Corona-Pandemie Klinik-Mitarbeiterin in Greiz berichtet: "Wir waren hilflos"

In der Klinik in Greiz hat es in der Corona-Pandemie offenbar gravierende Mängel gegeben. Eine Mitarbeiterin erzählt, dass infizierte Kollegen weiter gearbeitet hätten, weil Tests nicht zuverlässig funktionierten. Inzwischen reagierte das Krankenhaus auf die Vorwürfe.

Luftbild Kreiskrankenhaus Greiz
Im Kreiskrankenhaus in Greiz hat es in der Corona-Pandemie offenbar gravierende Mängel gegeben, die der Leitung bekannt gewesen sind, lauten Vorwürfe. Bildrechte: imago/Karina Hessland

"Es war wirklich extrem", sagt sie. Seit vielen Jahren arbeitet sie im Krankenhaus in Greiz als Pflegerin. Die vergangenen Wochen waren für sie vor allem geprägt von Hilflosigkeit und Angst. "Weil wir nicht wussten, was im Tagesverlauf oder morgen passiert." Angst hätte sie vor allem auch um ihre Patienten gehabt. Auf der Station habe es an geeigneten Schutzmasken und Schutzanzügen gefehlt. "Wir hatten nur Einweg-Masken, die man auch im Supermarkt kaufen kann." Pro Schicht durfte sie nur eine solche Maske verwenden. Masken vom Typ FFP 2 und FFP 3 habe es für die Mitarbeiter nicht gegeben.

Corona-Abstriche machen ohne Schutzausrüstung

Zu Beginn der Corona-Pandemie sei in der Klinik eine Station nur für Corona-Patienten eingerichtet worden. Anfangs habe es auch eine Aufnahmestation gegeben. Diese konnte später aber nicht mehr besetzt werden, weil es nicht mehr genug Mitarbeiter gab. Zuerst seien in der Ambulanz Patienten und Mitarbeiter mit Corona-Symptomen getestet worden. Später sollte auch auf allen anderen Stationen auf das Virus getestet werden. "Aber wir hatten die entsprechende Ausrüstung wie Mundschutz und Schutzanzug gar nicht." Auch seien sie und die Mitarbeiter nicht geschult worden, wie die Abstriche richtig gemacht werden.

Keine Reaktion auf Hilferufe der Mitarbeiter

Ihre Kollegen auf der Corona-Station hätten zudem über zu wenig Personal geklagt. So seien zum Beispiel die Dienste nur mit einer Schwester und Hilfskräften besetzt worden. Außerdem sei das Operationsprogramm wie sonst auch weitergelaufen. Verringert worden sei nur die Zahl der größeren Operationen. Als immer mehr Mitarbeiter in der Corona-Epidemie ausfielen, kamen die verbliebenen an ihre Grenzen. "Freie Tage gab es nicht mehr."

"Es war ein Gefühl der Hilflosigkeit", sagt sie. Mehrfach klagten die Mitarbeiter bei der Krankenhausleitung über fehlende Schutzausrüstung und überbelastete Mitarbeiter. Mehrere Mitarbeiter hätten an die Pflegedienstleitung eine Gefährdungsanzeige geschrieben - auch sie. "Keine Reaktion", erzählt sie. Danach wandte sie sich mit einer Beschwerde an den Aufsichtsrat der Klinik. "Auch danach gab es keine Verbesserungen." Wenn Mitarbeiter bei Geschäftsführung und der Hygieneabteilung nach Masken und Schutzanzügen fragten, habe es nur lapidare Antworten gegeben.

Nach Ostern: Viele Mitarbeiter und Patienten infiziert

An Ostern sei dann eine internistische Station der Klinik geschlossen worden. Offenbar um Kapazitäten zu sparen, sagt sie. Patienten und Personal von dort seien dann ohne Tests auf alle anderen Stationen verteilt worden. "Danach ging eigentlich erst die richtige Welle los, in der so viele erkrankt sind." Auf den Normalstationen habe es viele Patienten gegeben, die im Laufe des Klinik-Aufenthaltes positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Auch sie wurde getestet. "Weil ich zu so vielen Patienten Kontakt hatte, dass ich sie schon fast nicht mehr zählen konnte." Ihr Test-Ergebnis fiel negativ aus. Doch viele Klinik-Mitarbeiter steckten sich an. Allein auf ihrer Station seien acht Mitarbeiter positiv getestet worden.

