Post-Covid-Ambulanz in Jena Als würde Corona nicht gehen wollen

Im Schnitt 30 Patienten liegen in der Uniklinik Jena mit schweren Corona-Symptomen. Aber dank neuer Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten verbessern sich auch die Therapieerfolge. Sorgen macht weiterhin das so genannte Post-Covid-Syndrom, also Schmerzen und Depressionen, die viele Patienten nach einer überstandenen Infektion verspüren - und das oft über eine lange Zeit. Und die Menschen mit Post-Covid werden immer jünger.

Blick auf das Universitätsklinikum Jena
Bisher 300 Patienten, die einst an Corona erkrankt waren, wurden in der Post-Covid-Ambulanz in Jena betreut. Vor allem jüngere Menschen seien darunter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Monaten kümmert sich der Dr. Philipp Reuken um Patienten mit dem sogenannten Post-Covid-Syndrom. Die Nachwirkungen einer Corona-Infektion sind weit verbreitet. So weit, dass die Ambulanz mittlerweile ihre Sprechzeiten ausweiten musste: von zwei auf vier Tage pro Woche. Dass sich mit den höheren Corona-Fallzahlen auch die Anzahl der Menschen steigt, die an den Folgen leiden, war erwartbar.

Dr. Philipp Reuken, Gastroenterologe am Uniklinikum Jena
Dr. Philipp Reuken, Gastroenterologe am Uniklinikum Jena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den Gastroenterologen Reuken zeigt sich aber auch noch ein anderes Bild. Die Patienten, die zu ihm kommen, hatten meist nur eine leichte Form der Covid-19-Infektion mit höchstens gripperartigen Infektionen.

"Wir sehen deutlich mehr jüngere Patienten, die nach der Infektion Beschwerden haben und auch deutlich mehr Patienten, die relativ mildere Verläufe bei der eigentlichen Erkrankung hatten und ambulant behandelt wurden. Wenn wir dagegen unsere stationären Patienten, die schwere Verläufe hatten anrufen und fragen, wie es ihnen geht, sagen die meisten: Super!"

Selten Nachwirkungen bei Patienten mit schweren Verläufen

Corona spielt ein bisschen verkehrte Welt. Die Patienten, die dem Tod quasi von der Schippe gesprungen sind, leiden selten unter Post-Covid - also Atembeschwerden, Muskelverspannungen, anhaltender Mattigkeit oder Depressionen. Die Jungen, an denen Corona fast unbemerkt vorbei ging, kämpfen oft noch Monate mit den Nachwirkungen. Als würde die Krankheit nicht gehen wollen. Doch Reuken hat dafür eine Erklärung: "Die ambulanten Patienten bekommen keine Therapie - die stationären schon. Es gibt zwar keine spezifischen Medikamente gegen das Virus, aber die Patienten erhalten zum Beispiel eine Thrombose-Prophylaxe. Wir glauben, dass sich die Blutgefäße durch die Corona-Infektion verengen und verschließen."

Blutgerinnungshemmer können also auch bei den körperlichen Nachwehen von Corona helfen. Die seelische Leiden, von dem viele Patienten berichten - Kraftlosigkeit und Depressionen - sind jedoch meistens nur durch psychiatrische Therapieangebote in den Griff zu bekommen. Diese äußert belastenden Symptome halten bei einem Viertel von Philipp Reukens Patienten bis zu zehn Monate an.

Bessere Medikamente zur Behandlung

Ein Mann sitzt in einem Behandlungszimmer mit einem Arzt im Gespräch.
Ein junger Mann sitzt in der Post-Covid-Ambulanz in Jena und lässt sich behandeln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Frage nach Behandlungserfolgen auf den Covid-Stationen mit Akutpatienten, hellt sich Reukens Gesicht dagegen auf. "Nachdem wir ganz am Anfang vor allem HIV- und Anti-Malaria-Mittel eingesetzt haben, sind wir davon mittlerweile vollkommen weggekommen. Wir haben jetzt das Medikament Remdesivir. Das wirkt direkt antiviral. Außerdem haben wir gute Ergebnisse, die uns zeigen, dass eine Dämpfung des Immunsystems durch Dexamethason oder noch stärkere Immunsupressiva Vorteile bringen für Patienten mit schweren Verläufen." Große Studien haben gezeigt, dass durch den Einsatz neuer Medikamente und Behandlungsformen die Sterblichkeit senken können.

Patienten mit langer Infektionsdauer

Bisher wurden in Jena jedoch nur 300 Patienten betreut. Da sei es zu früh, bereits einen Trend abzuleiten. Was Reuken in Jena noch nicht untergekommen ist, sind die in der Presse viel zitierten Patienten, die sich mehrfach infiziert haben. "Wir hatten aber schon Patienten mit Vorerkrankungen, die das Virus noch sehr lange ausscheiden. Die Abstriche sind zwar negativ, die Lunge enthält aber immer noch Viren. Dann kann es so aussehen, dass sich diese Patienten neu infizieren." Sie würden aber nur immer wieder Symptome bekommen und zwar von derselben Infektion. Mehrere Wochen Infektionsdauer seien keine Seltenheit, berichtet Reuken. Der längste Fall ging sogar über vier Monate.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 23. Januar 2021 | 19:00 Uhr

18 Kommentare

martin vor 5 Wochen

@part: Deshalb ist die Behandlung von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen ja auch so aufwendig: Sie liegen halt (normalerweise) nicht 14 Tage bäuchlings, sondern müssen unter Intensivpflegebedingungen öfter gedreht werden. Schon allein für das Drehen braucht es ein größeres Team ...

Die Folgeschädenproblematik bei längerer Beatmung ist kein spezielles Covid-19-Problem - um die zu lindern braucht es erfahrenes Fachpersonal.

martin vor 5 Wochen

@rext: Ist der Unterschied zur Grippe bei Ihnen noch nicht angekommen? Aber schon o.k. - je mehr Menschen sich nicht impfen lassen, desto eher bekomme ich ein Impfangebot.

LongCovid vor 5 Wochen

Es gibt nicht nur überleben oder sterben.
Sehr viele der "Genesenen" sind schwer krank. Junge und bisher gesunde Menschen können jetzt seit Monaten nur noch im Bett liegen und sind arbeitsunfähig.
Es gibt Ähnlichkeiten zum chronischen fatigue Syndrom/ME. Diese furchtbare Erkrankung muss dringend mehr Aufmerksamkeit kriegen und erforscht werden! Die leidenen Menschen haben keine Kraft sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und sich für Behandlung und ihre Rechte einzusetzen.
Man kann sich das Leid dieser Menschen nicht vorstellen!

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