Entsorgung Was Großbritannien mit den Müllgebühren in Ostthüringen zu tun hat

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Nach 14 Jahren müssen die Bewohner von Gera und dem Landkreis Greiz erstmals wieder höhere Müllgebühren zahlen. Der Preisanstieg für den Einzelnen ist moderat. Stutzig macht der Blick ins Amtsblatt: Die Verbrennung von 1.000 Kilogramm Restabfall kostet den Zweckverband Ostthüringen wohl künftig 125 statt 65 Euro. Die Ursachensuche reicht von Mülldeponien in Großbritannien bis hin zum Kohleausstieg.

Mann im dunklen Pulli, gelber Hose führt Joystick vor Fenster mit Blick auf Müllgreifarm
Mit jeder Greifkran-Ladung landen über vier Tonnen in einem der beiden Verbrennungsöfen in Zorbau. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Die beiden tonnenschweren Greifarme des Lastenkrans tanzen ein Ballett von morbidem Charme. Einmal zupacken, und schon werden rund 4,5 Tonnen Hausmüll in den Verbrennungsofen geworfen. Zerrissene Müllsäcke, meterlange Flatterbänder, eine Matratze im Greifarm - im 25 Meter hohen Bunker der Müllverbrennungsanlage Zorbau bei Lützen in Sachsen-Anhalt sammelt sich alles, was niemand mehr braucht. Die beiden Kranführer haben gut zu tun, den angelieferten Müll im Bunker zu verteilen und in den Ofen zu packen: Teilweise im Minutentakt rollen Müllautos aus der nahen Umgebung oder große Lastwagen mit Hausmüll an.

25 Cent Preisanstieg pro Leerung

In Zorbau landet auch der Müll aus Ostthüringen - und die Verbrennungskosten haben mit den Abfallgebühren zu tun: 14 Jahre lang konnte der Abfallwirtschaftszweckverband Ostthüringen (AWV) die Gebühren für die Abfallentsorgung stabil halten, teilweise sogar senken. Zum Jahresanfang 2020 sind die Preise gestiegen: Statt 2,55 Euro zahlen Verbraucher nun 2,80 Euro für die 80-Liter-Hausmülltonne. Die Grundgebühr wurde von 53,20 auf 58,60 Euro erhöht. Hauptgrund sind laut AWV-Geschäftsleiter Dietmar Lübcke die gestiegenen Verbrennungskosten.

Für die aktuell laufende Ausschreibung erwartet er 125 Euro statt 65 Euro je 1.000 Kilogramm Restabfall. "Wir hatten zu Beginn des Verbrennungszeitalters einen sehr guten Preis erreicht", sagt Lübcke und spielt damit auf das Jahr 2005 an.

Da haben sie uns super Konditionen angeboten.

Dietmar Lübcke, Geschäftsführer Abfallwirtschaft

Damals wurde in Deutschland verboten, Hausmüll unsortiert auf Deponien abzuladen. Abfall sollte stattdessen sortiert und nur der Rest verbrannt werden. Für die Gebührenzahler änderte sich preislich nichts. Die Ostthüringer Müllbeseitiger schlossen sich zum "Zweckverband Restabfallbehandlung Ostthüringen" (ZRO) zusammen und konnten 2012 die Müllmengen von rund 760.000 Einwohnern in die Waagschale werfen für die Ausschreibung zur Müllverbrennung. "Das war ein Glücksfall für die Gebührenzahler in Ostthüringen, weil da die Verbrennungsanlagen nicht genügend Abfälle hatten. Da haben sie uns super Konditionen angeboten", sagt AWV-Geschäftsleiter Lübcke. Er ist für Gera und den Landkreis Greiz verantwortlich.

Tonnenpreis bei knapp 40 Euro

Statt zunächst noch rund 80 Euro musste der ZRO für den Vertragszeitraum 2015 bis 2021 nur knapp 40 Euro netto zahlen für die Verbrennung einer Tonne Müll - dazu kamen dann noch Steuern, Transport- und Personalkosten.

Nun hat sich die Situation geändert: Anlagen wie die in Zorbau können sich vor Hausmüll kaum retten. Die so genannten Spotpreise, Tagespreise für gewerbliche Anlieferer, stiegen zweitweise schon auf mehr als 110 Euro. "Die Glücksphase mit dem Sonderpreis ist vorbei", so Lübcke. Für die Gebührenzahler sei es gut gewesen, dass die Verbrennungsanlagen mit ihrer Auslastungskapazität zu kämpfen hatten. "Nun sind die vorhandenen Anlagen ausgelastet. Damit werden die Verbrenner uns Preise anbieten, die dem durchschnittlichen Kostenniveau entsprechen. Auf den einzelnen wirkt sich das kaum aus", sagt der AWV-Chef mit Blick auf die moderaten Preissteigerungen. Die wurden im Amtsblatt und auf den aktuellen Gebührenbescheiden schon mitgeteilt, obwohl die Ausschreibung noch läuft. Beschwerden habe es wegen der Preiserhöhung keine gegeben.

330.000 Tonnen Haus- und Gewerbemüll

Die Gründe für die nun hohe Auslastung in den Müllverbrennungsanlagen sind vielfältig. "Wir sind teilweise zu 110 Prozent ausgelastet", sagt Klaus Libuda, Geschäftsführer der Anlage in Zorbau, die zum französischen Konzern Suez gehört. Er verweist auf steigende Einwohnerzahlen und keinen nennenswerten Zuwachs an Verbrennungskapazitäten in den vergangenen Jahren. Etwa 330.000 Tonnen kommunaler Hausmüll und Abfälle von Gewerbetreibenden werden in Zorbau jährlich in die beiden mindestens 850 Grad heißen Öfen geschoben.

Großes Gebäude mit Aufschrift SUEZ
Die Müllverbrennungsanlage in Zorbau gehört dem französischen Konzern Suez. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Energie für Tomaten aus Zorbau

Die Anlage in Zorbau finanziert sich nicht nur über die Annahmepreise, die Suez den Kunden in Rechnung stellt. Darüber hinaus wird aus den Abfällen Strom und Fernwärme erzeugt. "Was wir an Strom nicht für den Anlagenbetrieb brauchen, speisen wir ins Netz ein", erklärt Libuda. Die Fernwärme fließt in umliegende Dörfer, das nahe Gewerbegebiet und in die Gemüseproduktion Zorbau GmbH, die direkt neben der Anlage in Gewächshäusern Tomaten anbaut.

Müllverbrennungsanlage mit viel grünen Äckern und mit Windrad
Die Müllverbrennungsanlage Zorbau ist auch Energie-Erzeuger: Strom wird ins Netz gespeist, Fernwärme fließt ins Umland und eine Tomatenproduktionsanlage. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strompreis runter, Verbrennungspreis hoch

Die Energiewende wirkt sich nach Angaben von Geschäftsführer Libuda auf die Preise für die Müllverbrennung aus: "Der Wind bläst umsonst, die Sonne scheint für umsonst. Damit werden die Strompreise weiter nach unten gehen. Und wir müssen trotzdem in der Lage sein, unsere Dienstleistung Müllverbrennung zu erbringen." Der Geschäftsführer erwartet darum, dass zumindest langfristig die Annahmepreise für die Abfälle steigen und die Erlöse aus der Energiegewinnung sinken. Dazu kommt laut AWV-Chef Dietmar Lübcke der Braunkohleausstieg. "Wenn Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden, die bisher Restmüll mit verbrennen durften, dann wird das immer komplizierter für die Verbrennungsanlagen, diesen Abfällen gerecht zu werden."

Das Branchenmagazin Euwid-Recycling geht davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren in ganz Europa etwa 50 zusätzliche Verbrennungsanlagen in Betrieb gehen müssen. Hintergrund sind EU-Richtlinien, wonach bis 2035 nur noch zehn Prozent der Siedlungsabfälle deponiert werden dürfen. Das führte beispielsweise dazu, dass Großbritannien seine Deponiesteuer erhöhte und der Müll auch nach Deutschland gebracht wurde, um hier verbrannt zu werden. Müllexporte in die Niederlande und Schweden wurden durch neue Steuern erschwert. Laut Euwid wird es jedoch schwer, ausreichend geeignete Standorte für Verbrennungsanlagen zu finden.

Hohe Verbrennungspreise verbessern Recyclingquote

Die bestehenden Verbrennungsanlagen können somit die Preise bestimmen. Höhere Preise für die Restmüllbeseitigung müssen laut Lübcke aber nicht zwangsläufig schlecht sein. "Wenn die Beseitigung von Abfällen billiger ist als das Recycling, dann wird weniger recycelt. Insofern ist es nicht schlimm, wenn die Verbrennungspreise steigen", sagt der AWV-Chef und sieht die höheren Kosten als Impulsgeber für besseres Recycling und eine höhere Wertschöpfung.

Wer viel Hausmüll produziert, muss mehr zahlen; wer gut trennt, zahlt weniger.

Dietmar Lübcke, Abfallwirtschaft

In Gera sind nach Lübckes Informationen die Hausmüllmenge mit 150 Kilogramm pro Person und Jahr jetzt schon niedriger als der Bundesschnitt vergleichbarer Städte. "Wer viel Hausmüll produziert, muss mehr zahlen; wer gut trennt, zahlt weniger", so seine Rechnung. In großen Städten mit gemeinsamen Hausmülltonnen für alle Mitbewohner werde weniger getrennt.

