Prozess am Landgericht Gera Attacke in Jena: Angeklagte will Mordabsicht nicht gekannt haben

Eine 21-Jährige soll ihren Freund in Jena in einen beinahe tödlichen Hinterhalt gelockt haben. Vor Gericht erklärte sie, von der Mordabsicht ihres Onkels nicht gewusst zu haben.

von Cornelia Hartmann

Frau auf Anklagebank verbirgt Gesicht hinter einer Zeitung.
Die Angeklagte verbirgt vor Prozessbeginn am Landgericht Gera ihr Gesicht hinter einer Zeitung. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Seit Mittwoch muss sich eine 21-jährige Schülerin wegen versuchten Mordes vor dem Geraer Landgericht verantworten. Sie soll ihren Freund in Jena an die Saale gelockt haben. Dort, so der Staatsanwalt, soll der Onkel der Angeklagten versucht haben, den jungen Mann zu töten.

Die Anklage beschreibt einen massiven Angriff. Die 21-Jährige soll ihrem Ex-Freund die Augen zugehalten und eine Überraschung angekündigt haben. In diesem Moment habe ihr Onkel dem ahnungslosen Opfer ein Seil um den Hals gelegt und zugezogen. Weil der 24-Jährige den Angriff abwehren konnte, stach der Onkel ihm zweimal in den Rücken und schlug ihm eine Glasflasche ins Gesicht. Dann stieß er ihn in die Saale. Der 24-Jährige rief um Hilfe - ein Angler informierte die Polizei.

Gerichtsmediziner: Lebensgefährliche Verletzungen

Eine Woche musste das Opfer im Krankenhaus bleiben. Der Angriff, sowohl das Drosseln mit dem Seil als auch die Stiche in den Rücken hätten den Mann in Lebensgefahr gebracht, stellten die Gerichtsmediziner fest. Von massiver Gewalt ist im Gutachten die Rede. Und davon, dass die Verletzungen exakt zu den Aussagen des Opfer passen.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen versuchten Mordes. Gegen die damalige Freundin des Opfers und gegen ihren Onkel. Gleich zwei Mordmerkmale lägen vor: Heimtücke und niedrige Beweggründe. Die Familie der 21-Jährigen habe die Beziehung nicht gebilligt, so der Staatsanwalt. Auf der Anklagebank sitzt die 21-Jährige allein. Ihr Onkel ist untergetaucht.

Nur der Verteidiger spricht

Sie selbst sagt nichts. Stattdessen spricht ihr Anwalt. Seine Mandantin kam vor vier Jahren mit Eltern und neun Geschwistern nach Deutschland. Es falle ihr schwer sich zu öffnen, letztendlich aber habe sie mit ihm gesprochen und ihm folgende Geschichte erzählt. Die Anklagte und ihre damaliger Freund sind Jesiden. Die Eltern hätten die Beziehung - rein freundschaftlich, man habe höchstens mal Händchen gehalten - respektiert. Die Mutter der Angeklagten habe allerdings gemeint, die Tochter solle erst mal Deutschkurse und Schule fertig machen.

Aus Respekt vor den Eltern habe die junge Frau die Beziehung dann beendet, sie habe jedoch gemerkt, dass ihr viel daran liege und wollte sie fortsetzten. Deshalb habe sie ihren Freund an einem Junimorgen 2017 noch mal besucht und zu dem Spaziergang am Saaleufer überredet. Dort wollte sie ihm sagen, dass sie die Beziehung fortsetzen wolle. Das war die Überraschung, die sie ankündigte, als sie ihm die Augen zuhielt. Der Angriff durch ihren Onkel habe sie dann völlig überrascht. Sie habe den Tatort auch nur verlassen, weil sie wusste, dass ihr Ex-Freund schwimmen kann.

Gericht muss Widersprüche klären

Dass sie gemeinsam mit ihrem Onkel zurück in die Gemeinschaftsunterkunft kam, sei reiner Zufall. Und die Kratzspuren im Gesicht seien keine Abwehrverletzungen, sie habe sich Pickel aufgekratzt. Und ja, seine Mandantin habe zuvor den Onkel angerufen, um ihm Ort und Zeit des Spaziergangs mitzuteilen. Aber nur, weil der mit ihrem Ex reden wollte. Dass der Onkel Interesse an ihr zeigte, das habe sie nie bemerkt. Den Angriff könne sie sich überhaupt nicht erklären. Sie sei froh, dass alles so gelimpflich abgelaufen sei. Das Gericht muss all diese Widersprüche aufklären. Und das wird ein bisschen dauern. Denn die 21-Jährige will keine Fragen beantworten. Und ihr Ex-Freund, der inzwischen in Nürnberg lebt, kommt trotz Zeugenladung nicht. Ob es Ende November schon ein Urteil gibt, ist offen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 06. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 20:07 Uhr

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