Produziert oder handgenäht Corona-Schutzmasken made in Thüringen

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In Deutschland sind Atemmasken schon länger knapp, aktuell spitzt sich die Situation zu. In vielen Apotheken sind die Schutzmasken ausverkauft, im Internet werden teils horrende Preise verlangt. In Thüringen stellt jetzt eine Matratzenfirma Schutzmasken her und auch in der Textilstadt Apolda ist eine kreative Lösung entstanden.

Menschen im Matratzenwerk Breckle in Weida
Wer Matratzen nähen kann, kann mit etwas Umschulung auch Schutzmasken nähen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das Matratzenwerk in Weida gleicht einer Festung. Niemand darf das Gelände ohne speziellen Schutz betreten. "Momentan sorgen wir uns natürlich um unsere Mitarbeiter. Und außerdem können wir uns Ausfälle derzeit überhaupt nicht leisten", erklärt Gerd Breckle. Der Grund dafür sind die Schutzmasken, die seine Firma seit einiger Zeit produziert.

Schon vor etwa neun Wochen hatte er damit angefangen. Damals ging es eher darum, dass China als Lieferant ausfallen könnte für Krankenhäuser und Rettungskräfte hierzulande. Dass das Corona-Virus eine solche Krise auslösen würde, war damals nicht abzusehen. "Wir haben auf ein paar unserer normalen Maschinen angefangen, Masken zu nähen", so Breckle. "Die richtigen Materialien haben wir, der Gesundheitssektor ist uns nicht neu." Denn auch viele der Matratzen, die hier in Weida eigentlich hergestellt werden, sind Gesundheitsmatratzen.

Corona-Virus Breckle produziert Atemschutzmasken

Das Breckle Matratzenwerk in Weida hat seine Produktion bereits seit einigen Wochen zum Teil auf Atemschutzmasken umgestellt. Pro Tag werden dort etwa 10.000 Masken hergestellt. Wir zeigen einen Einblick in die Fabrik.

Eine Frabrik mit vielen Stoffen, Nähmaschinen und Menschen die in großem Abstand zueinander an letzteren Arbeiten.
In der Firma Breckle werden normalerweise Matratzen produziert... Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
Eine Frabrik mit vielen Stoffen, Nähmaschinen und Menschen die in großem Abstand zueinander an letzteren Arbeiten.
In der Firma Breckle werden normalerweise Matratzen produziert... Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
Im Vordergrund liegt ein Haufen Atemschutzmasken. Im Hintergrund näht eine Frau.
... aktuell wurden die Hallen jedoch zur Atemschutzmasken-Produktion umfunktioniert. Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
An einem langen Tisch in einer Fabrik sitzen Frauen und nähen Atemschutzmasken.
Mit ausreichend Abstand produzieren die Mitarbeiter*innen 10.000 Masken am Tag. Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
Ein Mensch hält eine Atemschutzmaske in den Händen.
Dabei gibt es verschiedene Modelle, die auf die einzelnen Berufe ausgelegt sind. Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
Ein Mensch hält eine Atemschutzmaske in den Händen.
Die professionell produzierten Masken bieten dabei den volle Schutz vor Viren und Bakterien. Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
Ein Haufen Atemschutzmasken.
Wie viele Atemschutzmasken das Land Thüringen bestellt hat, ist noch offen. Bildrechte: Grit Hasselmann/MDR
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Nachfrage steigt - Nachtschichten werden eingeführt

Gerd Breckle ist Inhaber und Geschäftsführer. 350 Menschen arbeiten in seinem Betrieb. "Unsere Mitarbeiter waren sofort dabei. Die sind sehr offen. Umschulungen, Wochenendarbeit - wir mussten niemanden überreden. Dafür bin ich sehr dankbar."

Doch dann stieg plötzlich der Bedarf an Schutzmasken immer mehr. Nach Bayern und Thüringen wollte auch Sachsen Masken in Weida ordern. Breckle musste Entscheidungen treffen: "Wir haben uns entschieden, zu investieren. Wir haben neue Maschinen angeschafft, jetzt können wir 10.000 Masken am Tag fertigen." Weil das aber immer noch nicht reicht, wird jetzt eine Nachtschicht eingeführt im Werk. Allerdings werden dort nur Männer eingesetzt. Deshalb müssen jetzt auch die Polsterer umgeschult werden. "Das Möbelgeschäft ist sowieso rückläufig", so Breckle.

