hochzeitstag in Zeiten von Corona

Immer wieder laufen Alfons Blum Tränen über die Wangen, wenn er von seiner Frau spricht. Jeder Satz eine Liebeserklärung für einen Menschen, der ihn selbst nur noch selten erkennt. Frau Blum ist an Demenz erkrankt und wird in einem Pflegeheim der Heimbetriebsgesellschaft Gera gepflegt. "Sie ist hier in guten Händen, ich bin dankbar", sagt der 84-Jährige. Und schwärmt gleich wieder für seinen 'Engel', wie er sie nennt: "Meine Frau hat so einen wunderbaren Charakter. Liebe kann man nicht mit Gold aufwiegen, das ist so viel mehr!"

Alfons Blum weiß sogar noch, was seine Frau bei ihrem ersten Treffen beim Tanz in Weida vor über 60 Jahren getragen hat: "Ein Kostüm in Salz-Pfeffer-Muster, dazu eine helle Bluse mit roten Streifen. Und die Musik kam von einer Kapelle aus Leipzig. Das waren 18 Musiker, ohne Verstärker. Das war was! Wir haben Rock´n Roll getanzt!" Mit einem Lachen erinnert sich Alfons Blum an diese wunderbare Zeit.

Heute nun, am 8. Juni, feiert das Paar seinen 63. Hochzeitstag. Und obwohl seine Frau den Tag vielleicht nicht bewusst wahrnimmt, will er - nicht nur heute - bei ihr sein. Doch seit dem 13. Mai gelten strikte Corona-Zugangsregeln in Alten- und Pflegeheimen.

Für meine Frau gehe ich in den Löwenkäfig.

Alfons Blum

Alfons Blum hat Angst, dass er seinen Engel nicht wieder sehen darf und schließt sich deshalb vor drei Wochen der Anti-Corona-Demo in Gera an. Dort eskaliert die Lage. Als er einem Kamerateam den Grund für seine Teilnahme erklären will, brüllen ihn andere Demonstranten nieder, wollen ihm ihre Ansichten vermitteln. Doch Alfons Blum sagt: "Man muss doch vernünftig bleiben!"

Bei der Erinnerung an den Demonstrationtag ist er immer noch aufgewühlt. "Ich wurde so bedrängt von hinten, ich dachte, ich werde niedergeschlagen. Da hab ich mich auf dem Heimweg ständig umgedreht, weil ich Angst hatte." Dennoch. Um sein Recht durchzusetzen, würde er wieder auf eine Demo gehen. "Heute dürfen wir ja alles sagen. Und für meine Frau gehe ich in den Löwenkäfig."

Nur eine halbe Stunde Zeit für den Besuch

Doch daran will er heute nicht denken. Er hat einen Strauß Gerbera dabei, leuchtend orange. Im Beutel Joghurt und Säfte für seine Frau. Eine halbe Stunde nur hat Alfons Blum, um mit seiner Frau den 63. Hochzeitstag zu begehen. Das Pflegeheim hat ein Besucherkonzept erarbeitet. Jeder der 90 Bewohner darf eine halbe Stunde einen Gast empfangen, aber nur hinter der Plexiglasscheibe in einem festgelegten Besucherraum. Das muss sein, solange die Abstandsregelungen in Kraft sind, sagt Andreas Götz von der Heimleitung. Auch für seine Mitarbeiter ist dies keine leichte Zeit: das Arbeiten unter der Maske, der emotionale Druck. Alle hoffen, dass bald Lockerungen eintreten - weil die Bewohner dann sichtbar wieder aufleben, sagt Andreas Götz. Alfons Blum hofft darauf, seine Frau endlich wieder umarmen zu dürfen. Dann wolle er sie nie mehr los lassen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Juni 2020 | 19:00 Uhr

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