Reichstädt im Landkreis Greiz im Schnee
Ortsschild von Reichstädt im Kreis Greiz. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Schnelles Internet auf dem Land Reichstädt: Keine Glasfaser, dafür weniger Telefonie

Seit einem Jahrzehnt wartet der 350-Einwohner-Ort Reichstädt im Kreis Greiz auf schnelles Internet. Jetzt sollte es endlich soweit sein - dachte man. Der Brief der Telekom sorgte allerdings für zusätzlichen Verdruss.

von Marian Riedel

Reichstädt im Landkreis Greiz im Schnee
Ortsschild von Reichstädt im Kreis Greiz. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Im Sommer 2008 kam Henryk Mäder gut gelaunt aus einer Versammlung. Gerade hatten Bürgermeister und Gewerbetreibende in Ostthüringen erfahren: Mit Fördergeldern vom Bund könnten auch ihre Dörfer bald schnelles Internet per Glasfaseranschluss haben. Allerdings machte damals die Telekom auch deutlich, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei es ihr unmöglich, jeden Ort oder jedes Haus zu versorgen. Zehn Jahre später ist Henryk Mäder nicht mehr so gut gelaunt. In seinem Dorf Reichstädt im Brahmetal unweit von Gera hat sich nicht viel getan - und jetzt gibt es sogar noch zusätzlichen Verdruss…

Keine Glasfaser, aber schlechteres Telefonieren

Reichstädt im Landkreis Greiz im Schnee
Auf schnelles Internet müssen die Einwohner noch warten. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Im November vergangenen Jahres flatterte bei Henryk Mäder Post von der Telekom auf den Tisch. Mäder war guter Dinge, als er zu lesen begann, sagt er. "Verheißungsvoll hieß es in dem Schreiben: Die Leitungen werden modernisiert. Und ich dachte schon - juch - jetzt geht's los!" Doch schon ein paar Zeilen weiter kam der Schock. Unter der dicken Überschrift BEWÄHRTES BLEIBT, NEUES KOMMT heißt es im Schreiben an Mäder unter anderem: "Der Speedport LTE 2 steuert die Datenverbindung, die Sprachverbindung läuft direkt über die Telefondose." Mäder wollte es erst nicht glauben: Internet soll es für ihn weiter nur per Funk geben. Aber Telefonieren soll er jetzt so, wie es mal in den 1990er Jahren war. 

Telekom kündigt ISDN-Verträge

Bisher hatte Henryk Mäder drei Telefonanschlüsse: Einen dienstlich, einen privat und einen für ein Fax. Das war mit ISDN möglich. Doch jetzt wird ihm ISDN gekündigt. Die Folgen sind im Brief an Mäder unumwunden beschrieben: "Eine Telefonnummer können Sie auch an Ihrem neuen Anschluss weiter nutzen, während weitere Rufnummern leider entfallen." Mäders Interventionsversuche laufen ins Leere. Er erreicht nur eine Hotline. Man könne ihm nicht helfen, sei ihm gesagt worden - und, er solle sich doch beschweren.

Alles wird besser, nichts wird gut

Was Mäder erlebt, das erinnert an einen Song der Kultband Silly. In dem hieß es "alles wird besser - nichts wird gut". Für Gewerbetreibende, Freiberufler und Unternehmer in Reichstädt ist das bitter. Henryk Mäder arbeitet in seinem Dorf - nur zehn Kilometer von Gera entfernt - für ein Unternehmen aus dem Ruhrgebiet. Von dort war er nach Thüringen zurückgekehrt. Denn er war guter Dinge, dass die moderne Kommunikationstechnik es erlaube, seinen Job auch vom Homeoffice aus zu erledigen. Mäder macht für Architekten und Handwerker in ganz Europa Angebote. Er kann sich nicht damit abfinden, dass auch nach zehn Jahren noch kein Glasfaserkabel verlegt wird, aber seine Telefonanschlüsse schlechter werden.

Hoffnung - aber Geduld bleibt gefragt

Broschüren des Landes Thüringen zu Digitalisierung und Glasfaserausbau
Broschüren des Landes Thüringen zu Digitalisierung und Glasfaserausbau. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

"Auf den ersten Blick verwundert einen das wirklich zunächst einmal", sagt Stephan Krauß zum Reichstädter Fall. Krauß ist Pressesprecher im Thüringer Wirtschaftsministerium. Und das hat fürs ganze Land eine Digitalisierungs- und Glasfaser-Strategie entwickelt. Ja, davon werde auch Reichstädt profitieren, sagt Krauß.

Konkret für Glasfaseranschlüsse im Brahmetal hätten jetzt der Bund über fünf Millionen Euro, das Land mehr als drei Millionen und die Verwaltungsgemeinschaft vor Ort 375.000 Euro eingeplant. Die europaweite Ausschreibung sei in Vorbereitung. "Es gibt als Hoffnung für Reichstädt", sagt Stephan Krauß. Und setzt nach: Wenn es dann auch noch gelingt, Baufirmen zu finden. Geduld bleibt also gefragt - bei Henryk Mäder und all den andern, die seit zehn Jahren auf Internet per Glasfaser warten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 11. Januar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2019, 21:06 Uhr

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14 Kommentare

13.01.2019 20:34 martin 14

Nach meinen Erfahrungen sind die Mitarbeiter in den Call-Center so unterschiedlich wie wir alle: von freundlich und hilfsbereit bis patzig. Allerdings gebe ich Diddy recht: Auch nach meinen Erfahrungen gehört "zuhören" (und den Anrufer ernst nehmen, vielleicht was der ja sogar, wovon er spricht) nicht zu den Kernkompetenzen.

Das mag auch daran liegen, dass - wie in vielen anderen Call-Centern auch - den Mitarbeitern eingeimpft wird, dass sie aus einer Reklamation einen Auftrag machen sollen.

Die Telekom wollte meinen ISDN Anschluss auch vertragswidrig abschalten und mich auf IP-Telefonie umstellen, obwohl die Bandbreite dafür aufgrund der Entfernung nicht ausreicht. Die "zuständigen Stellen" waren solange ignorant, bis ich eine Feststellungsklage nebst Antrag auf einstweilige Anordnung mit Fristsetzung angedroht habe.

Plötzlich konnte das Kundencenter sogar höflich, sich entschuldigen und die Abschaltung selbstverständlich stornieren.

13.01.2019 16:00 Diddy 13

@Mediator 11:
>--- Glasfaserleitungen verlegen sich eben nicht von selbst, sondern es wird Planungs- und Verlegekapazität benötigt, die es momentan auf dem EU Markt kaum noch gibt. ---< Ja genau, die Planung und das Geld sind die Probleme. Es ist hier schlimmer als mit dem 5 Jahresplan in der DDR.

>--- Aufgabe eines Helpdesks ist es übrigens zusammen mit dem Kunden Probleme zu beseitigen, soweit der Kunde dazu in der Lage ist... ---< Richtig, bloß man sollte dem Kunden auch mal zuhören und diesen nicht irgend welche Fehler, die in Kundenbereich liegen, fälschlicher Weise einreden. Das hilft auf alle Fälle nicht dem Kunden.

>--- Ansonsten kommt von ihnen kein konstruktiver Lösungsvorschlag sondern nur das übliche populistische Gejammer... ---<
Anderen fehlendes Fachwissen zu unterstellen ist auch nichts konstruktives. Modems mit 56k war damals ja der Standard, heute ist der Standard höher, man muss nur davon Gebrauch machen, oder wollen.

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