Blick in das Schlafzimmer. Es ist ein Bett zu sehen flankiert von zwei Nachttischen.
Das Schlafzimmer im zweiten Geschoss wartet mit einem Farbspiel aus Gelb- und Grautönen auf. Bildrechte: Michaela Reith

"Bauhaus heute" – Reportage-Reihe "Haus Auerbach" - "Bauhaus ist eine Haltung"

Im "Haus Auerbach" in Jena steckt ein Stück Architekturgeschichte. Es ist das erste Wohnhaus, das nach dem "Baukasten"-Prinzip von Walter Gropius 1924 realisiert wurde. Es gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse des Neuen Bauens in Deutschland. Als das Paar Happe und Fischer das Haus 70 Jahre später kauften, erklärten manche sie für verrückt. Nur mit Fantasie ließ sich die damalige Ruine als neues Zuhause vorstellen. Wie wohnt es sich in einem Gebäude, in dem Bauhaus in jedem Stein steckt?

von Michaela Reith

Blick in das Schlafzimmer. Es ist ein Bett zu sehen flankiert von zwei Nachttischen.
Das Schlafzimmer im zweiten Geschoss wartet mit einem Farbspiel aus Gelb- und Grautönen auf. Bildrechte: Michaela Reith

Als das Haus 1994 in die Hände des Paares Barbara Happe und Martin Fischer ging, war nicht mehr viel von dem heutigen Bauhaus-Zauber erkennbar: "Es war tatsächlich schwierig, 'Haus Auerbach' überhaupt als Bauhaus zu erkennen, weil das Haus so ruiniert und der Garten zugewachsen war. Der sandfarbene Fußboden war damals schokoladenbraun. Allerdings Schokolade mit 70% Kakaoanteil", sagt Barbara Happe. Diese braune Monotonie zog sich vom Fußboden über die Tapeten bis hin zur Außenfassade. Das naheliegende Braunkohlewerk hatte die Wände verfärbt. Heute glänzt die Fassade: Im Putz beigemischt sind Glimmeranteile, die das Haus im Sonnenlicht schimmern lassen.

Funktional statt verspielt

Martin Fischer und seine Frau wussten, dass sie ein Haus mit Geschichte erwerben. Das Haus war 1924 von den jüdischen Eheleuten Felix und Anna Auerbach beim Architekten Walter Gropius (1883-1969) in Auftrag gegeben worden. 70 Jahre später betraten die neuen Wohneigentümer die Bauhaus-Ruine. In ihrem Umkreis traf das Paar teilweise auf Unverständnis: "Unsere Freunde und Arbeitskollegen haben uns damals für verrückt erklärt, ein so renovierungswürdiges Haus zu kaufen. Sie haben auch nicht verstanden, warum wir nicht eines der anderen Häuser hier im Viertel erworben haben, die anheimelnder, verspielter oder gemütlicher wirkten", sagt Martin Fischer. Kurzum: Gründerzeitbauten mit Türmchen, Ornamenten und Schmuckgiebeln, wie sie auch schmuckvoll in Reih und Glied in der Straße stehen, in der sich das "Haus Auerbach" befindet. Es fällt mit seinem Äußeren aus dieser Reihe. Doch Bauhaus sei für sie kein Stil, sondern eine Haltung, sagt Barbara Happe.

Gropius Vision vom „Baukasten im Großen“

In Zusammenarbeit mit dem Architekten Adolf Meyer entwickelte Gropius ein Grundgerüst der anderen Art: Das Gebäude erweckt von außen den Eindruck von zwei verschiedengroßen Quadern, die zusammengeschoben wurden. Der größere Kubus zieht sich über drei Stockwerke und wurde als Wirtschaftsbereich konzipiert. Hier befinden sich die Toiletten, Flure, Windfang, eine Anrichte, eine Küche und Waschräume. Im kleineren zweigeschossigen Kubus sind die eigentlichen Wohnräume. "Haus Auerbach" war das erste Privatwohnhaus, das Gropius nach diesem "Baukastenprinzip" realisierte.

"Wir haben uns die Ohren nicht kubisch geschnitten"

Barbara Happe und Martin Fischer wollten das Haus in leichter Hanglage im Geiste Gropius' wiederherstellen. Sie hatten Glück: Seit der Errichtung 1924 wurden beim Wohnhaus keine baulichen Eingriffe vorgenommen. Dadurch ist die Raumstruktur fast vollständig erhalten. Auch bei der Inneneinrichtung ist noch vieles im Original erhalten. Die jetzigen Hauseigentümer nutzen die gleichen Fenster- und Türgriffe wie einst das Paar Auerbach. Einbauschränke und Bücherregale werden heute noch in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt und von der Decke strahlen kastenförmige Lampen aus der Bauhaus-Zeit. Teile des Mobiliars sind fast ein Jahrhundert alt, trotzdem kann das Paar eine Frage nicht mehr hören: Wie lebt es sich in einem Museum?

Da steckt die Idee dahinter, wir hätten uns jetzt die Ohren viereckig geschnitten, weil das hier alles kubisch ist. Ein Museum suggeriert beengtes und eingeschränktes Wohnen. Das Haus erlaubt uns jedoch ein freies Leben.

