Pilotprojekt in Jena Schwanger und abhängig von Crystal Meth

Die Droge Crystal Meth ist in Thüringen weiter auf dem Vormarsch. Die Zahl derer, die abhängig sind, stagniert seit zwei Jahren auf hohem Niveau. Der Konsum ist in ganz Thüringen verbreitet. Frauen sind besonders betroffen. Und mit dem Konsum steigt auch das Risiko, schwanger zu werden. Dass die Geburt des Babys nicht zur Endstation für Mutter und Kind wird, dabei soll jetzt ein Pilotprojekt am Uniklinikum Jena helfen.

Eine schwangere Frau hält ihren Bauch, daneben Drogen und eine Spritze.
Das Risiko, ungewollt schwanger zu werden, ist bei Crystal-Meth-abhängigen Frauen hoch, denn die Droge steigert die Lust auf Sex. (Symbolfoto) Bildrechte: Fotomontage/MCS-Grafik

Ida S.* ist 26. Sie spürt und sieht schon seit Langem, dass in ihrem Bauch etwas vor sich geht, dass dieser immer größer wird. Doch Ida S. verdrängt das, sie hat jegliche Kontrolle über die Zeit verloren. Was ist schon ein wachsender Bauch gegen das Gefühl, alles schaffen zu können, aktiv und energiegeladen zu sein, sich um nichts und niemanden Sorgen machen zu müssen? Doch irgendwann wird das Ziehen im Bauch so stark, dass die 26-Jährige doch zum Arzt geht. Als die Schwangerschaft festgestellt wird, ist Ida S. bereits in der 25. Woche. Das Baby im Bauch ist viel zu klein und wird sich vermutlich auch bis zur Geburt nicht "normgerecht" entwickeln. Denn Ida S. ist abhängig. Abhängig von Crystal Meth, einer Droge die leicht und billig zu haben ist, die alle Gesellschaftsschichten in Thüringen durchzieht.

Die Szene um Ida S. ist fiktiv. Was nicht heißt, dass sie sich nichte eben genau so abspielt, hinter verschlossenen Türen. Im Gegenteil. "Etwa drei Prozent der Schwangeren sind drogenabhängig", weiß Alexandra Erdmann, Referentin der Fachstelle Crystal Meth in der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen (TLS). Sie sollen jetzt besondere Hilfe erfahren. Und zwar am Universitätsklinikum in Jena. Dort wurde in den vergangenen Jahren ein Modellprojekt initialisiert, das zwar noch keinen Namen hat, wohl aber beispiellos bei der Betreuung von drogenabhängigen Schwangeren in Thüringen ist. Sich insbesondere um die Frauen kümmert, die nicht von Crystal Meth loskommen.

Crystal Meth vor allem bei Frauen "beliebt"

Alexandra Erdmann und Ekkehard Schleußner im Gespräch.
Alexandra Erdmann und Prof. Schleußner sprechen über das neue Projekt am Universitätsklinikum Jena. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Crystal Meth und Frauen, so abwegig ist das nämlich nicht. Der gesellschaftliche Druck, allem gerecht zu werden, ist hoch, der Arbeitgeber fordert effizienten und vollen Einsatz, die Familie will umsorgt, der Haushalt gemacht werden. All das muss unter einen Hut gebracht werden. Und Crystal Meth verspricht genau das. Du wirst leistungsfähiger, der Druck prallt von dir ab, du kannst alles schaffen. "Du fühlst dich wie Gott", berichtet ein Süchtiger. Hinzu kommt, dass die Droge mehr Bock auf Sex macht, das Risiko dann eben auch mal auf Pille und Kondom zu verzichten, größer wird. Und die Frauen schwanger werden.

Da setzt bei vielen zum ersten Mal der Gedanke ein, jetzt im Leben etwas ändern zu wollen, dem ungeborenen Kind eine Zukunft zu bieten, es auf jeden Fall behalten zu wollen.

Alexandra Erdmann, Referentin für Crystal Meth, TLS

Und genau da will das Pilotprojekt ansetzen, denn in den meisten Fällen kommen die Neugeborenen nach der Geburt in Pflegefamilien, da die Mütter aufgrund ihrer Drogensucht sie nicht ausreichend versorgen können.

Case Managerin in Jena bündelt Netzwerkpartner

Es gebe in Thüringen bereits viele Angebote für drogensüchtige Schwangere, alle würden aber bisher mehr oder weniger nebenher laufen, sagt Prof. Dr. Ekkehard Schleußner. Der Direktor der Geburtsmedizin am Uniklinikum in Jena weiß, wovon er spricht, auch er hat bereits Crystal-Meth-abhängige Schwangere behandelt, die Tendenz mal stagnierend, mal steigend. Das lasse sich nicht an Zahlen festmachen, aber Crystal Meth und Schwangersein - das sei kein kleines Thema mehr auf der Jenaer Geburtsstation. "In Thüringen selbst gibt es keinen konkreten Hotspot. Die Droge ist leicht, schnell und vor allem günstig zu haben", weiß auch Prof. Schleußner. