Tödliche Stiche Mordprozess in Gera: Rentner gesteht Messerangriff auf Nachbarn

Zu Beginn des Mordprozesses am Landgericht Gera hat der angeklagte Rentner ein Geständnis abgelegt. Der 78 Jahre alte Angeklagte aus Pößneck im Saale-Orla-Kreis gab am Dienstag zu, seinen Nachbarn erstochen zu haben. Wegen seines Alkoholkonsums am Abend der Tat könne er sich aber nicht mehr genau erinnern.

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

von Cornelia Hartmann

Im Gerichtssaal werden die Fotos eines Menschen gezeigt, der nicht mehr lebt. Der 67-Jährige wurde erstochen. Über einen Beamer werden die Fotos vom Tatort auf eine Leinwand geworfen. Die Tochter des Toten verfolgt den Prozess als Nebenklägerin. Der Vorsitzende hatte ihr gesagt, sie möge sich das nicht antun. Die 37-Jährige, eine Ärztin, verlässt den Saal, bevor die Bilder ihres toten Vaters gezeigt werden.

Rentner soll Nachbarn im Schlaf erstochen haben

Auf der Anklagebank sitzt ein Nachbar der Toten. Der 78-Jährige ist wegen Mordes angeklagt. Heimtückisch und aus Rache soll er den 67-Jährigen in der Nacht vom 24. zum 25. Februar dieses Jahres getötet haben, sagt der Staatsanwalt. Der Angeklagte soll sich in die Wohnung seines Opfers geschlichen und den Mann im Schlaf erstochen haben.

Der 78-Jährige räumt seine Schuld am Tod des Nachbarn ein. Bei der Tochter des Opfers entschuldigte sich der Mann: "Ich möchte mich nicht nur entschuldigen, ich möchte auch um Verzeihung bitten." Die Tochter des Toten, die dem Angeklagten direkt gegenüber sitzt, ringt still um Fassung. Dass ihr der Gang in den Gerichtssaal nicht leicht fällt, ist ihr deutlich anzusehen.

Keine genaue Erinnerung mehr an die Tat

Nach den entschuldigenden Worten des Angeklagten verliest dessen Verteidiger eine Erklärung. Der 78-Jährige habe keine genaue Erinnerung mehr an die Tat, er habe an jenem Tag viel getrunken und wenig geschlafen. Ja, er sei mit dem Messer in die Wohnung seines Nachbarn gegangen, aber die eigentliche Tat sei anders passiert als in der Anklage beschrieben. Das Opfer habe seinen Mandanten getreten, da sei es dann zu dem tödlichen Stich gekommen.

Angeklagter im Mordprozess wird in Gerichtssaal geführt
Der 78-jährige Angeklagte hat nach eigenen Angaben keine genaue Erinnerung mehr an die Tat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Täter selbst rief die Rettungsleitstelle an, gab zu, dass er es war, der zugestochen habe. Und in sehr drastischen Worten äußerte er damals, dass der andere doch sterben solle. Worte, die dem Mann jetzt leid tun.

Über Tote solle man nicht schlecht reden, sagt der Vorsitzende. Doch in diesem Fall müsse auch die Vorgeschichte zur Sprache kommen. Deshalb werden viele Briefe im Gerichtssaal verlesen: Briefe von Hausbewohnern, die sich über den 67-Jährigen beschweren. Er störe den Hausfrieden, beleidige seine Mitbewohner, beschmutze Hausflur und Gemeinschaftsräume. Ein Mitarbeiter der Wohnungsgenossenschaft bestätigt im Zeugenstand, dass man dem Mann deshalb die Wohnung gekündigt hatte und ihm eine neue angeboten hatte.

Nicht alle hätten so schlecht von ihrem Vater geredet, sagt die Tochter am Rande des Prozesses. Sie kenne ihn als jemanden, der für andere sei.

Rache als Motiv? Gartenlaube des Angeklagten abgebrannt

Und dann steht noch der Verdacht im Raum, dass der später Getötete das Gartenhaus des Angeklagten angezündet habe. Sein Leben sei seitdem ein anderes gewesen, lässt der Angeklagte seinen Anwalt erklären. Der Verlust habe ihm schwer zu schaffen gemacht, er konnte nicht mehr schlafen, sei depressiver Stimmung gewesen.

Eingang zum Landgericht Gera
Ein Urteil in dem Mordprozess am Landgericht Gera wird im September erwartet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende des ersten Verhandlungstags verliest der Vorsitzende Richter noch einen Brief, den das Gericht erhalten habe. Das Schreiben trägt dutzende Unterschriften von Freunden und Bekannten des Angeklagten. Sie haben Vertrauen in die Justiz, wie die Unterzeichner schreiben, bitten aber dennoch um ein mildes Urteil. Der Angeklagte sei ein hilfsbereiter, freundlicher Mensch, der immer gerade durchs Leben gegangen sei. Und dass eine Strafe doch so ausfallen könne, dass der Angeklagte nicht den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen müsse.

Am Mittwoch geht der Prozess weiter. Dann wird auch die psychiatrische Sachverständige dabei sein. Sie wird gegen Ende des Prozesses ihr Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten erstatten, dem Gericht sagen, wie sich Alkohol und Schlafmangel auf die Tat ausgewirkt haben.

Acht Verhandlungstage sind geplant. Ein Urteil wird für Ende September erwartet. Der 78-Jährige sitzt seit Ende Februar im Untersuchungshaft. Ihm droht bei einer Verurteilung wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 20:22 Uhr

Mehr aus der Region Gera - Altenburg - Zwickau

Mehr aus Thüringen