Bahnhof Wünschendorf Deutsche Bahn lässt blinden Mann allein

Matthias Schiedek ist blind. Weil im Landkreis Greiz zahlreiche Busverbindungen gestrichen wurden, ist er seit Dezember auf den Zug angewiesen, um vom Büro des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Gera nach Hause zu kommen. Doch der Bahnhof in Wünschendorf ist nicht blindengerecht ausgebaut. Dort fehlen die sogenannten Bodenindikatoren. Die Antworten der Deutschen Bahn lassen Herrn Schiedek nur den Kopf schütteln.

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Franziska Heymann

Eine gelbe Linie an einer Treppenstufe
Auf dem Bahnhof Wünschendorf fehlt ein Blindenleitsystem. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Sie sehen unscheinbar aus: Gehwegplatten mit Riffeln und Noppen, die sich wie kleine Autobahnen durch große Bahnhöfe oder Straßenbahn-Haltestellen winden. Die meisten Passanten nehmen diese beigefarbenen oder grauen Bodenindikatoren vermutlich gar nicht bewusst wahr. Für blinde Menschen wie Matthias Schiedek sind sie lebensnotwendig, um sich zurechtzufinden.

Doch wenn er in Wünschendorf aus dem Zug steigt, dann heißt es hoffen: Hoffen, dass der Zug wie üblich hält, sodass er zwischen der ersten und zweiten hölzernen Dachstütze aussteigen kann und der Weg kurz ist bis zur Treppe. Hoffen, dass er den Treppenanfang trifft und nicht links dran vorbei weiter auf dem holprigen Bahnsteig entlangläuft. Hoffen, dass der Zug nicht am hinteren Bahnsteigende hält. Dann müsste er sich nämlich rund 30 Meter vorkämpfen bis zur Treppe: vorbei an zwei Sitzbänken, einer Aushangtafel, einem Mülleimer und insgesamt 14 Dachstützen, die links und rechts den Bahnsteig zieren.

Der Bahnsteig des Bahnhofs Wünschendorf/Elster
Diese Treppe muss jeder Zugfahrer rauf und runter. Problematisch für Matthias Schiedek sind nicht nur die fehlenden Bodenindikatoren, sondern auch das gelbe Schild am rechten Treppengeländer. Das ist auf Brusthöhe und mit dem Blindenstock nicht wahrnehmbar. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Die Treppe am Bahnhof ist das Problem

Mit Hilfe seines Blindenstocks kann Matthias Schiedek diese Hindernisse alle irgendwie umschiffen. Sein größtes Problem: "Die Treppe zu finden - nicht, dass ich dort runterfalle." Dabei ist Schiedek wahrlich kein ängstlicher Mann, findet zügigen Schrittes problemlos den etwa 400 Meter langen Weg von seinem Zuhause zum Bahnhof oder den deutlichen längeren Weg zum Zahnarzt, wo er über die Straße und durch eine Unterführung muss. Mit dem Zug reist der 58-Jährige allein nach Halle zu seinem Sohn und lobt den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn, der in Leipzig beim Umsteigen hilft.

Im Dezember wendet sich der Kreisvorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Gera an die Deutsche Bahn und schildert sein Problem. Ihm ist bewusst, dass die Bahn wegen ihm und einigen wenigen weiteren sehbehinderten Wünschendorfern nicht den gesamten Bahnhof umbauen wird. Er bittet lediglich um eine Reihe Bodenindikatoren am oberen Treppenende auf dem Bahnsteig. "Die kann ich mit meinem Stock ertasten und weiß: Hier geht die Treppe los", erzählt Schiedek. Um die Kosten gering zu halten, schlägt er aufklebbare Bodenindikatoren vor. Die wenige Millimeter hohen Rippen oder Noppen können wie Sticker einfach auf den Fußboden geklebt werden.

