Das Polizeifoto zeigt die zehnjährige Ramona aus Jena, deren Leiche am Dienstag (14.1.97) in einem Wald nahe Eisenach gefundenen worden ist.
Der Mord an der kleinen Ramona aus Jena beschäftigt Polizei und Justiz auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Verschwinden noch. Bildrechte: dpa

Oberlandesgericht Jena Mordfall Ramona: Tatverdächtiger überraschend aus U-Haft entlassen

Im Mordfall Ramona Kraus ist der mutmaßliche Täter wieder auf freiem Fuß. Das Oberlandesgericht Jena ordnete bei einer Prüfung seine Entlassung aus der Untersuchungshaft an. Nach MDR THÜRINGEN-Informationen rügt das Gericht vor allem den Einsatz von verdeckten Ermittlern der Polizei.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Das Polizeifoto zeigt die zehnjährige Ramona aus Jena, deren Leiche am Dienstag (14.1.97) in einem Wald nahe Eisenach gefundenen worden ist.
Der Mord an der kleinen Ramona aus Jena beschäftigt Polizei und Justiz auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Verschwinden noch. Bildrechte: dpa

Andreas Gerstberger konnte seinen Stolz über den Ermittlungserfolg nicht ganz verbergen. "Wir haben ihn so gelenkt und geleitet, dass wir ihn letzten Endes auf unserem Territorium festnehmen konnten", sagte er bei einer Pressekonferenz Ende Januar in den Räumen der Polizei Weimar. Dort sitzt die Sonderkommission "Altfälle" und ihr Leiter ist Gerstberger. An diesem Januartag verkündeten er und die Staatsanwaltschaft Gera einen weiteren spektakulären Ermittlungserfolg. Die Festnahme des mutmaßlichen Mörders der zehnjährigen Ramona Kraus. Sie war im August 1996 in Jena verschwunden. Ihre Leiche wurde Anfang 1997 in einem Waldstück bei Eisenach entdeckt.

Gericht rügt Einsatz verdeckter Ermittler

Ende Januar 2019, also mehr als 20 Jahre später, klickten bei Wilfried M. die Handschellen. Polizeibeamte nahmen ihn in Erfurt fest. Doch seit Ende vergangener Woche ist der 76-Jährige wieder auf freiem Fuß. Zuvor hatte es einen Termin beim Oberlandesgericht Jena gegeben. Das OLG musste darüber entscheiden, ob Wilfried M. weiter in Untersuchungshaft bleibt oder nicht. Ein Sprecher des Gerichts bestätigte MDR THÜRINGEN, dass der Mann entlassen wurde. Das Gericht sehe derzeit keinen dringenden Tatverdacht. Die vorgelegten Beweise, ihn im Gefängnis zu lassen, reichten nicht aus.

Nach Informationen von MDR THÜRINGEN rügt das OLG auch den Einsatz von mehreren verdeckten Polizeiermittlern in dem Fall. Im Gerichtsbeschluss heißt es, dass diese bei ihrer Ermittlungsarbeit "über das Ziel hinausgeschossen sind".

Aufwendiges Täuschungsmanöver der Soko Altfälle

Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein von der Polizei über Monate aufgebautes und aufwendig konstruiertes Täuschungsmanöver. So sollen mehrere verdeckte Ermittler eingesetzt worden sein. Ihre Aufgabe war es, Informationen und ein mögliches Geständnis von Wilfried M. zum Mord an Ramona zu bekommen. Mit einem hohen Maß an Konspiration sollen die Beamten um den Tatverdächtigen eine "Scheinwelt" aufgebaut haben. Offenbar wollten sie versuchen, den Mann so beeinflussen, dass er am Ende die Informationen liefert, die für eine Festnahme reichen.

Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen von Soko-Leiter Gerstberger auf der Pressekonferenz auch konkreter zu verstehen, als er von "gelenkt" und "geleitet" sprach. Und dass man andere Aufzeichnungsmöglichkeiten gehabt habe, als Telefonate abzuhören. Dabei sei es der Polizei gelungen, eine "Vielzahl an Sachen zu dokumentieren, die noch nicht Gegenstand der Öffentlichkeit waren, die nur ein Tatbeteiligter wissen konnte", so Gerstberger damals.

