Missbraucht, betäubt, weggeworfen Mordfall Stephanie vor Gericht in Gera - Angeklagter schweigt

Am 24. August 1991 starb die zehnjährige Stephanie aus Weimar. Ihr Mörder hatte sie von der Teufelstalbrücke geworfen. Jetzt, 27 Jahre später, steht der mutmaßliche Mörder in Gera vor Gericht.

von Cornelia Hartmann

Die Anklage gegen den 66-Jährigen, der zuletzt in Berlin lebte, lautet Mord. Nur Mord, der sexuelle Missbrauch ist nicht angeklagt, er ist verjährt. Juristisch spielt er trotzdem eine Rolle - der Staatsanwalt geht von einem Verdeckungsmord aus. Stephanie musste sterben, damit der vorangegangene Missbrauch nicht entdeckt wird.

Der Angeklagte sagt nichts dazu. Sein Gesicht verbirgt er hinter einem Aktenordner, auch dann noch, als die Kameras den Saal längt verlassen haben. Nach einer halben Stunde erst legt er den Ordner auf den Tisch - und wendet sein Gesicht dann starr nach vorn, so dass die Zuschauer nicht einmal sein Profil sehen können.

Der Angeklagte sitzt neben seinem Verteidiger im Gerichtssaal und verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Im Hintergrund stehen drei Justizbeamte.
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Stephan Rittler. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Das Gericht verliest die Ermittlungsberichte von 1991. Ein Unbekannter hatte Stephanie in Weimar angesprochen, er wollte sich den Park von Belvedere zeigen lassen. Stephanie kam nicht zurück. Zwei Tage später fanden Kinder ihre Leiche unter der Teufelstalbrücke. Tatort und Auffindesituation sind ausführlich dokumentiert. Die Kripo kam noch mit dem B 1000 zum Tatort, an anderer Stelle ist von den "U-Organen", also den Untersuchungsorganen die Rede, und die Spuren wurden mit Prenaband gesichert. Stephanie lebte noch, als der Mörder sie von der Brücke stieß. Allerdings war sie wahrscheinlich bewusstlos - in ihrem Blut wurden große Mengen an Beruhigungsmitteln gefunden.

Akribische Ermittlungen führten zum Tatverdächtigen

Dass Stephanies mutmaßlicher Mörder jetzt vor Gericht steht, ist nicht dem Fortschritt beim DNA-Abgleich zu verdanken, sondern klassischer Polizeiarbeit. Die Jenaer Soko "Altfälle" hatte sich vor zwei Jahren die drei ungeklärten Kindermorde Ramona, Bernd und Stephanie noch einmal vorgenommen. Wie, das beschreibt Kriminaloberkommissarin Carolin Böhme im Zeugenstand. Ihre Aussage dauert zwei Stunden.

Alle Akten wurden digitalisiert und mit anderen Missbrauchsfällen aus dieser Zeit abgeglichen. 142 mögliche Tatverdächtige wurden so ermittelt. Deren Taten habe sie dann mit dem Vorgehen des Täters im Fall Stephanie verglichen, so Böhme. Dabei kristallisierten sich sechs Personen heraus, mit denen sie sich akribisch beschäftigt habe. Ganz oben auf der Liste: der heutige Angeklagte. Er war bereits 1969 und 1979 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden. Danach hatte ihn die DDR nach Westberlin ausgewiesen. Auch dort wurde er wieder verurteilt. Nach der Wende hielt er sich immer wieder in Weimar auf - und missbrauchte wieder Kinder. 1996 wurde er in Gera zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft und anschließender Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Erst nach insgesamt zwölf Jahren war er entlassen worden, stand seitdem unter Führungsaufsicht. Erst als sie sich die Stasi-Akten habe kommen lassen, habe sie erfahren, dass der heute 66-Jährige auch bei der Tat in den 1970er-Jahren Medikamente eingesetzt hatte, so Böhme. Sie informierte die Staatsanwaltschaft.

Im Januar stürmte das SEK in Berlin die Wohnung des mutmaßlichen Mörders. Der bedrohte die Polizisten mit einer Eisenstange. Nach der Festnahme hatte der 66-Jährige ein gebrochenes Nasenbein und einen geprellten Kiefer. In der anschließenden Vernehmung gestand er den Mord.

Prozess dauert mindestens bis Januar 2019

Schon am ersten Verhandlungstag wird klar, dass die Umstände dieses Geständnisses noch ein Rolle spielen werden. Aber auch welche akribische Ermittlungsarbeit in Jena geleistet wurde. Carolin Böhme ist bei ihrer Recherche auf Umstände gestoßen, die aus heutiger Sicht als Fehler gelten könnten. Aber eben aus heutiger Sicht, sagt sie: mit dem aktuellen Wissen, dem wissenschaftlichen Fortschritt und den digitalen Möglichkeiten.

Viele weitere Zeugen werden folgen. Auch Stephanies damalige Freundin und die Kinder, die vor 27 Jahren die Leiche fanden, müssen sich noch einmal erinnern. Das Geraer Landgericht hat jetzt schon Termine bis Januar angesetzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. Oktober 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2018, 07:08 Uhr

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7 Kommentare

23.10.2018 20:45 Petra Stein 7

Liebe MDR Online-Redaktion,

über Ihre Bitte habe ich jetzt eine kleine Weile nachgedacht. Ich denke, niemand hier möchte ein oder die Opfer von Gewaltverbrechen instrumentalisieren.

Es ist vielmehr so, dass jedes Opfer Anteilnahme und Solidarität verdient.

Letztlich enthalten ja auch Äußerungen wie "an die Wand mit ihm" oder "Kastrieren" Empörung und Mitgefühl mit dem Opfer. Und dies hatte ich hier eigentlich erwartet, als ich Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels hier hereinschaute. Schweigen ist aber auch eine Botschaft (wenn auch eine sehr mehrdeutige), die man entsprechend interpretieren und beantworten kann.

Vielleicht war unsere Interpretation des Schweigens falsch, aber wie wäre sie dann richtig? Ich lasse mich gern widerlegen.

Jedes Opfer verdient Respekt. Schwache verdienen Schutz. Das ist die Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft. Die Opfer von Ausländern sind keine "besseren", bedauernswerteren Opfer.

23.10.2018 20:26 MDR THÜRINGEN 6

Liebe User, wir schließen nun die Kommentarfunktion, da die noch zusätzlich eingegangenen Kommentare wenig bis nichts mehr mit dem Thema des Artikels zu tun haben. Wir bitten Sie auch darüber nachzudenken, ob der tragische Fall geeignet ist, pauschalisierend über die Straffälligkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen zu diskutieren.

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