Ein blinder Mann geht über einen Bahnsteig
Mit dem Blindenstock tastet sich Matthias Schiedek über den Bahnsteig zur Treppe vor. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Bahn verweist blinden Mann auf gelbe Treppenmarkierungen

Die Antwort vom zuständigen Bahnhofsmanagement liegt MDR THÜRINGEN vor: "Ich kann Sie sehr gut verstehen und wir sind auch ständig bemüht, die Treppenstufenmarkierungen immer wieder auszubessern. Erste und letzte Stufe wird da markiert, damit Sie einen Kontrast haben. Bodenindikatoren kann ich leider nicht verbauen, es tut mir leid. Ich bedauere, dass ich Ihnen keine perfekte Lösung geben kann, wünsche Ihnen eine frohe Adventszeit und ein besinnliches Weihnachtsfest." Matthias Schiedek kann da nur den Kopf schütteln: "Für Menschen, die einen verwertbaren Sehrest haben, ist die Markierung schön. Aber mir als Blindem nützt die Treppe, wenn die grün, blau oder gelb ist, nichts. Das ist mir Rille. Ich brauche halt was für meinen Stock zum Tasten."

Dank Mobilitätsservice an großen Bahnhöfen, Blindenleitsystem, Lautsprecherdurchsagen und piepsenden Zugtüren ist das Reisen für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung in den vergangenen Jahren einfacher geworden. Dennoch gibt es vom Thüringer Blinden- und Sehbehindertenverband Kritik. "Die Beleuchtung von Treppen und Unterführungen in vielen Bahnhöfen ist viel zu dunkel", sagt der stellvertretende Vorsitzende Bernd Gräser. Problematisch seien die Einstiege in die roten Regionalzüge, weil der Abstand zwischen Bahnsteigkante und Treppe zu groß ist. Auch der Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Treppe beispielsweise in Waltershausen wird bemängelt.

Am Bahnhof Jena-West fehlt das Blindenleitsystem in der Unterführung bis zum Treppenaufgang zu den beiden Bahnsteigen sowie zu den Fahrstühlen. Auf den Bahnsteigen selbst sei es super, heißt es vom zuständigen Ortsverband. Wie viele der 280 Bahnstationen in Thüringen mit Bodenindikatoren ausgestattet sind, dazu gibt es laut Deutscher Bahn keine validen Zahlen. 40 Bahnhöfe sind nicht stufenfrei, 52 teilweise stufenfrei, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Zu wenige Reisende für eine Modernisierung in Wünschendorf

Nach der Antwort vom Bahnhofsmanagement bittet Matthias Schiedek MDR THÜRINGEN um Hilfe. Auch die Pressestelle verweist in einem schriftlichen Statement auf die gelben Treppenmarkierungen und empfiehlt dem blinden Mann, sich an den Handläufen zu orientieren. Die könnten "Herrn Schiedek einen weiteren haptischen Hinweis für das Erreichen des Treppenendes geben". Außerdem heißt es: "Leider lässt die bauliche Substanz in Wünschendorf nicht zu, die von Herrn Schiedek empfohlenen aufklebbaren Bodenindikatoren zur Kenntlichmachung des Treppenanfangs und Treppenendes aufzubringen. Großflächige Aufkleber haften auf diesen Flächen unzureichend und können so selbst zur Gefahrenquelle werden." Eine rasche und umfängliche Lösung könne die Bahn nicht in Aussicht stellen.

Sollte der Wünschendorfer Bahnhof irgendwann einmal saniert werden, dann muss dort laut Bahn entsprechend der geltenden Normen ein Blindenleitsystem verbaut werden. Wann das passieren wird, ist aber unklar: "Bei der Modernisierung und dem stufenfreien Ausbau von Verkehrsstationen sowie deren Ausstattung mit Blindenleitsystem konzentriert sich die Deutsche Bahn AG vorerst auf Stationen mit entsprechend hohem Reisendenpotential."

Weiße Kacheln im Boden markieren eine Bahnsteigkante
Blindenleitsystem am Bahnsteig: Am Bahnhof Gera-Süd gibt es ein Blindenleitsystem. Die weißen Rippen zeigen den Weg entlang des Bahnsteigs, die grauen Noppen weisen auf die Kante hin. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

"Die Leute versetzen sich nicht in unsere Lage"

Als der Kreisvorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes diese Antwort hört, muss er sich kurz sammeln und atmet tief durch. "Die Leute denken überhaupt nicht mit und versetzen sich nicht in unsere Lage", sagt er enttäuscht. Ob der Bodenbelag zu glatt sei, dazu könne er natürlich nichts sagen. Schiedek frustriert jedoch dieses klare Nein: "Das ist halt traurig. Ich hoffe nur, dass ich nicht eines Tages die Treppe runterpurzel. Dann geht das Geschrei los."

