Studie Schützt ein Bienen-Stich vor Corona? Forscher in Jena hinterfragen Studie aus China

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Eine chinesische Studie mischte im Frühjahr die Leser von Bienen-Zeitschriften auf: Imker bekommen angeblich kein Corona! Wie viel von dieser Untersuchung tatsächlich wahr ist, wollen deutsche Forscher nun herausfinden. Eine Professorin aus Jena ist dabei.

Ein Mann arbeitet an einem Bienenstock
Prof. Dr. Karsten Münstedt ist Frauenarzt - und als Imker aktiv. Bildrechte: Prof. Dr. Karsten Münstedt

Mehrere Hundert Imker leben in Wuhan. Einem der Corona-Hotspots im Frühjahr 2020. Eine chinesische Studie behauptet: Von 723 befragten Imkern, erkrankte dort kein einziger am Coronavirus. Grund zur Freude auch für Imker hierzulande? Nein, sagt eine kleine Gruppe von Forschern schon jetzt - darunter eine Professorin des Uniklinikums Jena. Sie und ihre Kollegen haben massive Zweifel an der Untersuchung.

Jutta Hübner ist Professorin für Integrative Onkologie. Sie hat eine Stiftungsprofessur der Deutschen Krebshilfe und forscht in Jena auch im Bereich Komplementär-Medizin. Ihr ist es wichtig, Scharlatane zu entlarven und "Fake News" im Bereich der Wissenschaft aufzudecken. Dafür gibt sie auch ihren Studenten eine gute Frage an die Hand: Gibt es irgendeine Erklärung dafür?

Prof. Dr. Jutta Hübner von der Uniklinik Jena, Deutsche Krebshilfe, schaut lächelnd während eines Fototermins in die Kamera.
Prof. Dr. Jutta Hübner von der Uniklinik Jena. Bildrechte: MDR/ UKJ Scholl

Gibt's denn irgendeine Erklärung? Haben wir eine Hypothese, wie es funktioniert? Wir wissen, dass in Bienenprodukten Substanzen drin sind, die gegen Viren wirken können und gegen Bakterien. Aber die Frage ist natürlich, ob das jetzt vor Corona schützt? Und da würde ich die Behauptung 'kein Imker erkrankt' schon mal mit wirklich mehreren Fragezeichen versehen. Das klingt nicht nur zu schön, dafür gibt es keine gute Erklärung. Es gibt nie 100 Prozent in der Medizin.

Prof. Jutta Hübner Professorin Uniklinik Jena

Seit vielen Jahren kennt Hübner Professor Karsten Münstedt. Beide arbeiten in einer Gruppe bei der Deutschen Krebsgesellschaft zusammen. Münstedt ist Frauenarzt in Baden-Württemberg - und Imker. Seit 40 Jahren hat er Bienen, veröffentlicht regelmäßig zu Medizin-Themen, die mit Bienen zu tun haben. Und er guckt sich gerne Studien an, die sich mit Bienen befassen - so auch die aus Wuhan.

Auszug der chinesischen Studie: "A total of 5115 beekeepers were surveyed from February 23 to March 8, including 723 in Wuhan, the outbreak epicentre of Hubei. None of these beekeepers developed symptoms associated with COVID-19, and their health was totally normal."

Im ersten Moment fand ich das gar nicht mal schlecht. Da habe ich nur den Abstract gelesen. Es wurden insgesamt 5.000 Imker untersucht - das kann man nicht einfach so vom Tisch wischen. Doch dann habe ich mir die Studie angesehen. Sie enthält überhaupt keine Details, wie die Studie abgelaufen ist, es gibt keine demografischen Daten, erfasste Variablen werden nicht genannt. Dann dämmerte mir schon, dass das handwerklich sehr schlecht ist!

Prof. Karsten Münstedt

Hübner und Münstedt haben die Erfahrung schon bei anderen chinesischen Untersuchungen gemacht. Hübner berichtet von sogenannten Systematischen Reviews (Zusammenfassung von Studien zu einem Thema), die nicht sauber sind, aber massiven Einfluss auf die Medizin weltweit haben. Sie ruft auf, "sehr wachsam" zu sein und skeptisch zu bleiben:

Prof. Dr. Karsten Münstedt
Prof. Dr. Karsten Münstedt. Bildrechte: MDR/Ortenau Klinikum

Tatsächlich haben wir mittlerweile massive Zweifel an sehr vielen Studienergebnissen, die aus China kommen. Und es gibt häufig sehr klare Hinweise, die man aber erst mal entdecken muss, dass da an den Daten etwas nicht stimmt. Formal sieht das mittlerweile sehr, sehr gut aus. Also wenn man so von außen auf das Auto guckt, sieht es aus wie ein Porsche. Aber das Fahrwerk innen drin ist wahrscheinlich noch nicht mal auf dem Niveau eines Trabis.

