Seltenes Wiederaufnahmeverfahren Landgericht Gera verhandelt Missbrauchsfall erneut

von Cornelia Hartmann

Im März 2014 verurteilte das Erfurter Landgericht einen damals 45-Jährigen wegen Missbrauchs seiner Tochter zu fünfeinhalb Jahren Haft. Zweieinhalb Jahre saß der Mann im Gefängnis, dann wurde der Vollzug der Strafe ausgesetzt. Den Verteidigern war gelungen, was nur sehr selten passiert: Der Fall wird in einem so genannten Wiederaufnahmeverfahren erneut verhandelt. Diesmal in Gera.

Das Justizzentrum in Gera (Thüringen)
Justizzentrum Gera Bildrechte: dpa

Als erstes wird beim Prozessauftakt am Donnerstag das Urteil des Erfurter Landgerichts verlesen. Die Jugendschutzkammer war 2014 überzeugt, dass der Angeklagte seine Tochter dreimal schwer missbraucht hat. Die Eltern hatten sich getrennt, die damals Zwölfjährige besuchte ihren Vater regelmäßig. Während sie bei ihm übernachtete, soll es zu den schweren Übergriffen gekommen sein. Das war 2008, erst 2012 offenbarte sich das Mädchen. Das Verfahren kam ins Rollen, bei der Polizei und im Erfurter Gerichtssaal wiederholte die junge Frau die Vorwürfe. Der Vater wurde verurteilt, der Bundesgerichtshof fand keine Fehler. Der Schuldspruch wurde rechtskräftig, der Vater kam ins Gefängnis.

Anwälte sammelten entlastende Indizien

Seine Anwälte suchten weiter nach Indizien, die ihren Mandanten entlasten. Und sie trugen so viel zusammen, dass ihrem Antrag auf Wiederaufnahme stattgegeben wurde. Und nicht nur das. Der Angeklagte, der seine Strafe noch lange nicht verbüßt hat, kam vorerst aus dem Gefängnis. Juristisch korrekt heißt es: Die Strafvollstreckung wurde unterbrochen, denn Wiederaufnahmeverfahren heißt nicht, das erste Urteil gibt es nicht mehr. Es wird neu geprüft. Mit Hilfe neuer Zeugen und eines Gutachtens wollen die Anwälte die Glaubwürdigkeit der Tochter, die den Vater schwer belastet hat, erschüttern.

Die Anwältin liest vor, was der heute 50-Jährige zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs sagt. Es sind sehr konkrete, sehr detailreiche und sehr persönliche Aussagen. Man merkt dem Mann an, dass ihn das alles sehr bewegt.

"Wir hatten kein Familienleben"

Dann tritt die Tochter in den Zeugenstand. Sie wird über ihr Aussageverweigerungsrecht belehrt, will aber aussagen. Über das Familienleben befragt, sagt sie. "Wir hatten kein Familienleben". Der Vater sei bei ihrer Geburt nicht dabei gewesen, sei selten zu Hause gewesen und habe nur wenig Geld zum gemeinsamen Haushalt beigesteuert. Das klinge eher danach, als ob sie das von ihrer Mutter erfahren habe, sagt der Vorsitzende.

Er bittet die heute 24-Jährige, nochmals von den sexuellen Übergriffen zu erzählen. Doch das will die junge Frau nicht. "Ich schaffe das nicht, ich will endlich abschließen, mein Leben und das meiner Tochter sind mir wichtiger", sagt sie. Seit sie vor sieben Jahren Anzeige erstattet habe, gebe es nun Psychoterror, bei drei Psychologen sei sie schon gewesen, jetzt wolle sie nicht mehr. Der Vorsitzende Richter erklärt ihr, dass in diesem Fall auch ihre früheren Aussagen nicht verwertet werden dürfen. Die Frau bleibt dabei und verlässt den Saal. Draußen ist lautes Schluchzen und heftiges Atmen zu hören. Der Notarzt muss kommen.

Vier Tage hat das Gericht für dieses Wiederaufnahmeverfahren angesetzt. Egal, wie es ausgeht, als Gewinner wird sich hier niemand fühlen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 21:19 Uhr

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