Stürmerin Christin Meyer, Abwehrspielerin Svenja Paulsen und Torfrau Inga Schuldt beim Training
Stürmerin Christin Meyer, Abwehrspielerin Svenja Paulsen und Torfrau Inga Schuldt beim Training des Frauenfußball-Bundesligisten FF USV Jena. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gehalt von Fußballerinnen Zwischen Leistungsfußball und Lebensunterhalt sichern

Spanische Profi-Fußballerinnen fordern ein Mindestgehalt von 16.000 Euro im Jahr. Von solchen Summen können Thüringer Fußballerinnen nur träumen. Denn hierzulande kann kaum eine Spielerin allein vom Sport leben.

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von Franziska Heymann

Stürmerin Christin Meyer, Abwehrspielerin Svenja Paulsen und Torfrau Inga Schuldt beim Training
Stürmerin Christin Meyer, Abwehrspielerin Svenja Paulsen und Torfrau Inga Schuldt beim Training des Frauenfußball-Bundesligisten FF USV Jena. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inga Schuldt sitzt hinter ihrem Schreibtisch und berät Kunden zu deren Versicherung. Mit dem seriösen Blazer, den offenen Haaren und strahlendem Lächeln dürften selbst eingefleischte Fans des FF USV Jena die Torhüterin in ihrem Bürojob kaum wieder erkennen. 20 Stunden pro Woche arbeitet Schuldt bei einer Krankenkasse. "Mit einer Vollzeitstelle würde ich den Leistungssport gar nicht schaffen", erzählt die 22-Jährige. Eine der wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Arbeitgebers: Er muss flexibel sein. "Als Leistungssportler muss du vorab offen und ehrlich mit dem Arbeitgeber sprechen und keine Faxen drum rum machen, dass man wegen Spielen oder Verletzungen auch mal kurzfristig ausfallen kann."

Fußballschuhe statt Sofalümmeln

Inga Schludt, Torfrau beim Frauenfußball-Bundesligisten FF USV Jena, an ihrem Arbeitsplatz in einer Krankenkasse
Inga Schuldt an ihrem Arbeitsplatz bei einer Krankenkasse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Morgens um acht Uhr geht’s für Schuldt zwei Stunden zum Training ins Fitnessstudio. Dann schnell ab ins Büro, bevor um 16 oder 17 Uhr das Nachmittagstraining auf dem Fußballplatz ansteht. Zwischendurch tauscht sie zu Hause kurz die Trainingstaschen. "Purer Stress würden manche sagen. Aber ich arbeite gern hier und ich gehe gern zum Training. Da tue ich mir das auch an, dass ich zwischendurch mal nicht so viel Zeit habe für mich", sagt Schuldt, die vor dieser Saison vom Frauenfußball-Traditionsverein Turbine Potsdam nach Jena gewechselt war. Manchmal sei sie schon neidisch, wenn sich die Kollegen nach der Arbeit aufs Sofalümmeln freuen. "Aber man lernt damit umzugehen und kann auch gar nicht mehr anders."

Vom Fußballspielen leben kann Inga Schuldt nicht. Das kann keine Spielerin des chronisch klammen FF USV Jena: Sogenannte Vollprofis gibt es dort nicht mehr, seit der Verein gerade noch so der Insolvenz entkommen ist. Die Spielerinnen der Bundesliga-Mannschaft bekommen nun ein Taschengeld als Aufwandsentschädigung. Genaue Zahlen will niemand verraten, weder in Jena noch sonst wo in der Frauen-Bundesliga.

Nur wenig offizielle Zahlen zu Gehältern im Frauenfußball

Wer im Internet nach Gehältern für weibliche Fußball-Profis sucht, findet kaum verlässliche Zahlen. Im Schnitt 39.000 Euro sollen es 2018 gewesen sein. Diesen Schnitt dürfte insbesondere die vermeintliche Spitzenverdienerin Dzsenifer Marozsán nach oben treiben. Die Spielmacherin der Nationalmannschaft soll bei Olympique Lyon etwa 300.000 Euro verdienen – die Franzosen gelten als Krösus im Frauenfußball. Auch bei Top-Vereinen wie dem VfL Wolfsburg oder FC Bayern München gibt es einige Vollprofis. Den meisten anderen bleibt nur: Arbeiten gehen für den Lebensunterhalt.

