Nach Raupenplage 2019 Freiwillige sammeln Nester des Schwammspinners in Gera-Liebschwitz ab

Im Sommer 2019 erlebte der Ortsteil Liebschwitz bei Gera eine Raupenplage, die vielen Anwohnern schlaflose Nächte bereitete. Damals fraßen die Schwammspinner Wälder und Gärten leer und belagerten die Häuser der Anwohner. Damit sich das in diesem Jahr nicht wiederholt, trafen sich am Samstag über 500 Freiwillige, um die Nester abzusammeln.

von Kathleen Bernhardt

Viele Menschen auf einem Platz
Großer Andrang in Gera-Liebschwitz: Über 500 Freiwillige versammeln sich um eine erneute Raupenplage zu verhindern. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

An den Juni 2019 erinnert sich in Gera-Liebschwitz niemand gern. Teile der Gemeinde waren versunken unter abertausenden schwarzen Raupen. Der Schwammspinner, ein unscheinbarer brauner Falter, hatte seine Eier im benachbarten Eichenwald abgelegt. Der warme und trockene Frühsommer war perfekt für seinen Nachwuchs. Nach dem Schlupf haben die Raupen erst den Wald leer gefressen und sich dann über die Gärten der Liebschwitzer hergemacht.

Der Horror-Sommer 2019 ist nicht vergessen

"Außer dem Hibiskus und der giftigen Eibe haben sie uns alles abgefressen!" sagt Anita Fikenscher. Den Garten der Seniorin hatte es besonders schlimm erwischt. Sie überlegt nun, was sie in diesem Jahr in ihrem Garten anbaut. Ob sie überhaupt wieder etwas anbaut. Zu groß ist die Angst vor einer erneuten Raupen-Invasion. "Die waren wirklich überall, sind sogar aus der Dachrinne gefallen, weil es so viele waren" erinnert sie sich mit Ekel in der Stimme.

Auch Bernd Schmidt kann grausige Geschichten erzählen: "Die schwarzen Raupen haben sich durch das Mückenschutzgitter durchgefressen. Als wir früh aufstanden, waren sie in der Wohnung an der Wand. Das war psychisch eine große Belastung!" Um so eifriger war er heute mit seiner Familie dabei, um die Nester des Schwammspinners zu finden. "Ich drehe sprichwörtlich jedes Blatt um", sagt er und schrubbt weiter Gelege aus einer Baumrinde.

Absammeln mit über 500 Helfern

Mann mit Mikro vor vielen Eimern
Einweisung für die freiwilligen Helfer: Wie sehen die Gelege des Schwammspinners eigentlich aus? Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Über 500 Helfer haben es ihm gleich getan. Schade findet Bernd Schmidt nur, dass manche der Liebschwitzer nicht mit geholfen haben. Am Vormittag gab es für die 500 Helfer, die sogar aus Leipzig oder Dresden kamen, eine Einweisung von Umweltamtsleiter Konrad Nickschick. Viele haben da die Gelege des Schwammspinners zum ersten Mal bewusst gesehen und festgestellt: Hey, die sind doch auch bei uns am Haus! Was tun?

Wir als Stadtverwaltung werden alles tun, um die Situation in diesem Jahr zu verbessern. Das haben wir den Anwohnern versprochen. Und deshalb ist es mir wichtig, heute hier mitzumachen um damit den vielen Helfern heute auch Danke sagen zu können.

Julian Vonarb, Oberbürgermeister Gera

Hellbraun leuchten die Nester an den Baumstämmen. Mit einer Drahtbürste und sogar mit den Fingern sind die leichten Nester schnell weg gekratzt. Sie sollen möglichst im Eimer aufgefangen werden. Doch der Wind ist heute ziemlich stark. "Aber selbst, wenn die Nester auf den Boden fallen, ist das nicht so schlimm", sagt Konrad Nickschick. "Für den Nachmittag ist Regen angesagt. Die Raupen verpilzen dann und sterben." Und tatsächlich setzt am Nachmittag Regen ein. Ein Hoffnungsschimmer.

