Gentrifizierung Verdrängung in Jena: Wer sich die Miete nicht leisten kann, muss gehen

Jena ist zwar in Sachen Wohnungsmieten sicher nicht das München des Ostens, wie es oft heißt, gehört aber zu den teuersten Städten in den ostdeutschen Bundesländern. Viele Studenten, florierende Unternehmen, die neue Mitarbeiter in die Stadt holen und eine schwierige geografische Lage. Wer sich die steigenden Mieten in der Innenstadt nicht mehr leisten kann, muss in die preiswerteren Plattenbaugebiete ziehen.

Jena von oben mit Eichplatz, Friedrich-Schiller-Universität und Intershop-Tower
Schön, aber leider teuer: In Jena steigen die Mieten seit Jahren. Bildrechte: imago images / Karina Hessland

Vier Jahre lang hat Georg Enzmann unweit des Optischen Museums in der Jenaer Innenstadt gewohnt. Im ersten Obergeschoss eines Altbaus aus verwitterten Klinkern nannte der junge Handwerker ein schönes WG-Zimmer mit 20 Quadratmetern sein eigen. Viel verdient hat er damals als Soloselbständiger nicht. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht: "Ich wollte hier eigentlich nicht wegziehen, aber 350 Euro im Monat, das konnte ich mir nicht mehr leisten. Ich habe geguckt, wo es ein bisschen günstiger ist und das ist eigentlich nur Lobeda. Alle mit denen du hier sprichst, die kennen das: 400 Euro für 15 Quadratmeter ist Standard für ein WG-Zimmer."

Vier Euro mehr pro Quadratmeter als im Landesschnitt

Rund neun Euro kalt zahlte Enzmann in der Innenstadt - damit lag er sogar noch verhältnismäßig günstig. Die Durchschnittsmieten in Jenas Zentrum liegen derzeit bei 10,82 Euro je Quadratmeter - vier Euro mehr als im Landesschnitt.

Gentrifizierung Das Wort Gentrifizierung beschreibt den Aufwertungsprozess von Stadtvierteln, in dessen Zuge Mietergruppen mit geringerem Einkommen aus dem Viertel verdrängt werden zugunsten von besserverdienenden Bevölkerungsgruppen. Geprägt wurde er in den 1960er Jahren von der britischen Soziologin Ruth Glass.

Kessellage macht Baugrund rar

Jena gehört zu den teuersten Städten in Ostdeutschland. Nur in Potsdam zahlen Mieter mehr. Die Nachfrage nach Wohnraum in attraktiven Lagen in der Saalestadt ist hoch. Der Druck kommt von den gut verdienenden Angestellten florierender Unternehmen und den tausenden Studenten zweier Hochschulen. Durch die Kessellage ist Baugrund rar und teuer. Wenn Zeiss seinen neuen Highttech-Campus in ein paar Jahren gebaut hat, könnte sich die Lage noch verschärfen. Hunderte neue Mitarbeiter und ihre Familien brauchen Wohnraum.

In den letzten zehn Jahren stiegen Jenas Mieten von 7,40 Euro auf 9,24 Euro kalt je Quadratmeter - das entspricht einem Anstieg von 24 Prozent - neun Prozent mehr als im Bundesschnitt.

Initiative gegen Verdrängung aufgrund hoher Mieten

Viele Menschen können sich Wohnen in der Innenstadt nicht mehr leisten und müssen in preiswertere Randlagen ziehen. Ein Phänomen, das zur Gründung der Initiative "Recht auf Stadt" geführt hat. Sie wendet sich gegen die Verdrängung von Menschen aus bestimmten Quartieren, nur weil sie sich dort eine Wohnung nicht mehr leisten können.

Neubauten in Jena sind teuer

Aktivist Jan Goebel beobachtet diese Verdrängungsprozesse seit Jahren. Dahinter stehen die fortschreitende Privatisierung des öffentlichen Raumes, aber auch Mitnahmeeffekte von Vermietern und Investoren. Wie viele Menschen bislang ihre Umzugskisten packen mussten, kann Goebel auch nicht beziffern. Mit Blick auf das Verhältnis von Mieten und Einkommen konstatiert er: "Ein durchschnittlicher Haushalt kann sich 90 Prozent der Neubauten nicht leisten." Denn wenn in Jena gebaut werde, dann zumeist qualitativ hochwertig und dementsprechend teuer.

Sozialer Wohnungsbau als Lösung?

