Veraltete Tatrabahnen Gera: Tauziehen um die Anschaffung neuer Straßenbahnen

Leipzig, Dresden, Magdeburg, Jena und Erfurt, viele Städte wollen derzeit neue Straßenbahnen anschaffen. Das Land Thüringen stellt beispielsweise Fördermittel bereit, die Zinsen sind niedrig - vermeintlich beste Bedingungen also. Auch in Gera will der Verkehrsbetrieb neue Straßenbahnen anschaffen. Denn die alten Tatrabahnen fahren seit Ende der 70er Jahre und sind mehr als reif für die Rente. Die Entscheidung über die Anzahl neuer Straßenbahnen wird im Stadtrat jedoch immer weiter verzögert.

von Franziska Heymann

Straßenbahnen
In Gera fahren noch 27 alte Tatrabahnen (rechts im Bild). Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Im Dezember schien noch alles gut zu sein: Nach langer Diskussion machten die Geraer Stadträte den Weg frei und statteten die Geraer Verkehrsbetriebsgesellschaft mit ausreichend Kapital aus, um mit Hilfe von Fördermitteln neue Straßenbahnen zu beschaffen. "Ich war im Dezember der Meinung, jetzt kann es losgehen, wir können zwölf Bahnen ausschreiben und die verschlissenen 27 alten Tatrabahnen aussondern", sagt GVB-Geschäftsführer Torsten Rühle. Doch mittlerweile guckt er wieder in die Röhre - oder besser: In leere Wagenkästen, die für Reparaturen bis aufs Gerippe entkernt wurden.

Bauteile alter Straßenbahnen
Jede Bahn wird alle acht Jahre für die Hauptuntersuchung komplett entkernt und wieder zusammengesetzt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Verwirrende Rechenspiele

Denn im Februar machte der Stadtrat eine Rolle rückwärts: In mehrstündiger Debatte wurde die Frage diskutiert, ob und wann sechs oder zwölf neue Straßenbahnen angeschafft werden sollen und welche Darlehensumme die Stadt absichern kann. Für Verwirrung sorgten Schriftstücke aus der Stadtverwaltung: Dort wurde wohl einerseits nicht mit den aktuellen Zahlen gearbeitet, die der GVB der Verwaltung zugearbeitet hatten. Zum anderen wurde der Bedarf im zuständigen Fachdienst falsch berechnet: Denn die aktuell fahrenden Tatrazüge auf Geras Schienennetz bestehen aus zwei aneinandergehängten Bahnen. Zwei Bahnen machen also einen "Zug" - Das wurde in den Rechenspielen der Verwaltung nicht beachtet, wie in der Stadtratssitzung deutlich wurde. Kurz vor Mitternacht wurde im Februar die Vorlage vor allem mit Nein-Stimmen von AfD und CDU abgelehnt.

Eine Straßenbahn
Dieses Modell im orangenen Originalton von 1979 wird für Sonderfahrten genutzt, andere Bahnen wurden bereits aussortiert und dienen nur noch als Ersatzteillager. Reguulär sind keine Teil mehr erhältlich. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

GVB-Chef Rühle konnte also nicht wie geplant die Ausschreibung für neue Straßenbahnen starten, sondern musste der Verwaltung noch einmal Berechnungen vorlegen: Wie teuer wird der Kauf von soundso vielen Bahnen, unter Berücksichtigung von Stückzahlen, Bahnlänge und Zinsen. Der Stadt liegen diese Zahlen laut Rühle seit einer Woche vor. Die Stadtverwaltung hat eine Interviewanfrage von MDR THÜRINGEN mit dem Hinweis, dass kein Gesprächspartner zur Verfügung stehe zunächst abgelehnt. Nach einer erneuten Anfrage wurde ein Termin mit Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) zugesagt - und dann wieder abgesagt mit dem Verweis, dass ein "aktueller Stand zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar kommunizierbar" sei.