Im April wird über Einsatz von Insektengift entschieden

Ungewöhnliche Situationen wie eine Raupenplage erfordern ungewöhnliche Putzmittel. Die Helfer der OTEGAU Gera haben Toilettenbürsten an Teleskopstangen befestigt. " Wir haben gedacht: ´Ne Klobürste hat ´ne breitere Aufnahmefläche. Und von daher müssen wir mit der Klobürste probieren, ob das klappt. Und? Es klappt hervorragend!", sagt Jörg Kirschlager. Die Helfer sind energisch bei der Sache. Mancher klettert auf Äste, um die Nester weit oben wegzukriegen. Mancher liegt bäuchlings auf dem Waldboden. Denn die Gelege sind auch oft versteckt in Baumgabeln, in freistehenden Wurzeln, unter Steinen oder im Totholz zu finden. "Ich hab heute schon Millionen Raupeneier gesammelt" verkündet ein kleiner Junge stolz.

Menschen mit Eimern und eine improvisierte Bürste am Stiel
Hauptsache es hilft: Die Liebschwitzer rücken dem Schwammspinner mit improvisiertem Werkzeug zu Leibe. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Selbst wenn es so wäre - die Gefahr einer neuen Raupenplage ist damit nicht gebannt. Das Umweltamt Gera prüft zusammen mit dem Forstamt Weida, ob noch chemisch "nachgearbeitet" werden muss. Viele der Helfer heute wollen das vermeiden; sie sehen damit auch andere Insekten bedroht. Viele Liebschwitzer aber sehen darin die einzige Möglichkeit, einer neuen Schwammspinnerplage vorzubeugen. Ende April könnte das Insektengift auf einer Fläche von 300 Hektar gesprüht werden, wenn es tatsächlich nötig ist.

Aktion stärkt Nachbarschaft in Liebschwitz

Vieles ist heute geschafft worden: das Absammeln der Nester des Schwammspinners. Damit verbunden haben viele gleich das Aufsammeln von Müll im Wald. Das festigt auch die Nachbarschaft. Denn nach getaner Arbeit haben sich alle Helfer bei Suppe und Kaffee getroffen - mit dem guten Gefühl, gemeinsam etwas Wichtiges für ihre Gemeinde getan zu haben.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 01. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2020, 16:06 Uhr

7 Kommentare

ElBuffo vor 3 Wochen

Genau, und weil es nur um die Gesundheit der Menschen geht immer ordentlich Gift draufhauen. Ist bestimmt ne super Idee. Vor allem, wenn dann auch alles mögliche andere dabei umkommt. Wahrscheinlich überleben dann aber ausgerechnet die größten Plagegeister und können sich dann umso ungehemmter vermehren.

Rotti vor 3 Wochen

Da muss man richtig Chemie nehmen. Aber da hat bestimmt die EU was dagegen?
Das ist wie mit dem Eichenprozessionsspinner. Da werden Biozite eingesetzt, die nicht allzuviel bringen. Die Bauern meinen, dass da Kartoffelkäfer - Gift gut hilft. Ist aber nicht erlaubt. Es geht ja nur um die Gesundheit der Menschen.

W.Merseburger vor 3 Wochen

Man kann den Bürgern nur höchsten Respekt zollen. Wenn rund 500 Bürger mit einfachsten Mitteln sich gegen diese Plage wehren, so ist das ein Erfolg einer noch gemeinschaftlich denkenden Bevölkerung auch nach 30 Jahren Turbokapitalismus und westlicher Überheblichkeit. Es wäre aber wünschenswert, diese Plage auch mit Mitteln der modernen heutigen Möglichkeiten einzudämmen. Hier sollten doch mit Vernunft und Augenmass moderne Mittel einer chemischen Bekämpfung effektiv eingesetzt werden.

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