Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke.
Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke. Bildrechte: MDR/Universitätsklinikum Jena

Diabetes-Forschung Mit Sensor und Handy-App gegen Unterzuckerung

Am Uniklinikum Jena wird seit kurzem ein Frühwarnsystem für Diabetiker eingesetzt. Ein Sensor unter der Haut des Patienten übermittelt die Blutzuckerwerte direkt auf das Smartphone. Für Diabetiker bedeutet dies mehr Lebensqualität.

von Olaf Nenninger

Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke.
Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke. Bildrechte: MDR/Universitätsklinikum Jena

Mit der Krankheit muss er seit zehn Jahren leben. Angefangen hat es mit den typischen Symptomen: rapide Gewichtsabnahme, permanenter Durst und ständige Toilettengänge. Für Tino Wagner kam die Diagnose wie ein Faustschlag: Diabetes mellitus Typ-1. Die Bauchspeicheldrüse des 35-jährigen Familienvaters produziert kein Insulin mehr. Das Hormon ist für die Absenkung des Blutzuckerspiegels zuständig. Würde er sich kein Insulin spritzen, dann würde ihn bald die Kraft verlassen. Tino Wagner könnte nicht mehr richtig sehen - das Ganze begleitet von hämmernden Kopfschmerzen. In letzter Konsequenz fiele er sogar ins Koma.

Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke.
Wechsel des Sensors: Dr. Christof Kloos betäubt Tino Wagners Oberarm. Bildrechte: MDR/Universitätsklinikum Jena

Die richtige Menge Insulin ist das Geheimnis. Denn zu viel davon führt zur Unterzuckerung des Blutes. Dann droht Bewusstlosigkeit. Nicht gut, wenn man gerade mit dem Auto unterwegs ist oder mit gefährlichen Maschinen arbeitet. Um seinen Zustand zu überprüfen, musste Tino Wagner bislang täglich seinen Blutzucker messen. Für ihn wie für jeden der circa 600.000 Diabetiker in Deutschland hieß das bis zu zehnmal am Tag "pieksen". Er sticht sich in die Fingerkuppe und bringt einen Bluttropfen auf einem Teststreifen auf. Nur so konnte er seine Insulingaben einigermaßen gut abschätzen.

Blutzuckerwerte auf dem Smartphone

Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke.
Mit einer speziellen App kann Tino Wagner überall und jederzeit seinen Zuckerspiegel einsehen - ohne sich ständig pieksen zu müssen. Bildrechte: MDR/Universitätsklinikum Jena

Tino Wagner piekst nun weniger, denn er hat einen Glukosesensor unter der Haut. Der etwa ein Zentimeter lange dünne Zylinder sitzt in seinem linken Oberarm. Direkt darüber klebt ein so genannter Transmitter aus Plastik. Der regt den Sensor durch Induktion dazu an, den Zuckergehalt in Tino Wagners Gewebe zu messen. Gleichzeitig überträgt der Transmitter die Messwerte auf das Smartphone des Patienten. In einer speziellen App kann Tino Wagner genau sehen, wie es um den Zuckerspiegel in seinem Gewebe steht und wie viel Insulin er braucht, um den Blutzucker auf einem normalen Niveau zu halten. Sollten die Werte einmal sehr bedenklich und das Smartphone nicht zu Hand sein, dann vibriert der Transmitter auf der Haut und warnt Tino Wagner so vor einer Verschlechterung seines Zustandes.

Alle drei Monate ein neuer Sensor

Ein wenig technikaffin muss man schon sein, um mit dem Glukosesensor klar zu kommen. Für den Fertigungslogistiker Wagner aber kein Problem. "Man spielt doch heutzutage eh den ganzen Tag am Handy herum. Da kann ich genauso gut auf die App meines Sensors schauen," sagt er gegenüber MDR THÜRINGEN, während er geduldig auf dem Behandlungstisch von Dr. Christof Kloss liegt.

Die Uniklinik Jena arbeitet seit kurzem mit einem Hautsensor für Diabeteskranke.
Mit einem Trokar (rechts) wird ein kleiner Tunnel unter die Haut gebohrt.  Links das Instrument, mit dem der Sensor in die Öffnung geschoben wird. Bildrechte: MDR/Universitätsklinikum Jena

Der Oberarzt im Fachbereich Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Klinik für Innere Medizin III platziert gerade einen neuen Sensor in Tino Wagners Arm. Denn wer die neue Technologie nutzt, muss auch ein bisschen leidensfähig sein. Aber das sind Diabetiker in den meisten Fällen. Der Sensor muss alle drei Monate gewechselt werden.  Eine kleine Operation unter örtlicher Betäubung ist dann fällig. Der alte Sensor wird herausgeschnitten, der neue eingesetzt. Den linken Arm darf Tino Wagner dann eine Woche nicht belasten. "Den Aufwand ist es auf jeden Fall wert, denn so muss ich mich nicht so oft pieksen und habe durch die App meine Werte jederzeit im Blick. Was ist da schon so eine kleine OP?", ist Tino Wagner überzeugt.

Ideal für junge und schwangere Patienten

Die Glukosesensoren werden derzeit nur bei wenigen Patienten eingesetzt. An der Jenaer Uniklinik sind es nur eine Handvoll Patienten - alle mit Diabetes mellitus Typ-1. "Typ 1-Diabetiker nehmen die Anzeichen einer Unterzuckerung nach Jahren der Erkrankung oft nicht mehr oder nicht rechtzeitig wahr", erläutert Dr. Christof Kloos. Umso wichtiger sei für sie ein Frühwarnsystem.

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Pflaster drauf und fertig. Die kleine Wunde verheilt schnell. Eine Woche darf der Arm nicht belastet werden. Nach drei Monaten muss der Sensor allerdings wieder raus. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Die Krankenkassen tragen die Kosten von mehr als 5.000 Euro im Jahr für das Sensoren-Set nur bei Patienten, die unter besonders großen Schwankungen des Blutzuckerspiegels leiden - und bereit sind, sich auf die Technik einzulassen. Kinder und Schwangere mit Diabetes 1 haben ein besonders großes Risiko, unter den schweren Symptomen der Krankheit zu leiden. Für sie ist der Sensor ideal, weiß Christof Kloos. Ab kommenden Sommer sollen auch die Belastungen durch die Operationen verringert werden. Dann kann der Sensor der nächsten Generation sogar sechs Monate ohne den blutigen Austausch seinen Dienst tun.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 18. April 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 14:33 Uhr

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