"Privat würde das niemand machen"

Eigentlich sollten die maroden Tatrabahnen schon 2014 aussortiert werden. Damals steckte der GVB jedoch noch mitten im Insolvenzverfahren. Nun sind beim Verkehrsbetrieb 26 Menschen damit beschäftigt, die Flotte einsatzbereit zu halten. Bei den Tatrabahnen ist es dabei nicht mit ein bisschen Korrosionsschutz getan: Jede Bahn wird alle acht Jahre für die Hauptuntersuchung komplett entkernt und wieder zusammengesetzt.

Bauteile alter Straßenbahnen
In jeder Straßenbahn sind mehrere hundert Kilometer Kabel verlegt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Angesichts mehrerer hundert Kilometer Kabel und zahlreicher rostiger Stellen dauert jedes Riesen-Bahn-Puzzle laut Werkstattleiter Andreas Reintjes sechs bis neun Monate. Die Kosten: rund 400.000 Euro je Fahrzeug. "Im Normalfall würden wir hier eine ganz flache Instandhaltung machen, wenn wir sicher wären, dass wie ursprünglich geplant 2023/24 Neufahrzeuge auf dem Hof stehen", erzählt Reintjes. Er ist sichtlich stolz auf seine schlagkräftige Truppe, die die alten Bahnen am Rollen hält. Reintjes sagt aber auch:

Wirtschaftlich ist das völlig sinnfrei, so viel Arbeit in die 40 Jahre alten Bahnen zu stecken. Privat würde das niemand mit seinem alten Auto machen.

Andreas Reintjes Werkstattleiter der GVB

27 Millionen Euro für Reparaturen oder 20 Millionen für neue Bahnen

Kommt der Stadtrat zu keiner Entscheidung und lässt sich die Fördermittel des Landes entgehen, stehen aufgrund neuer gesetzlicher Richtlinien noch weitreichendere Reparaturen an. Dann muss in den nächsten Jahren bei allen 27 Tatrabahnen die Steuerung und Elektrik umgerüstet werden. Das kostet bis zu eine Million Euro - pro Bahn! Diese Kosten werden nicht durch Fördermittel unterstützt.

Der Geraer Verkehrsbetrieb benötigt zwölf Bahnen, um die alten Tatras zu ersetzen. Laut Rühle könnten damit zwar 23 Prozent Fahrgäste weniger als heute transportiert werden. Das sei noch mit der erwarteten Einwohnerentwicklung in Gera vertretbar. "Mit weniger neuen Bahnen kommen wir aber nicht zurecht", sagt er und verweist auf volle Wagen zu den Stoßzeiten.

Menschen vor einer Straßenbahn
Wegen ihrer hohen Einsteige sind die alten Tatrabahnen nicht barrierefrei. Außerdem ist auch der Platz für Rollatoren, Kinderwagen und Rollstühle stark eingeschränkt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Zwölf 30 Meter lange Bahnen kosten rund 40 Millionen Euro. Die Hälfte davon ist durch Fördermittel des Landes gedeckt, die allerdings zu verfallen drohen. So günstig kriege man neue Bahnen nicht wieder finanziert, sagt der Geschäftsführer. "Natürlich können wir die alten Bahnen 100 Jahre betreiben, aber das kostet mehr Geld, als wenn wir neue beschaffen. Und es wird teurer, je länger wir warten." Würden beispielsweise sechs alte Tatras noch bis 2030 fahren, kostet das den GVB laut Rühle zusätzlich zwei Millionen Euro. Dazu kommt: Je weniger neue Bahnen der GVB bestellt, desto teurer wird jede einzelne in der Fertigung.

Warum einfach, wenn es kompliziert geht

GVB-Geschäftsführer Rühle dürfte angesichts dieses Wirrwarrs neidisch nach Jena und Erfurt schauen, wo ohne viel Trara jeweils über 30 neue Bahnen angeschafft werden. "Es ist natürlich anstrengend. Normalerweise läuft so ein Prozess reibungslos. Denn es ist relativ klar, dass man in 40 Jahre alte Bahnen nicht wahnsinnig viel Geld reinsteckt, um die länger laufen zu lassen." Dazu kommt das Wohl der Reisenden. "Jena beschafft 33 neue Bahnen - dort wird der Kunde in neue, klimatisierte Bahnen gesetzt. Und wenn wir den gleichen Fahrpreis wie in Jena erheben, wird sich der Kunde fragen: Warum bekommen wir hier etwas Schlechteres?", fragt der GVB-Chef mit Blick auf die Fahrpreise im Verkehrsverbund Mitteldeutschland.