Mann mit blauem Schuzthelm schaut in einen Ofen
Der Müll wird bei einer Mindesttemperatur von 850 Grad verbrannt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Deponie in Untitz im Kreis Greiz

Bleibt nur noch die Frage: Warum entsteht in Untitz im Landkreis Greiz derzeit eine zweite Deponie? "Es gibt so viele Abfälle, die nicht verbrannt werden können, also Erden, Baustoffe, Ziegel, Asbestdächer - die müssen nach wie vor deponiert werden", erklärt AWV-Chef Lübcke. Ein Grund dafür sei die boomende Bauwirtschaft. "Der Bedarf ist hoch. Wir benötigen dringend neue Deponien." Während also die erste Deponie aus den 70er Jahren verschlossen ist und in den kommenden Wochen begrünt wird, entsteht eine etwa sieben Hektar große zweite Deponie. Die soll im Sommer in Betrieb gehen. "Hausmüll wird aber nicht mehr deponiert - diese Zeiten sind vorbei", stellt Lübcke noch einmal klar. Das Lastenkran-Ballett in der Müllverbrennungsanlage wird also weiter getanzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Entsorgung Was mit Müll aus Gera und Greiz passiert

Der Hausmüll aus Ostthüringen wird nach Zorbau in Sachsen-Anhalt gebracht. Hier steht die Müllverbrennungsanlage, die langsam an ihre Kapazitätsgrenzen kommt.

Mann in orangener Arbeitsklediung hinter Müllauto
150 Kilogramm Hausmüll fallen in Gera pro Kopf und Jahr an. Darunter Windeln, gebrauchte Katzenstreu, Hygieneartikel. Das ist Abfall, der nicht deponiert werden darf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann in orangener Arbeitsklediung hinter Müllauto
150 Kilogramm Hausmüll fallen in Gera pro Kopf und Jahr an. Darunter Windeln, gebrauchte Katzenstreu, Hygieneartikel. Das ist Abfall, der nicht deponiert werden darf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Radlader stapelt Restmüll in einer Halle der Müllverbrennungsanlage Zorbau in Sachsen-Anhalt.
Die Müllwagen fahren nach Untitz im Landkreis Greiz. Hier wird Müll aus Gera und aus dem Landkreis Greiz zwischengelagert und umgeladen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Bagger an einer Umladestation, darunter steht ein LkW
Der Müll kommt in Lkw, die randvoll gefüllt ins 51 Kilometer entfernte Zorbau bei Weißenfels fahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei helle Hallen mit grünen Dach davor schwarze Schlackehügel
Neben dem Umladeplatz Untitz entsteht in den nächsten Monaten eine neue Deponie für Bau-Abfälle. Diese dürfen nicht verbrannt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein weißer Lkw steht an einem Tor und öffnet hintere Ladeklappen
In Zorbau an der Müllverbrennungsanlage ist Platz für viele ankommende Müll-Laster. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Großes Gebäude mit Aufschrift SUEZ
In der Verbrennungsanlage Zorbau werden jährlich 330.000 Tonnen Hausmüll angeliefert. Der Anteil aus Ostthüringen beträgt 60.000 Tonnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
zwei Greifarme in einem Schacht voller Müllberge
Riesige Bunker füllen sich mit Abfallbergen. Durch die Luken fällt der Müll, die Greifarme packen den Müll. Mit jedem Griff landen über vier Tonnen im Ofen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann mit blauem Schuzthelm schaut in einen Ofen
Der Müll muss bei mindestens 850 Grad brennen, damit die Schadstoffe "geknackt" werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein 2Mann vor einer Reihe von Monitoren und Überwachungsbildschirmen
Auf Monitoren wird die Anlage rund um die Uhr und komplett überwacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann im dunklen Pulli, gelber Hose führt Joystick vor Fenster mit Blick auf Müllgreifarm
Mit "links" und mit Joystick werden Tonnen von Müll in den Ofen verbracht. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Müllverbrennungsanlage mit viel grünen Äckern und mit Windrad
Bei der Verbrennung entstehen Wärme und Schlacke. Die Wärme macht aus Wasser Dampf, der über eine Turbine einen Generator zur Stromerzeugung antreibt. Die Restwärme fließt in umliegende Dörfer, ein Gewerbegebiet und eine Tomatenzucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. Februar 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

jochen1 vor 13 Wochen

So wird immer weiter abgezockt.
Solange die Menschen ihr Wahlverhalten nicht grundlegend ändern, wird das so bleiben. Dann muss eben jeder Preis bezahlt werden.

Die Partei-die Partei hat immer Recht vor 13 Wochen

Der Staat, Kommune und der Betreiber wollen alle Geld, die einen für andere, der andere für sich. Also immer wieder wählen, selbst schuld.

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