Vorbereiten auf die Karriere nach der Karriere

Christin Meyer, Stürmerin beim Frauenfußball-Bundesligisten FF USV Jena, in der Universität Jena
Studentin Christin Meyer in der Universität Jena. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neun der 25 Jenaer Erstliga-Spielerinnen haben erst einmal einen anderen Weg gewählt: Sie machen eine Ausbildung oder studieren. Wie Christin Meyer – die 19-Jährige studiert Sport- und Kommunikationswissenschaften und Sportmanagement an der Uni Jena, dem Trikotsponsor des Vereins. Das Krafttraining absolviert sie zwischen der morgendlichen Vorlesung und dem Mittagessen. Ihren Sportökonomie-Professor sehe sie in diesem Semester gerade zum zweiten Mal, erzählt die Stürmerin mit einem Schmunzeln.

Denn vor kurzem war sie mit der U20-Nationalmannschaft bei einem Lehrgang. "Dort gibt es jeden Tag eine vorgegebene Zeit, wo man für Schule oder Studium lernen kann." Insbesondere für die Schüler stehen Lehrer bereit, um bei den Aufgaben zu helfen. Studentin Christin arbeitet dann die Vorlesungen vor beziehungsweise nach, "das geht ganz gut, weil die ja online verfügbar sind".

Nationalmannschaft, siebenmal pro Woche Fußballtraining mit dem eigenen Verein, Athletiktraining im Fitnessstudio und dazu ein Studium – warum diese Doppelbelastung? "Ich finde es aufregend, nebenbei was zu machen, ich möchte nicht auf der faulen Haut rumliegen", sagt Meyer. Außerdem sei es gerade im Frauenfußball entscheidend, sich auf die Karriere nach der Karriere vorzubereiten, "weil man vom Frauenfußball leider nicht gut leben kann. Da ist eine Ausbildung oder ein Studium der vernünftigere Weg", sagt die junge Nationalspielerin, die wie Schuldt erst seit dieser Saison in Jena spielt.

Frauen trainieren so viel wie Männer

Angesichts des vollen Terminplans wurmt da ein Kommentar wie von DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke sehr. In der "Sportschau" war ein Portrait von Nationalspielerin Turid Knaak eingespielt worden – die Fußballerin lehrt neben dem Sport an der Uni und schreibt ihre Doktorarbeit. Ein volles Programm also, ähnlich dem der Jenaer Spielerinnen. Auf die Frage des Moderators, ob das auch was für die Männer im Profifußball wäre, meinte Köpke: "Wir trainieren so viel, da ist keine Zeit noch arbeiten zu gehen." Knaaks empörtes "Wir auch" ging im allgemeinen Gemurmel unter.

Auch die Jenaerinnen können nur den Kopf schütteln. Das sei frustrierend, meint Meyer: "Ich finde, das ist eine Einstellungssache. Auch wenn man viel trainiert, wir spielen auch Erste Bundesliga und man kann trotzdem nebenbei was machen." Auch Inga Schuldt bezeichnet die Aussage als provokativ. "Irgendwie wird das so runtergespielt, dass die Frauen neben dem Sport noch arbeiten gehen. Aber es ist schade, dass es so gesehen wird", sagt Schuldt.

Wenig Besserungen in Sicht

Immerhin habe es sich in den vergangenen Jahren etwas gebessert. Dass die Frauen zeitnah die gleichen Prämien bekommen wie die Männer, glaubt sie nicht. "Ich bin der Meinung, dass die Männer zu viel verdienen. Aber ein bisschen mehr für uns wäre natürlich schön. Wenigstens so, dass wir die Jahre, die wir Fußballspielen können, nebenbei nicht arbeiten müssen." Stattdessen solle die Konzentration dem Sport gelten, um das volle Potenzial auszuschöpfen.

Auch Schülerinnen trainieren hart

Svenja Paulsen, Abwehrspielerin beim Frauenfußball-Bundesligisten FF USV Jena und Sportgymnasiastin, beim Lernen
Sportgymnasiastin Svenja Paulsen beim Lernen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf dem Jenaer Rasen stehen aber nicht nur Studentinnen, Azubis und arbeitende Fußballerinnen. Auch zehn Schülerinnen gehören zum Stammkader beziehungsweise zum erweiterten Kader der Bundesliga-Mannschaft. Verteidigerin Svenja Paulsen hat gerade mehr Zeit für Mathe-Hausaufgaben, als ihr lieb ist. Seit August, seit dem ersten Ligaspiel, laboriert die 16-Jährige an einer Knieverletzung herum und kann nur ein bisschen Athletiktraining absolvieren.

