Sieben Kilometer außerhalb in Landkreis-Insel Projekt vom Jenaer Inselplatz in Ex-Gaststätte umgezogen

Im Mühltal vor Jena direkt an der B7 lud bis vor wenigen Jahren noch der "Carl August" Hungrige und Durstige zum Einkehren ein. Lange stand das Ausflugsrestaurant dann leer - nun entsteht dort ein alternatives Zentrum. Vor drei Wochen sind die neuen Mieter eingezogen. Die kommen vom Inselplatz aus Jena und blockierten bislang ein großes Bauvorhaben des Landes. Die "Insulaner" haben ihrem neuen Domizil vor den Toren schon mal einen neuen Namen verpasst.

von Olaf Nenninger

Unaufgeräumter großer Raum mit Tresen
Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Neuer Name - neues Glück. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Mieter im Mühltal vor Jena: der "Carl August" heißt jetzt CarlA. Die übrigen Buchstaben mussten weichen. Doch dank der umfänglichen und nicht immer ganz geschmackssicheren Wandbemalungen im Inneren des Gebäudes ist Carl August, Weimarer Großherzog und Mitbegründer der deutschen Klassik, im Eingangsbereich nach wie vor präsent. Der ehemalige Gastraum gehört aber nun zum Wohnbereich der 10-köpfigen WG.

Ziel: Unkommerziell bleiben

Historisierendes Wandgemälde mit Ballsaal, Landschaften und Menschen
Carl August, Weimarer Großherzog und Mitbegründer der deutschen Klassik Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Die Bewohner hoffen auf ein neues goldenes Zeitalter für den Carl August - Verzeihung - die CarlA. Denn das das ehemalige Ausflugsrestaurent mit regem Straßenverkehr vor der Tür und eigener Bushaltestelle soll genau wie die "Insel" in Jena ein offenes Haus sein. So sieht es zumindest Clemens Leder, Bewohner und inoffizieller Sprecher des soziokulturellen Zentrums: "Wir werden das Haus als Gaststätte und Pension weiter betreiben, aber a la Insel. Das bedeutet, dass wir unkommerziell bleiben werden und versuchen, über unsere eigenen privaten Mittel und Finanzierungsmöglichkeiten die öffentlichen Räume zu tragen. Damit möchten wir ermöglichen, dass jeder hierher kommen kann."

Küche mit 120-Liter-Friteuse

Fassade ehemaliger Gasthof
Bushaltestelle gegenüber, Radweganbindung und ein pachtbarer Parkplatz - allerdings sieben Kilometer von der Stadt entfernt Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Fast 5 Jahre stand die Gaststätte leer - vor drei Wochen sind die ehemaligen "Insulaner" eingezogen. Noch ist Wohnen vor allem mit viel Arbeit verbunden. Die WG-Küche muss noch eingerichtet werden mit einem kleinen Vierplatten-Herd für zehn Hausbewohner. Perspektivisch wollen die "CarlAner" die alte Restaurantküche wieder in Betrieb nehmen. Die ist mit allem ausgestattet, was eine Gaststätte so braucht: vom Sechs-Flammen-Herd bis zur 120-Liter-Friteuse, dem so genannten Kipper. Viel Arbeit haben sie noch vor sich. Aber dann könnte es auch wieder eine Volxküche geben mit preiswertem Essen für alle die wollen - und sich aufraffen, die sieben Kilometer aus Jena bis zur CarlA zu fahren. Wohlgemerkt, eine direkte Busverbindung gibt es ja. Der Radweg ist ebenfalls gut ausgebaut und zur Not kann man auch mit dem Auto fahren. Denn selbst einen Parkplatz gegenüber hat die CarlA, auch wenn er noch durch die Stadtverwaltung Jena gesperrt ist. Die Hausbewohner müssten ihn pachten.

Fühler in die Umgebung ausstrecken

Gewohnt wird in den ehemaligen Pensionszimmern - einige haben sogar ein eigenes Badezimmer. Hier und im großzügigen Wohnbereich schmieden die Bewohner seit Wochen Pläne, wie sie die Menschen aus der Umgebung zu sich ins Haus holen können. "Letzte Woche hat sich die Idee entwickelt, dass wir ein "Auf Rädern zum Essen" entwickeln wollen. Das bedeutet, dass wir die älteren Menschen aus der Umgebung zum Mittagstisch oder zu Kaffee und Kuchen einladen könnten. Wir wollen damit mögliche Barrieren abbauen", erzählt CarlA-Bewohnerin Melina Wurth.

Ein großes Pfund, mit dem die CarlA wuchern kann, ist der ehemalige Tanzsaal. Der dient zwar gerade noch als Abstellraum und Wäschetrockenplatz, aber künftig könnten hier Veranstaltungen, Seminare, Konzerte und Partys stattfinden. Auch als Proberaum für den Jenaer Kinderzirkus Momolo würde er sich eignen. Die entsprechenden Matten haben die Hausbewohner schon besorgt.

Großer unaufgeräumter Raum mit Deckenbehang
Platz ist zumindest reichlich vorhanden Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Ein Insel des Weimarer Landes in Jena

Für Freitag hat sich erst einmal der Gemeinderat von Großschwabhausen zum Kennenlernen angekündigt. Dort war man etwas beunruhigt, als ruchbar wurde, wer in den "Carl August" einziehen solle. Das Treffen soll die Wogen glätten und Vertrauen schaffen. Denn so schlimm sind die ehemaligen "Insulaner" gar nicht. Noch ist die CarlA eine Enklave des Weimarer Landes auf Jenaer Gebiet. Das beginnt hinter dem Haus und gegenüber der B7. Diese eigenartige territoriale Konstruktion hat historische Ursachen. Im Jahr 1719 (Jena hatte etwas mehr als 4000 Einwohner und Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach war noch nicht geboren) eröffnete an selber Stelle der "Gasthof zum fröhlichen Wirt". Dieser fröhliche Kerl kam aus Großschwabhausen. Damit fiel das Grundstück im seinerzeit unwirtlichen Mühltal automatisch an die Gemeinde. Und so ist es bis heute geblieben.

Der Einzug der "Insulaner" gibt nun Anlass zu einer Flurbereinigung. Die Jenaer Stadtverwaltung will nämlich den Anschein vermeiden, dass man mit dem Umzug ehemaligen Insel-Bewohner ein "Problem" über die Stadtgrenzen hinaus verschieben wolle. Die Verhandlungen mit dem Weimarer Land über einen Flächentausch laufen bereits.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 22. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2020, 20:49 Uhr

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