Prof. Jutta Hübner Professorin Uniklinik Jena

Schnell hatten die Professoren Hübner und Münstedt deshalb die Idee, selbst Imker zu befragen. Karsten Münstedt veröffentlicht seit Jahren in Bienen-Zeitschriften und konnte dort einen Fragebogen publizieren.

Jenaer Corona-Studie mit begrenztem Budget

Die Uniklinik Jena meldete die Studie an und ohne viel Geld, dafür mit Engagement von ein paar Leuten, wurde die Untersuchung auf die Beine gestellt. Seit etwa sechs Wochen schicken Imker aus ganz Deutschland ihre Erfahrungen anonymisiert an den Professor. 300 Bögen sind es derzeit etwa. Nicht alle sind auch auswertbar, weil nicht alles ausgefüllt wurde oder die Voraussetzungen nicht stimmen.

Es lässt sich nicht vermeiden, da mal kurz drüber zu schauen. Und da sind schon einige dabei, die eben auch an Corona erkrankt sind.

Prof. Karsten Münstedt

Und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Also man sollte sich auf keinen Fall darauf verlassen, dass man als Imker, als jemand, der Bienenprodukte verwendet oder von Bienen gestochen worden ist in letzter Zeit, wirklich einen Schutz gegen Corona hat, auf den man sich verlassen kann.

Prof. Jutta Hübner Professorin Uniklinik Jena

In Kekulés Corona-Kompass fragte am 27. Juni eine Hörerin schon nach der chinesischen Studie. Virologe Alexander Kekulé erklärte damals, ein ganz kleiner Kern könnte wahr sein - denn Bienenstiche immunisieren und aktivieren das Immunsystem "enorm". Er sprach von einer Art "Buster-Effekt" - einem Wirkverstärker. Doch "solange das nicht bewiesen ist, dass der reine immunologische Stimulus eine Rolle spielt, würde ich davon abraten, mich stechen zu lassen, um mich vor Corona zu schützen. Bienenstiche sind ja auch nicht ganz ungefährlich."

Er erklärte zudem, dass Imker eine "kleine Gruppe" seien und es schließlich sein könnte, "wenn man das rausrechnet ... dann kommt meistens am Schluss raus, dass dieser Effekt, den man gemeint hat zu sehen, gar nicht signifikant ist. Das heißt also eher eine Zufallsbeobachtung war."

Fazit: Lassen Sie sich lieber nicht von der Biene stechen, um sich vor Covid-19 zu schützen!

Alexander Kekulé Corona-Kompass 27. Juni 2020

Doch untersucht war es da noch nicht. Das übernehmen nun die Professoren Münstedt und Hübner mit einigen Kollegen. Dafür hoffen sie, dass sich weitere Imker melden. Denn auch wenn Imker erkranken, so erkranken sie vielleicht nicht so schwer oder nicht so schnell.

Mich beschäftigt jetzt die Frage, ob sich durch Bienengift vielleicht der Krankheitsverlauf abmildern lässt.

Prof. Karsten Münstedt

Im August wollen die Wissenschaftler die Daten im Detail auswerten und möglichst schnell ihre Ergebnisse veröffentlichen.

Falls die Daten nicht stimmen, geht es uns um Aufklärung: Darum, auch Menschen zu schützen vor falschen Informationen. Und hier kann man mit einer kleinen Studie, die wir jetzt hier in Deutschland durchführen, ohne viel Geld schon mal zeigen: Leute, das wird so nicht stimmen.

Prof. Karsten Münstedt

Weitere Informationen zum Coronavirus in Thüringen:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 03. August 2020 | 05:00 Uhr

12 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Hallo Großer Klaus
Hier geht es aber gar nicht um Homöopathie. Die antiseptisch Wirkung von Honig z.B. hat nichts mit Homöopathie zu tun. Das ist was ganz anderes.

Grosser Klaus vor 6 Wochen

Ich empfehle die RBB-Dokumentation: Die Wahrheit über... Homöopathie

https://www.rbb-online.de/wahrheit/videos/die-wahrheit-ueber----homoeopathie.html

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Ja Frau Professor Hübner die Frage ist gut:
Gibt's denn irgendeine Erklärung?
Wenn sie ehrlich sind wir haben in der Medizin doch immer wieder mit Phänomenen zu tun für die wie erst ein mal keine Erklärung haben.
Ich denke da nur an den Placeboeffekt.
Ich persönlich denke die Aussage“ Imker erkranken nicht an Korona „ ist mit Sicherheit falsch. Gibt's denn irgendeine Erklärung? Es lohnt sich aber mit Sicherheit zu forschen in wie weit Beerenproduktion und auch Bienenstiche eine positiven Effekt auf einer Koronarerkrankung haben kann.

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