Martin Fischer

Viel für Wenig

Barbara Happe sitzt an einem Tisch. Im Hintergrund ist das ehemalige Herrenzimmer zu erkennen.
Barbara Happe genießt die Weitläufigkeit, die das Haus ermöglicht. Bildrechte: Michaela Reith

Die Wohnung ist mit ihren 400 qm weitläufig und lässt auch Raum für Leere. Unter dem Flachdach liegt eine Etage mit einem Wasch- sowie Trockenraum und einer zusätzlichen Terrasse, um die Wäsche im Freien aufhängen zu können. Noch heute dienen die Räume diesem Zweck. Nur bei der Funktionalität ist sich das Paar nicht einig: “Mit fünf Schritten von der Waschmaschine zu Dachboden - das ist Funktionalität", sagt Fischer, doch seine Frau widerspricht: "Hier wurde sehr großzügig mit Raum umgegangen. Es gibt ein drittes Stockwerk einzig und allein für die Wäsche. Heute könnte sich das niemand mehr leisten. Funktionaler wäre es jetzt, einen Trockner aufzustellen.“ Auch im untersten Geschoss wurde großzügig mit Raum umgegangen. Das Haus ist unterkellert.

Wie stark das Haus auf sie zurückwirkt, merkt das Paar auch im Urlaub: "Manchmal verbringen wir in den Ferienhäusern die ersten zwei Stunden mit Umräumen, um eine angenehme Leere zu erreichen", sagt Happe. "Das ist doch das Schöne im 'Haus Auerbach'. Egal wo man hinschaut, der Blick wird nicht von dominierenden Objekten gefangen gehalten.", fügt ihr Mann hinzu.

Jenseits von Schwarz und Weiß

Im starken Gegensatz zur weißen Außenfassade, wartet das Innere mit einem Farbspiel auf. Insgesamt 37 unterschiedliche Pastelltöne hatte ein Restaurator im Haus unter abblätternden Tapeten offengelegt. Für lange Zeit galten die Farbentwürfe des Bauhaus-Schülers Alfred Arndt als bloße Theorie. Er hatte 1924, als mit den Bauarbeiten begonnen wurde, gerade erst seine Lehre in der Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus beendet. Gropius gab bei ihm das Farbkonzept in Auftrag. Die wiederentdeckten Farben waren eine Sensation, denn sie widerlegten die weitverbreitete Lehrmeinung der weißen Bauhaus-Moderne. Heute zieht sich zartrot, taubengrau, pastellblau, helltürkis und olivgründ wieder durch die Räume des Hauses. Die Farben wechseln dabei nicht nur an Raumkanten, sondern auch innerhalb der Flächen. Über die Entdeckung der Farbsymphonie staunen die jetzigen Besitzer noch Jahre später: "Dass dieses Haus wirklich den farbigen Anstrich Arndts umgesetzt hatte, wussten wir nicht. Wir wohnen nun schon seit 24 Jahren in diesem Haus und noch immer fasziniert uns dieses Farbzusammenspiel", sagt Martin Fischer.

Bauhaus-Jubiläum 2019

Walter Gropius Bau Haus Auerbach in Jena, Innen wie Außen
Für Martin Fischer gehen Gemütlichkeit und Bauhaus zusammen. "Das Haus erlaubt uns ein freies Leben", sagt er. Bildrechte: Michaela Reith

Dass interessierte Kunstliebhaber um das Haus herumschleichen, daran ist das Paar gewöhnt. Manchmal führen sie auch Neugierige spontan durch das Haus: "Man entwickelt einen Blick, wer ein wirklicher Architekturfreak ist." Doch zusammen mit Hündin Irma, die beim Klingeln sofort aufspringt, schätzen sie auch die Ruhe in ihrem Alltag. Auf vermehrte Anfragen im Jubiläumsjahr 2019 hat sich das Paar schon eingestellt.

Der Blick geht nicht nur nach vorne, sondern auch zurück. Martin Fischer resümiert: "Das Einschneidendste, was wir durch dieses Haus erlebt haben, sind Menschen, die unseren Weg kreuzten. Hätten wir im Haus daneben gewohnt, hätten wir keinen davon kennengelernt. Wir differenzieren das auch: Sie kommen primär zum Haus, nicht zu uns. Aber manchmal ändert sich das auch und aus Fremden werden Freunde." Das Paar ist dankbar für dieses Privileg.

Sie bewohnen das Haus nicht nur, sondern sind sich als die neuen Hausherren auch der Strahlkraft des Hauses nach außen bewusst. Sie veröffentlichten ein Buch zur Geschichte des "Haus Auerbach". "Haltbar, billig und schön" lautet eine Kapitelüberschrift im Buch, das Ende Oktober in neuer Auflage erscheint. Gleichzeitig stehen diese Schlagworte für ihre Faszination für das Bauhaus. Barbara Happe kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie es sich in einem Haus wohnt, das kein Bauhaus ist.

Infobox "Haus Auerbach" ▪ 1924 Engagierten der Physiker und Kunstmäzen Dr. Felix Auerbach und seine Frau Anna, beide Gründungsmitglieder des Jenaer Kunstvereins, die Architekten Walter Gropius und Adolf Meyer
▪ 1933 Das jüdische Ehepaar wählt den Freitod. In den kommenden Jahren wechselten die Eigentümer mehrfach
▪ 1994 Dr. Barbara Happe und Prof. Martin Fischer erwerben das Haus und beginnen mit der Instandsetzung
▪ 1995 Das Paar bezieht das Haus

Nachgehört!

Quelle: MDR THÜRINGEN/mr

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Zuletzt aktualisiert: 09. September 2018, 10:00 Uhr

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