Die Recherche von MDR THÜRINGEN hat ergeben, dass aufklebbare Bodenindikatoren nicht die einzige kostengünstige Lösung sind. So ergab eine Anfrage bei dem Bauprodukte-Vertrieb Faktum: Vorbehaltlich einer Prüfung der Bodenbeschaffenheit vor Ort wäre es wohl möglich, stattdessen Bodenindikatoren aus Edelstahl zu verlegen, die mit einem Bohrstift befestigt werden. Dafür werden kleine Löcher gebohrt und einzelne Rippen oder Noppen mit einem Stift und Klebstoff im Boden verankert. Das entspräche auch der DIN-Norm für Blindenleitsysteme. Um den Bereich vor der Treppe mit Edelstahlrippen zu kennzeichnen, dürften Materialkosten von etwa 2.500 Euro anfallen.

Normale Fußgänger werden diese fünf Millimeter hohen Indikatoren wohl kaum bemerken. Matthias Schiedek würden diese unscheinbaren Rippen das Leben erleichtern. Die Deutsche Bahn lehnt auch diese Option ab. Die punktuelle Ausstattung des Treppenbereiches mit Blindenleitplatten würde blinde oder seheingeschränkte Reisende verwirren, weil die Weiterführung im Tunnel beziehungsweise auf dem Bahnsteig fehlt. "Daher ist solch ein - wenn auch theoretischer kleiner Eingriff - nicht möglich beziehungsweise sinnvoll", teilt das Unternehmen mit. Matthias Schiedek wird sich damit nicht zufrieden geben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2020, 20:20 Uhr

4 Kommentare

wolle1 vor 3 Wochen

@ sorglos, Sie haben in Ihrer Aufzaehlung auch die " tauben " genannt. Dazu moechte ich nur sagen, das diese Personen in D noch mehr behindert werden als Blinde. Blindheit koennen sich die meisten Menschen zumindest vorstellen, aber Ertaubung fast niemand. Pervers ist in meinen Augen z. B. wenn solch eine Person sich auf dem Amt xy endlich erfolgreich durchgekaempft hat und ihr Anliegen vortragen konnte und zum Schluss die daemliche Antwort erhaelt: "wir rufen sie an"... Und das war kein Scherz, sondern reales Leben in D.
Auf einen blinden Menschen wird vielmehr Ruecksicht genommen, denn das erkennt man schnell. Aber woran wollen sie einen Gehoerlosen erkennen? Soll er/sie es sich auf den Ruecken schreiben?

Stadtfreund vor 3 Wochen

Bedarfsgerechte Lösungen? Die kennt der Amtsschimmel leider nicht. Der kennt nur Standard nach Norm xy und wenn das gerade nicht ins Schema F passt, dann geht das eben nicht. Dabei wäre ich mir noch nicht einmal sicher, ob diese Art der Diskriminierung nach der europäischen PRM-TSI überhaupt rechtmäßig ist. Und das im wirtschaftsstärksten Land Europas!

sorglos vor 3 Wochen

Behindert ist man nicht, behindert wird man! Dieser schöne Satz trifft hier ins Schwarze. Die Deutsche Bahn hat offenbar keine Vorstellung, wie es ist, blind, taub, gehbehindert oder auch nur Mutter mit einem Kinderwagen zu sein.
Meine Empfehlung: die Manager der Deutschen Bahn fliegen alle mal fix nach Tel Aviv. Dort bekommt man schon am Flughafen eine Vorstellung davon, wie behindertenfreundlich geht. Dann fahre man nach Jerusalem oder Beer Sheva oder in den Naturpark Tel Dan - auch als Blinder kann man überall am gesellschaftlichen Leben teil nehmen. Haben wir Deutschen so viel Hochmut, dass wir Menschen mit Einschränkungen immer wieder ausgrenzen?

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