Pressekonferenz zum Mordfall Ramona
Im Januar hatte die "Soko Altfälle" auf einer Pressekonferenz in Weimar die Festnahme im Fall Ramona bekannt gegeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beweise reichen für Haft offenbar nicht aus

Ende Januar hatte dieses Vorgehen der Polizei für einen Haftbefehl ausgereicht. Doch den hat das OLG Jena nun wieder kassiert. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN sollen die von der Polizei vorgelegten Beweise, die über die verdeckten Ermittler gewonnen werden konnten, gerichtlich nicht verwertbar sein. Damit haben die Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft Gera jetzt ein Problem. Denn der Haftbefehl gegen Wilfried M. soll sich im Kern auf diese Beweise gründen. Da das OLG sie als nicht verwertbar ansieht und es keinen dringenden Tatverdacht gibt, besteht auch kein Haftgrund mehr. Jetzt muss sich besonders die Staatsanwaltschaft genau überlegen, ob sie überhaupt eine Anklage gegen Wilfried M. erhebt.

M. stand bei den Ermittlern seit Jahren ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Der ehemalige Fremdenlegionär stammt ursprünglich aus Jena. Er war 1965 in den Westen geflohen. Seitdem hatte er mehrfach in Gefängnissen gesessen, auch wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Zuletzt war er 1999 in Schweinfurt wegen einer solchen Tat verurteilt worden.

Krisengespräche zwischen Justiz und Polizei

Diese neue Entwicklung im Fall Ramona Kraus sorgt derzeit für intensive Beratungen auf allen Ebenen zwischen Justiz und Polizei. Auch die Spitzen von Thüringer Justiz- und Innenministerium sind in die Gespräche eingebunden. Denn es ist nicht die erste Panne der Soko "Altfälle" in den Ermittlungen rund um diesen Mord. Bereits im September war ein mutmaßlicher Täter festgenommen worden. Nur wenige Wochen später stellte sich heraus, dass es der Falsche war. Der Mann sitzt aber wegen anderer nachgewiesener Straftaten in Haft.

Dabei hatte die Soko "Altfälle" bereits einen bisher ungelösten Kindermord in Thüringen aufdecken können. Im März vergangenen Jahres konnten die Beamten den Mörder der kleinen Stephanie überführen. Er hatte das Mädchen aus Weimar 1991 missbraucht und anschließend von der Teufelstalbrücke an der Autobahn 4 bei Hermsdorf geworfen. Im November vergangenen Jahres wurde er dafür zu einer lebenslangen Haft verurteilt.

Wie der Fall Ramona Kraus nach der Haftentlassung des Tatverdächtigen Wilfried M. weitergeht, ist momentan völlig offen. Sollte er nicht angeklagt werden, müsste die Soko mit ihrer Suche nach dem Mörder von Ramona wieder von vorne beginnen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2019, 19:41 Uhr

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10 Kommentare

09.08.2019 16:38 martin 10

@6 max: Wenn der Sportverein (oder ein andere Verein) es richtig macht, wird ein solcher Mensch keine Kinder mehr betreuen.

Aus genau dem von Ihnen beschrieben Grund gibt es eine Variante des Führungszeugnis, in dem derartige Straftaten - auch nach der üblichen "Nicht-mehr-Erscheinungs-Frist" - aufgeführt werden. Vereine oder sonstigen Träger müssen sich solche speziellen Führungszeugnisse - auch von Ehrenamtlichen - vorlegen lassen.

09.08.2019 16:26 martin 9

@4 roccos: Davon, dass Sie alles mögliche unterstellen, wird es noch nicht wahr.

Über die Gesundheitszustand dieser Gesellschaft sind wir uns vielleicht sogar einiger als Ihnen lieb ist - auch wenn wir vermutlich andere Krankheitsymptome wahrnehmen.

Aber dass alles toleriert wird, mögen manche Menschen in ihren Echoräumen vielleicht mittlerweile sogar selbst glauben. Wahrer wird es davon aber nicht. Und ob die Person ein Kindsmörder ist, können wir beide nicht wirklich wissen. Die Entscheidung liegt beim Tat- sowie vermutlich auch beim Revisionsgericht.

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