Jenas Bürgermeister und Stadtentwicklungsdezernent Christian Gerlitz (SPD) schätzt, dass der Quadratmeterpreis im Neubau mittlerweile bei 12 Euro kalt liegt. Die damit einhergehenden Verdrängungsprozesse in die Randlagen will das Rathaus mit einer Reihe von Maßnahmen in den Griff bekommen: "Wir haben jetzt im Dezernat für Stadtentwicklung ein Team 'Wohnen und Quartiersentwicklung' gegründet, das sich mit solchen Faktoren beschäftigen soll. Wir müssen in allen Quartieren Jenas allen Bevölkerungsschichten Zugangs- und Wohnmöglichkeiten bieten."

Gartenbegrünung zwischen den Platten in Jena Lobeda.
In den Plattenbauvierteln wie Jena-Lobeda sind die Mieten noch verhältnismäßig günstig. Bildrechte: MDR/Karoline Scheer

Außerdem sollen in den nächsten Jahren hunderte Sozialwohnungen entstehen. Dort läge die Miete dann dank Landesförderung bei 5,90 Euro je Quadratmeter. Allerdings ist dieses Wohnbauvermögen des Freistaats derzeit erschöpft. Der soziale Wohnungsbauplan der Jenaer Stadtverwaltung steckt also jetzt schon fest. Die Post-Corona-Konsolidierung der kommenden Jahre wird derart hochfliegende Vorhaben zusätzlich erschweren. Und ob sozialer Wohnungsbau die Mieten in attraktiven Lagen wie der Innenstadt entspannt, muss angezweifelt werden. Das Problem lautet ja in erster Linie Verdrängung.

Günstige Mieten in der Platte

Denn relativ preiswert lässt es sich in den Plattenbaugebieten Winzerla und Lobeda immer noch leben. Hier bietet beispielsweise die kommunale Wohnungsgesellschaft JenaWohnen Wohnungen für unter sechs Euro je Quadratmeter an. Allerdings weist der Mietspiegel die Durchschnittsmiete in Lobeda mit 7,81 Euro pro Quadratmeter aus. Zum Vergleich: Der Thüringer Landesschnitt liegt bei 6,61 Euro pro Quadratmeter.

Georg Enzmann kann sich die teuren Mieten in der Jenaer Innenstadt nicht mehr leisten.
Der Handwerker Georg Enzmann engagiert sich gegen steigende Mieten. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Georg Enzmann lebt jetzt in Lobeda in einem grauen, teilsanierten Plattenbau in einer neuen WG. Sein Zimmer hat nur noch acht Quadratmeter, die Wohnung ist hellhörig. Er zahlt 210 Euro inklusive seines Anteils am gemeinsamen Wohnzimmer, Küche und Bad. Vor ein paar Jahren hat Enzmann die "Bürgerinititative für Soziales Wohnen" mitgegründet. Grund waren Mieterhöhungen bei JenaWohnen. Die Bürgerinitiative versucht, den Trend steigender Mieten umzukehren:

Wir wollen, dass es gar keine Mieterhöhungen mehr bei JenaWohnen gibt, am besten aber in der ganzen Stadt, weil sie schon hoch genug sind. Langfristig wollen wir auch erreichen, dass mit den Mieten, die die Leute bezahlen müssen, keine Gewinne mehr gemacht werden.

Georg Enzmann

Ohne Gewinne könnte man in Jena bei maximal drei Euro pro Quadratmeter landen, glaubt die Bürgerinitiative. Dann gäbe es zumindest Chancengleichheit für alle.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 05. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

52 Kommentare

Gonzo vor 6 Wochen

Ich kann nicht nachvollziehen wie die Stadtregierung von Jena durch Schaffung von preiswerten Wohnraum ihren Haushalt aufbessern kann. Falls Sie es wissen, ich bin gespannt...

Ernst678 vor 6 Wochen

Der Bankberater verkauft überteuerte Finanzprodukte im Zeitalter der Null-Zins-Politik. Das müssen Sie schon mal näher erläutern. Und wie ein Geringverdiener, ein Arbeitsloser und ein Harzer beherzt an der Börse zuschlagen sollen auch. Gerade kämpfen sehr viele, insbesondere wegen der Coronamaßnahmen um ihre nackte Existenz und sie schreiben einen Blödsinn das sich einem die Haare sträuben!

Ernst678 vor 6 Wochen

Der Tag hat 24 Stunden (ich hoffe das dies beim Verfassungsschutz durchkommt). Und nun die Millionenfrage: Wieviel Zweitjobs kann man annehmen? A- Wenn jeder Job 4 Stunden dauert? B- Wenn jeder Job 8 Stunden dauert? C- Wenn man garkeinen Job findet? Oder D- Wenn man anbietet umsonst zu arbeiten?

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