Immer wieder klingelt das Telefon...

Menschen im Matratzenwerk Breckle in Weida
Verena Burkhardt ist für die Masken zuständig. Gerd Breckle ist Inhaber und Geschäftsführer. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Die großen Zuschnittautomaten können auch für die Maskenproduktion benutzt werden. Die größte Herausforderung momentan ist es, genug Material zu bekommen. Das bezieht Breckle ausschließlich aus Deutschland. "Das ist alles zertifiziert. Unsere Masken haben eine wirklich gute Qualität. Ich hoffe, dass nach der Krise auch ein Teil der Produktion im Lande bleibt. Aber bevor wir weiter investieren, hoffe ich auf klare Aussagen dazu von der Politik. Aber wir haben ja nicht einmal eine Zertifizierungs-Stelle. Neue Produkte zu zertifizieren, dauert Monate."

Zum Glück kann die Firma bestimmte Produkte selbst zertifizieren. Beispielsweise die Schutzanzüge, die ab nächste Woche auch noch produziert werden sollen, weil auch die knapp werden in Thüringen.

Als wir durch die riesige Fertigungshalle laufen, fallen wieder überall Sicherheitsvorkehrungen auf: Die Arbeitsplätze sind auseinandergerückt, die Sanitärbereiche wurden erweitert. Und immer wieder klingelt das Telefon. Rettungsdienste rufen an, Firmen - sie alle brauchen Masken. Gerd Breckle: "Wir liefern aber ausschließlich ans Land. Die übernehmen dann die Verteilung. Wir nehmen hier keine Einzel-Aufträge an und verkaufen auch nichts. Schreiben Sie das unbedingt!"

Maskennähen in Apolda

Jetzt geht’s weiter nach Apolda. Direkt neben dem neuen Eiermann-Bau finde ich die Lebenshilfe Weimar-Apolda e.V. Genauer gesagt das ZAK (Zentrum für ambulante Kompexleistungen).

Leiterin Heike Jordan wartet schon vor der Tür. Denn auch hier darf momentan kein Unbefugter rein. Aber eben auch die Klienten nicht und das ist das Problem. "Wir wollen aber niemanden alleine lassen. Gerade unsere Klienten sind momentan sehr verunsichert. Viele sind auch psychisch krank. Die brauchen gerade jetzt Zuwendung." 50 Mitarbeiterinnen betreuen hier etwa 150 Menschen. Im Haus kann man sich treffen, reden, es gibt Werkstätten - und all das ist jetzt geschlossen. Also können die Betreuer nur telefonisch nachfragen, ob alles in Ordnung ist. "Aber manchmal muss man auch nachschauen, vielleicht mal spazieren gehen", sagt Heike Jordan. Aber es fehlen die Schutzmasken.

Am Freitag kam dann die Idee: Wir nähen Masken für die Mitarbeiter. Auslöser war ein Fernsehbeitrag, in dem die Leute bunte Masken trugen. Anleitungen waren im Internet schnell gefunden. Und schon kurze Zeit später surrte die erste Nähmaschine. Inzwischen sind schon acht Maschinen da. Die Stoffe kommen aus Spenden. Sie müssen heiß waschbar sein und hübsch. Es gibt gelbe mit Blumen, grüne mit Schafen und auch fliederfarbene.

Corona-Virus Lebenshilfe Weimar Apolda näht Atemschutzmasken

Not macht erfinderisch: Damit die Mitarbeiter der Lebenshilfe Weimar/Apolda mit ihren Klienten spazieren gehen können, haben sich drei Frauen an die Nähmaschinen gesetzt und nähen Atemschutzmasken im Akkord.

Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Heidi Rudolf ist Mitarbeiterin der Lebenshilfe Weimar/Apolda e.V.. Seit Freitag sitzt sie an der Nähmaschine und näht Atemschutzmasken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Heidi Rudolf ist Mitarbeiterin der Lebenshilfe Weimar/Apolda e.V.. Seit Freitag sitzt sie an der Nähmaschine und näht Atemschutzmasken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Die fertigen Masken sind bunt und liegen gut an. Den vollen Schutz einer zertifizierten Atemschutzmaske bieten sie zwar nicht, geben jedoch ein wenig Sicherheit bei Spaziergängen mit den Klienten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Die Stoffe erhält die Lebenshilfe durch Spenden. Meist ist es Bettwäsche, da der Stoff bei 60°C gewaschen werden muss. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Für die selbstgemachten Masken benötigt die Lebenshilfe neben Stoff auch verschiedene Befestigungsmöglichkeiten, wie Schnüre und Gummibänder. Mithilfe von Draht liegen die Masken am Ende perfekt über der Nase an. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Der Stoff wird zugeschnitten, ... Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
... die Basis mit der Nähmaschine genäht, ... Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
... und abschließend die Befestigungen per Hand angebracht.
Um eine Atemschutzmaske zu fertigen, benötigen die fleißigen Näherinnen etwa eine halbe Stunde.
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Zwei Frauen in einem Raum beim Zuschneiden und Nähen von Schutzmasken in bunten Farben, das Zubehör für die Masken, fertige Masken aus bunten Stoffen.
Zu dritt arbeiten die Frauen unermüdlich an der Produktion der Atemschutzmasken. Innerhalb von zwei Tagen haben sie bereits 60 Masken genäht. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Hier leben viele Näherinnen

Das Schwierige sind die vielen kleinen kurzen Nähte, erzählt Heidi Rudolf. Sie betreut sonst die Besucher der Begegnungsstätte im Haus. Und jetzt sitzt sie an der Nähmaschine. "Für eine Maske braucht man eine gute halbe Stunde. Wir haben jetzt etwa 60 fertig", sagt sie.

Momentan nähen die Frauen hier im Haus nur für ihre Kolleginnen. Es gibt aber schon die ersten Anmeldungen von Frauen, die zu Hause Masken machen wollen. Kein Wunder: Apolda ist schon immer eine Textilstadt. Hier leben viele Näherinnen. Auch die Kindergärten des Lebenshilfe-Werks wollen mitmachen. Bis auf die Notbetreuung ist ja alles zu.

Und anstatt sich einfach krank zu melden, überlegen alle, was sie tun können, das ist großartig.

Heike Jordan

"Möglicherweise können auch die Klienten mit Masken ausgestattet werden, damit sie sich trauen, auch mal eine Runde um den Block zu laufen" fährt die Sozialpädagogin fort.

Die selbstgemachten Masken bieten natürlich nicht den gleichen Schutz wie die medizinischen. Aber wenn man mit Maske hustet, werden deutlich weniger Tröpfchen durch die Luft geschleudert als ohne. Und man selber kann auch nicht so einfach angehustet werden. Verkauft werden die Masken nicht. Sie sind nur für den "Hausgebrach" im Lebenshilfewerk. Aber auch dafür müssen sie in Apolda noch ganz schön lange nähen.

Auch in Weimar wird genäht

eine Nähmaschine mit einer fertigen Schutzmaske und Werkzeugen im Vordergrund.
Der Arbeitsplatz von Susanne Schillhabel Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Nächste Station ist Weimar. Susanne Schillhabel arbeitet im Seebach-Stift, einem Seniorenheim für ehemalige Bühnenkünstler. Sie sah die Masken-Vorräte im Haus immer mehr schwinden und da sie ohnehin gerne näht, wollte sie ausprobieren, ob sie eine solche Maske hinbekommt. Mit dem fünften Versuch war sie dann endlich zufrieden. Als Material verwendete sie Baumwollstoffe, die noch da waren.

Inzwischen hat sie 20 Masken genäht. Ihre Großeltern bekommen auf jeden Fall welche. "Sie fühlen sich einfach besser damit" erzählt Suanne Schillhabel. Auch Kolleginnen haben sich welche gewünscht. "Ich selber will sie eigentlich dafür benutzen, andere zu schützen. Wenn ich Husten habe, setze ich sie dann auf."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 24. März 2020 | 19:00 Uhr

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