Was ihr nicht aus dem Kopf geht: Viele Kollegen seien zuerst erst positiv, beim zweiten Mal aber negativ getestet worden. Daraufhin fingen sie wieder an zu arbeiten, wurden dann aber wieder positiv getestet. "Sie waren also kurz da und sind dann wieder ausgefallen." Die Klinik-Mitarbeiter vermuten, dass die Testergebnisse nicht korrekt waren.

Klinik in Greiz bestätigt Infektion von 69 Mitarbeitern

Am Donnerstagabend bestätigte das Greizer Krankenhaus, dass zwischen dem 19. März und dem 18. Mai 69 Mitarbeiter des Hauses positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Seither seien keine neuen Corona-Fälle innerhalb der Klinikbelegschaft nachgewiesen worden, teilte das Krankenhaus mit. Unklar sei, ob die Mitarbeiter sich im beruflichen oder privaten Umfeld infiziert hatten.

Das Klinikum reagierte mit einer Stellungnahme auf einen Bericht der Wochenzeitung Die Zeit. Den darin geäußerten Verdacht, mehr positive Fälle seien nur deshalb nicht erkannt worden, weil nur zurückhaltend auf eine Infektion getestet worden sei, wies die Klinik zurück. Auch aus Sicht des Gesundheitsamtes seien die Testkapazitäten im Klinikum Greiz zu jeder Zeit ausreichend gewesen.

Zum Hintergrund:

Die Wochenzeitung Die Zeit hatte am Donnerstag den Fall eines Mannes geschildert, der nach einer Operation in der Klinik in Greiz das Zimmer mit einem Covid-19-Patienten geteilt haben soll und ohne Test entlassen wurde. Er sei danach ebenfalls an Covid-19 erkrankt. Laut der Zeit seien bisher 69 von 575 Mitarbeitern positiv auf das Virus getestet worden. Pflegerinnen und Ärzte hätten den Verdacht, dass die tatsächliche Zahl noch höher liege, weil nur zurückhaltend auf eine Infektion getestet worden sei, hieß es. 

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 02. Juli 2020 | 17:30 Uhr

9 Kommentare

part vor 5 Wochen

Das Problem liegt hierbei viel tiefer, nicht nur beim Klinikum in Greiz, das eine GmbH darstellt, sondern in der Privatisierungswelle und Auslagerung der Gesundheitsversorgung durch den Staat, verbunden mit Gewinnerwartungshaltung- und Umsetzung. Staatliche Kontrolle und Eingriffe sind dabei wahrscheinlich wieder an das gering vorhandene Kontrollpersonal gebunden, ähnlich im fiskalischen Bereich der Bundesländer. Erwartungshaltungen wurden oder werden weiterhin an die Pharmaindustrie geknüpft, wobei das Max- Plank- Institut auf der richtigen Fährte ist zu einen Naturheilmittel, das ich seit drei Jahren erfolgreich anwende gegen virale Infekte.

cora vor 5 Wochen

Da fehlen ein wirklich die Worte.....Mitarbeiter gehen an ihre Grenzen und finden, wie so oft, kein gehör.....wozu wurden dann Beschwerdemangenment eingeführt...aber in Pflegeeinrichtungen sieht es nicht besser aus, wenn es um Schutzmaterial für das eigene Personal geht....ich kenne da ein Beispiel, dass nicht einmal Mundschutz ausgegeben wird.....wenn sich Mitarbeiter schützen wollen, sollten sie sich selbst einen besorgen....das kann alles nicht wahr sein....es müssten viel mehr kontrolliert werden, natürlich ohne Ankündigung, ob diese geforderten Maßnahmen umgesetzt werden

mattotaupa vor 5 Wochen

hier scheint sich zu bestätigen, daß deutschland bislang einfach nur verdammtes glück hatte. in krankenhäusern gibt es keine medizinische ausrüstung und auch andere große behörden mit mitarbeiterkonzentration ab mittlerem dreistelligen bereich in diesem land haben zwar schicke konzepte erstellt, deren umsetzung aber einfach auf die lange bank geschoben wurde. da konnten beispielsweise schon mal knapp 2 monate ab konzepterstellung vergehen bis simple seifenspender real bei waschbecken montiert wurden, während man mitarbeiter ständig zwischen "wir müssen entzerren" und "ach, hier paßt noch einer mehr ins büro rein" verschaukelte. nun klopfen sich die führungsetagen selbst auf die schultern und geniessen das unverdiente glück den jeweiligen laden nicht komplett gegen die wand gefahren zu haben. nur ein infizierte an der falschen stelle und nicht nur greiz wäre in der presse gewesen.

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