Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor einem qualmenden Wohnmobil.
Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor dem Wohnmobil, in dem die Waffen und Leichen der mutmaßlichen NSU-Rechtsterroristen Böhnhardt und Mundlos gefunden wurden. Bildrechte: dpa

Das Waffenarsenal des NSU und die Spur nach Kroatien

Am Mittwoch soll nach fünf Jahren der NSU-Prozess in München zu Ende gehen. Doch es bleiben viele Fragen offen. Eine lautet: Wie ist das NSU-Terrortrio an sein gesamtes Arsenal von über 20 Waffen gekommen? Ein Spur könnte in den kroatischen Bürgerkrieg Anfang der neunziger Jahre führen. In diesem haben deutsche Neonazis als Söldner gekämpft - offenbar auch aus Thüringen.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor einem qualmenden Wohnmobil.
Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor dem Wohnmobil, in dem die Waffen und Leichen der mutmaßlichen NSU-Rechtsterroristen Böhnhardt und Mundlos gefunden wurden. Bildrechte: dpa

Es ist kurz vor 12 Uhr an diesem 4. November 2011 in Eisenach-Stregda. Die beiden Polizeibeamten Werner G. und Klaus M. (*Namen geändert, d.Red.) nähern sich einem Wohnmobil der Marke "Capron". In ihm vermuten die beiden Polizisten die Gangster, die wenige Stunden zuvor eine Bank in der Eisenacher Innenstadt überfallen haben. Plötzlich hören sie zwei Schussgeräusche. Beide kurz hintereinander. Die Beamten gehen sofort in Deckung und suchen Schutz hinter einer Mülltonne. Nur einige Sekunden später schlagen aus dem Dach des Wohnmobils Flammen. Der Rest ist die bekannte Geschichte des Jenaer Terrortrios, das im Januar 1998 verschwand und bis zu diesem 4. November 2011 nicht gefasst wurde.

Waffe aus dem Balkankrieg im Wohnmobil

Waffe NSU Pleter
Im Wohnmobil wurde eine aus kroatischer Produktion der 90er Jahre entstammende Maschinenpistole des Typs "Pleter 91" gefunden. Das Bundeskriminalamt präsentierte den Fund im Januar 2012. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Bei den folgenden Ermittlungen finden die Kriminaltechniker im ausgebrannten Wohnmobil ein Arsenal von acht Schusswaffen. Darunter auch eine Maschinenpistole. Bei der technischen Untersuchung stellt sich heraus, dass entweder Böhnhardt oder Mundlos versucht haben müssen, mit dieser MPi auf die beiden Streifenbeamten zu feuern. Ein Schuss konnte wohl abgegeben werden, doch dann klemmte die Waffe.

Diese Maschinenpistole wurde, wie die meisten der rund 20 Waffen des NSU, in Osteuropa produziert. Zum Zeitpunkt des Auffliegens der Drei war die Waffe der Marke Pleter 91 bereits museal. Denn die MPi entstammte einer Produktion, die im Jahr 1991 begann und nur bis 1996 betrieben wurde. Die Spur dieser Waffe reicht tief in den jugoslawischen Bürgerkrieg und zu deutschen Söldnern, die in diesem Krieg gekämpft hatten.

Rückblick: Anfang der neunziger Jahre brach mit der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens der erste Balkankonflikt aus. Daraufhin wurde von der EU ein Waffenembargo verhängt. Das zur Folge hatte, dass sich die neu gebildete kroatische Armee nicht legal mit Waffen auf dem europäischen Markt versorgen konnte. Daher nutzte sie die alten Bestände der ehemaligen jugoslawischen Armee, derer sie habhaft werden konnte. Gleichzeitig begann die neue kroatische Regierung in der Ortschaft Pleternica mit der Produktion einer eigenen Maschinenpistole. Damit sollten Engpässe und Verluste bei Kampfeinsätzen behoben werden. Das Lizenzvorbild dafür war eine britische Sten-MPi.

Pleter 91 Die neue kroatische Waffe wurde nach dem Produktionsort und dem ersten Produktionsjahr "Pleter 91" getauft. Sie hatte ein Kaliber 9 mm Luger und war eher für kurze Distanzen gedacht. Doch im Kampfeinsatz bewährte sie sich nicht wirklich. Sie war ungenau und hatten immer wieder Ladehemmungen.

Genau eine solche Waffe tauchte 20 Jahre später in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach-Stregda auf, in dem die Leichen der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lagen.

Wie kam die Waffe nach Deutschland?

Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamts (BKA) zum Ermittlungsstand gegen Mitglieder und Unterstützer der terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Das BKA zeigt Waffen, die im Wohnmobil in Eisenach und des ausgebrannten Haus in Zwickau sichergestellt wurden.
Das BKA zeigt im Januar 2012 Waffen, die im Wohnmobil in Eisenach und im ausgebrannten Haus in Zwickau sichergestellt wurden. Auf dem Tisch die "Pleter 91". Bildrechte: IMAGO

Der kroatische Bürgerkrieg zog damals viele Söldner aus anderen Ländern an. Sie kamen aus Frankreich, Belgien, Niederlanden, Italien, den USA und auch aus Deutschland. Schnell wurde den deutschen Behörden klar, dass sich unter diesen Kämpfern überwiegend deutsche Neonazis befanden. Bereits 1994 wurde unter anderem durch mehrere Verfassungsschutzämter eine Liste von deutschen Söldnern erstellt. Sie alle hatten einen rechtsextremen Hintergrund.