Am Sportgymnasium wird dem Thema Leistungssport natürlich viel Zeit eingeräumt, ein Schulhalbjahr dauert dort ein drei Viertel Jahr. "Eigentlich geht es zeittechnisch ganz gut, dadurch dass wir nicht so viel Schule haben. Zwischen Schule und Training habe ich nachmittags Zeit für Schulaufgaben oder Lernen oder was mit Freunden zu machen", erzählt die Elftklässlerin, während sie an einer Mathe-Funktion knobelt. Als Schülerin habe sie ähnlich viel Freizeit wie ihre Freunde, die eine normale Schule besuchen: "Was bei denen Hobby ist, ist bei mir halt Leistungssportverpflichtung."

Spielerinnen mit vollen Terminplänen

Christopher Heck
Auch FF USV Jena-Trainer Christopher Heck weiß um den vollen Terminplan seiner Spielerinnen. (Archivbild) Bildrechte: imago images / VIADATA

Dass seine Spielerinnen einen vollen Terminplan haben, ist auch Jenas Cheftrainer Christopher Heck bewusst. "Klar muss ich da auch Rücksicht nehmen – manchmal vielleicht zu viel", sagt er mit einem Seufzen. Gerade stecken wieder zwei Spielerinnen mitten in den Abivorbereitungen. Stürmerin Christin Meyer sieht den Spagat zwischen Leistungssport und Studentenleben erst einmal pragmatisch. "Straff ist es auf jeden Fall, es ist alles eng getaktet. Aber wenn man einen Plan davon hat, was man möchte, dann kriegt man das auch hin!"

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. November 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 15:45 Uhr

3 Kommentare

MikeS vor 3 Wochen

@Sonnenanbeter bringt es auf den Punkt. Ich bin auch der Auffassung, dass die männlichen Spieler völlig überbezahlt sind. Aber damit stehe ich sicherlich nicht allein... Und ich bin ebenso der Meinung, dass der Frauenfußball wenig attraktiv ist (und das hat nichts mit den Mädels zu tun). Es ist ein Zweikampfsport und da passieren Sachen auf und neben dem Platz, die ich bei Frauen eben mal nicht sehen will (es ist schon bei den Männern teilweise schlimm genug). Wir brauchen keine großkotzigen Frauen-Millionäre, da reichen die Männer völlig hin. Jeder verein kann sich nur das leisten, was an Erlösen refinanziert ist, und ohne Attraktivität eben auch keine guten Sponsoren. Ergo - Mädels, Fußball ist nicht das Leben, macht einen ordentlichen Job.

Sonnenanbeter vor 3 Wochen

Das, was die Frauen da in der 1.Liga in Deutschland auf dem Platz anbieten, könnte in technischen (zum Beispiel unsaubere Ballannahme / Passspiel / Präzision Torschüsse) und athletischen Belangen (insbesondere Schnelligkeit und Schnellkraft) kaum mit Sechstligafußball bei den Männern mithalten, obwohl letztere seltener trainieren. All zu oft ist der Zufall im Spiel. Und über die Torhüterinnen lieber Stillschweigen. Dementsprechend ist dann auch der Zuschauerschnitt bei den Spielen. Ohne Zuschauer bleibt auch das Interesse der Sponsoren aus. Und wenn die Einnahmen dann nun mal gering sind, dann ist es doch auch vollkommen normal, dass die Spielerinnen zum Brötchenerwerb bis auf wenige Ausnahmen zu allererst einem Beruf nachgehen. Zu ihrem Hobby zwingt sie auch niemand, unabhängig davon, ob sie das unter Profibedinungen ausüben (oder nicht). Ist bei den Männern auch nicht anders. Da ist der Übergang zum Profitum die vierte Liga, aber fußballerisch liegen dazwischen bereits Welten.

wwdd vor 3 Wochen

Ich persönlich finde Frauenfußball schrecklich anzusehen. Wenn es einen Mindestlohn dafür geben soll, wird es der Markt entscheiden.

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