Bauteile alter Straßenbahnen
Seit 40 Jahren befördern die Bahnen Menschen in Gera – und der Zahn der Zeit nagt sichtbar. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Wegen des Hin und Hers im Stadtrat hängen die GVB-Planer in der Luft: Sie planen den Bedarf für mindestens acht Jahre im Voraus - müssen also dringend wissen, ob sie neue Bahnen ausschreiben dürfen oder nicht. Denn von der Ausschreibung bis zur Jungfernfahrt in Gera dauert es bis zu vier Jahre. "Die ganze Zeit und das Geld, das wir hier reinstecken, wäre in die Finanzierung von Neufahrzeugen besser angelegt", sagt Werkstattleiter Reintjes. Er will endlich wissen, wie es weitergeht: "Ob Neufahrzeuge kommen, wie viele neue Fahrzeuge kommen, und vor allem: Wann?!"

Immer wieder die gleichen Fragen

Warum wird im Stadtrat seit Monaten über Anzahl und Anschaffungszeitpunkt gestritten? Angesichts verbaler Tiefschläge in den vergangenen Stadtratssitzungen dürften neben kommunikativen Defiziten auch persönliche Befindlichkeiten dahinter stecken. Nils Fröhlich ist Aufsichtsratsvorsitzender beim GVB und sitzt für die Grünen im Stadtrat. Seiner Meinung nach gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was der Nahverkehr zu leisten hat bzw. was sich die Stadt leisten kann: "Die einen schauen auf die wachsende Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs, die anderen - nicht unberechtigt - darauf, wie es finanziell für Stadt und GVB aussieht." Fröhlich ist sichtbar frustriert, dass auch nach monatelangen Debatten immer wieder dieselben Fragen auftauchen. Eine erneute finanzielle Schieflage befürchtet der Aufsichtsratsvorsitzende beim GVB jedoch nicht.

Bauteile alter Straßenbahnen
Weil die Straßenbahnen immer älter werden, gibt es in Gera laut GVB immer mehr technisch bedingte Ausfälle: von 3.000 Stunden (2017) auf 6.000 Stunden (2019). Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Geplant ist nun, dass die Stadträte bei der Sitzung am 2. April über die GVB-Flotte abstimmen sollen. Dann wäre gerade genug Zeit, damit Geschäftsführer Torsten Rühle und sein Team alle Unterlagen fertig haben, um spätestens im Juni die Ausschreibung für neue Bahnen zu starten.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ls

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 13. März 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2020, 21:05 Uhr

9 Kommentare

Willy November vor 3 Wochen

Herr Rühle sagt: "Und wenn wir den gleichen Fahrpreis wie in Jena erheben, wird sich der Kunde fragen: Warum bekommen wir hier etwas Schlechteres?" Prüfen wir mal nach: In Jena kostet der Fahrschein 2,10 Euro, in Gera 2,20 Euro. Ist das der gleiche Preis? NEIN. Fast 5 Prozent mehr beim GVB, Dort hat man es mit den Zahlen nicht so genau. Das ahnen (wissen?) vielleicht auch die Stadträte und gucken da lieber noch mal nach. Gut, dass man wenigestens einen Aufsichtsratsboss hat, der Fröhlich heißt.

Grinsekatze vor 3 Wochen

Nja vielleicht in Erfurt. Wahrscheinlich weil die armen Bahnen die Hoffnung am Leben erhält, irgendwann mal aus diesem Puffbohnen-Kaff in die Freiheit herausfahren zu dürfen.

kc85 vor 3 Wochen

Unsinn, die MGT6D(E) in Erfurt stammen z.B. aus den Jahren 1994 und 1996 bzw. 1998. Die sind also alle, teils deutlich, über 20 Jahre alt und fahren alle noch. Die haben auch schon alle zwischen 2011 und 2015 eine erste Sanierung hinter sich. Der "Wessi-Schrott" ist also durchaus haltbar.

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