Vor dem Digitalgipfel Jenas IT-Branche würde gerne noch mehr boomen

Ende des Jahres treffen sich rund 1.000 Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Politik zum großen Digitalgipfel in Jena. Wann genau, hängt vom Terminkalender der Kanzlerin ab. Dass die Stadt als Austragungsort des Gipfels auserkoren wurde, hat gute Gründe. Denn in Jena wird das Geld längst nicht mehr nur mit Optik und Photonik verdient. Doch die IT-Branche stößt an die Grenzen des Wachstums.

von Olaf Nenninger

Modell des künftigen IT-Paradies' in Jena mit zwei Türmen
Modell des künftigen IT-Paradies' mit dann zwei Türmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit vier Jahren thront das "IT-Paradies" über den Jenaer Felsenkellern. Neun kleine und große Digital-Firmen haben in dem siebenstöckigen Bürogebäude ihren Sitz. Auf 4.000 Quadratmetern entwickeln rund 250 Mitarbeiter digitale Lösungen für Großkunden aus dem deutschsprachigen Raum. Doch das Paradies ist längst zu eng geworden. Deswegen entsteht seit Montag ein Zwillingsgebäude direkt nebenan: fast 5.000 Quadratmeter für 300 weitere Arbeitsplätze.

Der Neubau ist symptomatisch für die Situation der IT-Branche in Jena. "Die Arbeitskräftesituation ist natürlich angespannt wie überall. Dazu kommt der fehlende Platz. Es gibt kaum noch geeigneten Büros für die Digitalunternehmen. Das macht ordentlich Druck auf den Markt", begründet Reinhard Hoffmann von der IT-Paradies GmbH die Entscheidung, immer weiter zu bauen.

Immenser Bedarf an IT-Kräften

Denn in Jena wird das Geld längst nicht mehr nur mit Optik und Photonik verdient. Die Digitalbranche ist der Wirtschaftszweig mit dem stärksten Wachstum. Rund 3.500 Mitarbeiter arbeiten dort in 140 Unternehmen. Und die wachsen jährlich etwa um 15 Prozent. Das heißt, jedes Jahr stellt die Jenaer Digitalbranche 500 neue Leute ein: gute Chancen für die Informatik-Absolventen der Friedrich-Schiller-Universität und der Ernst-Abbe-Hochschule. Sie werden so gut wie alle und mit Kusshand genommen.

Allerdings verlassen pro Jahr nur rund 150 Alumni beide Hochschulen. Der Rest des immensen Fachkräftebedarfs muss von außerhalb, mittlerweile verstärkt auch aus dem Ausland angeworben werden. Auch die Stiftung einer E-Commerce-Professur an der Ernst-Abbe-Hochschule durch die Jenaer IT-Branche konnte den Fachkräftemangel nicht annähernd ausgleichen.

Zusammenarbeit für Digitalgipfel

IT-Paradies in Jena von außen
Das IT-Paradies beherbergt mehrere Digital-Firmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Experten haben berechnet, dass die Digitalfirmen sogar um 26 Prozent pro Jahr wachsen könnten, gäbe es genug frische IT-Spezialisten auf dem Markt. Daher kommt der Digitalgipfel am Endes des Jahres der Stadt wie gerufen. Noch ist zwar nicht ganz klar, wo die riesige Tagung stattfinden soll, aber sie ist eine willkommene Werbeplattform für die hiesige Branche.

Die Unternehmen haben zur Vorbereitung eigens einen sogenannten Digitalcluster gegründet. In der Steuergruppe sitzen Namen wie Dotsource, Diva-e, Towerbyte und die Rooom AG, die Uni und die Fachhochschule, aber auch Zeiss und Jenoptik. Denn auch die großen Optik-Konzerne verstehen sich mehr und mehr als Digitalunternehmen.

Koordinieren soll das Ganze der Cluster-Manager Domenique Dölz. Der Wirtschaftsgeograph aus der Nähe von Greiz mit Clustererfahrung in Coburg hat sein Büro in der Jenaer Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Mit Vorfeldveranstaltungen soll die Branche bundesweit auf den Digitalgipfel in Jena eingestimmt werden.

"Wir planen eine Reihe von Veranstaltungen für Fachkräfte und für das Netzwerk, für Wirtschaftsvertreter und zum Wissensaustausch. Es wird eine große Kommunikationskampagne geben, mit der wir deutschlandweit für den Jenaer Digitalstandort werben werden. Damit wollen wir das Bewusstsein stärken, dass Jena eine starke Digitalbranche hat", erklärt Dölz MDR THÜRINGEN.

Unternehmen buhlen um Fachleute

Domenique Dölz im IT-Paradies in Jena
Cluster-Manager Domenique Dölz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kampagne startet dann im Mai auf dem Digitalfestival "re:publica" in Berlin. Veranstaltungsauftakt in Jena ist bereits im April mit der Digital Talents Night. Dort können sich Digitalunternehmen in kurzen effektvollen Präsentationen - so genannten Pitches - vorstellen und um anwesende Fachkräfte buhlen.

Denn in Jena bewirbt sich das Unternehmen beim Mitarbeiter und nicht mehr umgekehrt. Derweil sorgt auch die IT-Paradies GmbH für eine kurzfristige Entspannung des Büromarktes. Denn wenn im Mai 2021 das zweite Gebäude steht, könnten bereits die Arbeiten für den dritten Bauabschnitt laufen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 10:16 Uhr

2 Kommentare

Rilke vor 4 Wochen

Also wenn ich an andere Internetaffine Städte denke die weltweit existieren, zeichnen diese sich durch eine Reihe sicht bzw nutzbarer Hotspots im Stadtbild aus. Am Skype Standort Tallinn beispielsweise ist in der ganzen Innenstadt gratis WLAN verfügbar. Ist in Jena, ausser der Rekrutierung neuer Mitarbeiter und deren Unterbringung in einer Stadt die kaum Wohnraum zur Verfügung stellen kann, ähnliches geplant? Wie gewinne ich junge Leute die mit ihren Fähigkeiten durchaus in Moskau, Berlin oder Leipzig arbeiten könnten für Jena und dessen Freizeitmöglichkeiten. Diese scheinen für Menschen dieser Zielgruppe doch sehr sehr begrenzt ?

Grosser Klaus vor 4 Wochen

In Jena gibt es keine Freizeitmöglichkeiten.

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