Auf der Liste, die MDR THÜRINGEN vorliegt, sind unter anderem zwei Thüringer Neonazis zu finden. Einer ist heute noch ein NPD-Funktionär, der andere wird vom Bundeskriminalamt dem Unterstützerumfeld des NSU zugerechnet. Er hatte bereits vor dem Untertauchen des Trios 1998 in Jena, Kontakte zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Verfassungsschutz warnte vor Waffenschmuggel

Aus internen Dokumenten über Neonazis im Kroatienkrieg geht hervor, das die Pleter 91 auch an die deutschen Söldner ausgegeben wurde. Viele sollen sie als eine Art Kriegsauszeichnung für Kampfeinsätze erhalten haben. Bereits Mitte der neunziger Jahre warnten Verfassungsschützer davor, dass diese kampferprobten Söldner nach Deutschland zurückkehren und in der Rechtsextremen Szene aktiv würden.

Aus internen Lagebildern, die MDR THÜRINGEN einsehen konnte, wird deutlich, dass die Nachrichtendienste damals auch davon ausgingen, dass Waffen aus den Balkankriegen nach Deutschland geschmuggelt werden könnten.  Stammte die Pleter 91, die im Wohnmobil in Eisenach gefunden wurde, aus dieser Söldnerszene? Welche Rolle spielten die beiden Thüringer Rechtsextremisten dabei?

Ermittler gehen Spur nicht nach

Die Linke-Bundestagsabgeordnete Martina Renner
Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner kritisiert die Bundesanwaltschaft, nicht nach der Herkunft der Maschinenpistole gefragt zu haben. Bildrechte: Dirk Reinhardt/MDR

Fragen, die scheinbar bei den NSU-Ermittlungen nach dem Auffliegen 2011 nicht ernsthaft geklärt wurden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Martina Renner hervor.
So wird deutlich, dass die Herkunft der Pleter 91 des NSU nie geklärt werden konnte. Auch wird aus der Antwort, die MDR THÜRINGEN vorliegt, klar, dass die deutschen Ermittler mit den kroatischen Behörden keinen Kontakt zu dem Thema aufgenommen hatten. Es gab nicht einmal ein deutsches Ermittlungsersuchen.
Die Bundestagsabgeordnete Rennner kritisiert das scharf. Sie sagte MDR THÜRINGEN: "Es ist vollkommen unverständlich warum die Bundesanwaltschaft keine weiteren Ermittlungen angestrengt hat, um die genaue Herkunft der Maschinenpistole zu klären."

100 Söldner mit Neonazi-Hintergrund

Das gelte offenbar auch für die Söldnerstrukturen und ihre Verbindungen in die deutsche Neonaziszene, so Renner. Dabei wusste die Bundesregierung bereits 2001, also wenige Jahre nach dem Untertauchen des Trios, dass im kroatischen Bürgerkrieg rund 100 deutsche Söldner aktiv waren. In einem Antwortschreiben an die damalige PDS-Fraktion im Bundestags bestätigt das Bundesinnenministerium, dass es bei allen diesen Söldnern einen rechtsextremen Hintergrund gebe. Aber auch in den laufenden Ermittlungen zum NSU sind die Behörden der kroatischen Söldnerspur und den mutmaßlichen Waffenbeschaffungen nicht nachgegangen. Auf die Frage der Abgeordneten Renner, wie viele dieser Söldner mit Neonazi-Vergangenheit im Rahmen der NSU-Ermittlungen seit 2011 befragt wurden heißt es: "Eine verlässliche Aussage ist mangels Erhebung nicht möglich."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. Juli 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2018, 20:36 Uhr

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23 Kommentare

11.07.2018 17:14 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 23

Eine Herkunftbestimmung der Waffen des NSU ist doch anscheinend gar nicht gewollt!
Sonst würde man den Mord 2006 in Rheda-Wiedenbrück nicht als "nicht verfahrensrelevant" gegenüber dem NSU-Verfahren gemeldet haben.

Die seltene Kombination 'Waffe mit zu kurzer Munition' hinterläßt eindeutige Spuren - und genau die gleiche Kombination mit der Waffe, die mit 'zu kurzer Munition' geladen war, ist in der Brandruine des 'Terror-Trios' gefunden worden.
Bei diesem Mord wurde eine Verbindung zum NSU ausgeschlossen, obwohl die Adresse des Tatorts sogar auf der 'Todesliste des NSU' aufgelistet war.

Das 'Trio' und 'deren Unterstützer' - so, wie sie derzeit vor Gericht stehen - wären nicht mal ansatzweise in der Lage gewesen, einige Hundert Standorte auszukundschaften...

Da wird bewußt die Hand drüber gehalten... und selbst trotz der Offensichtlichkeit bleibt "man" 'ungerührt'!
Der Rechtsruck ist noch lang nicht zu Ende - der hat nicht mal richtig angefangen!

10.07.2018 23:10 martin 22

@21 wohin: Wo habe ich Ihrer Meinung nach sinnlose Dinge geschrieben, die im Widerspruch zu den Ergebnissen der U-Ausschüsse stünden?

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