Gedenken an Reichspogromnacht Was es mit "Klang der Stolpersteine" in Jena auf sich hat

Zum dritten Mal findet in Jena die Aktion "Klang der Stolpersteine" statt. Bürger der Stadt versammeln sich demonstrativ an vielen Plätzen, um zu musizieren und an die jüdischen NS-Opfer aus der Stadt zu erinnern.

Stolpersteine zum Gedenken an ermordete jüdische Bewohner in Jena.
Stolpersteine zum Gedenken an ermordete jüdische Bewohner in Jena. Bildrechte: Anke Preller

Der geschichtsbeladene 9. November: ein Schicksalstag der Deutschen. Er steht nicht nur für den Mauerfall vor 30 Jahren. Er markiert das Ende des verheerenden Ersten Weltkriegs - am 9. November 1918 wurde in Deutschland die Republik ausgerufen. Und es war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als überall in Deutschland Synagogen, unzählige jüdische Geschäfte und Wohnhäuser brannten oder verwüstet wurden. Tausende Juden wurden danach in Konzentrationslager verschleppt. In Jena wird daran mit dem Kunstprojekt "Klang der Stolpersteine" erinnert.

Drei Jenaer - ein Physiker, ein Musiker und ein Frührentner - ergriffen die Initiative, entwickelten einen Plan. Die Idee dazu kam ihnen am 9. November 2016, als Neonazis mit Fackeln durch die Jenaer Innenstadt zogen. Sie standen auf den Stufen der Stadtkirche, sahen das Unbegreifliche, erinnert sich Till Noack. Das sollte nie wieder möglich sein, waren sie sich einig, so der ehemalige Geschäftsführer der Stadtwerke Jena.

Demonstrationen an 21 Stellen in Jena

Für den 9. November 2017 meldeten sie für alle 21 Stellen in Jena Demonstrationen an, an denen die sogenannten Stolpersteine ins Pflaster eingelassen sind. Auch auf dem Markt und dem Kirchplatz. Kein Platz mehr für Aufmärsche der Ewiggestrigen. Stattdessen putzten Schüler die kleinen Messingtafeln auf den Stolpersteinen - mit den Namen der jüdischen Mitbürger, die einst in den Häusern lebten. Sie schmückten sie mit Blumen und Kerzen. Mit einbrechender Dunkelheit spielten dort Musiker, versammelten sich Menschen zum Gedenken.

Im vergangenen Jahr wurde das Projekt "Klang der Stolpersteine" noch größer. Noch mehr Kurzkonzerte mit noch mehr Musikern, weit über 100. Und jeder Ort ein anderer Klang. Bläsergruppen, Streicher, Jazzbands, Straßenmusiker und A-Capella-Gesang. In der Saalstraße, wo fünf Stolpersteine an das Schicksal der Familien Zamory und Camnitzer erinnern, sang der Otto-Schott-Chor, vor der Stadtkirche spielte der Posaunenchor der evangelischen Gemeinde.

Gedenkveranstaltung der Aktion "Klang der Stolpersteine" am 9. November 2015 am Westbahnhof in Jena.
Gedenkveranstaltung der Aktion "Klang der Stolpersteine" am 9. November 2015 am Westbahnhof in Jena. Bildrechte: Paula Preller

Nach den halbstündigen Minikonzerten überall in der Stadt trafen sich alle 19 Uhr am Westbahnhof zur traditionellen Gedenkveranstaltung. Eine Tafel an der Bahnhofsfassade kündet davon, was auf die November-Pogrome von 1938 folgte - die Deportation von Jenaer Juden, Sinti und Roma in die Vernichtungslager. Hunderte Menschen stimmten ein in das bekannte jüdische Lied "Dos Kelbl", sangen vom Kälbchen, das sich nicht dagegen wehren kann, zur Schlachtbank geführt zu werden.

Dritte Auflage mit weit über 200 Beteiligten

Nun die dritte Auflage des Kunstprojektes. Von einem "Riesending" spricht Till Noack, mit vielen großartigen Aktionen, Ideen und Mitstreitern. Weit über 200 Beteiligte sind es, die am Samstag ab 17.45 Uhr mit Kurzkonzerten und kleinen Aufführungen an 42 Orten fast im gesamten Stadtgebiet auftreten.

Natürlich, so Noack, gehe es wieder darum, sich vor den jüdischen Opfern zu verneigen, Gedenkorte zu besetzen und Stellung zu beziehen - für Menschlichkeit, Toleranz und Respekt. Gerade nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Wahlausgang in Thüringen sei dieses politische Statement besonders wichtig.

Das sieht auch Philipp Schäffler so, Musiklehrer am Christlichen Gymnasium. Mit 50 Schülern, zwei achten Klassen, ist er diesmal dabei. Alle, erzählt er, sind irgendwann schon mal gestolpert über die Stolpersteine, aber was sie bedeuten, welche Geschichten sich dahinter verbergen, wussten die wenigsten. Auch die Stele unweit des Saalbahnhofs, die an das einstige Außenlager des KZ Buchenwald erinnert, kannte kaum jemand. Dort werden die Schüler auftreten mit ihrem Programm über die jüdische Komponistin Ilse Weber, die sich der Musik für Kinder widmete und in Auschwitz ermordet wurde.

Auch andere Jugendgruppen bereiten sich seit Wochen vor, wie der Jugendtheaterclub "Teenpark", der Kinder- und Jugendzirkus Momolo oder die Freie Bühne Jena. Letztere wird in einem "Walkact" in Zeitlupe vom Holzmarkt zum Westbahnhof gehen, um den "letzten Weg" zu symbolisieren. Der Westbahnhof wird auch in diesem Jahr wieder Zielpunkt aller Beteiligten sein. 19 Uhr beginnt dort die große Gedenkveranstaltung der Stadt und des Arbeitskreises Judentum. Alles ist getragen allein von bürgerschaftlichem Engagement. Dafür, sagt Till Noack, liebe er diese Stadt, dass so etwas hier möglich sei. Über Nachahmer andernorts würde er sich freuen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Am Morgen | 08. November 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 13:43 Uhr

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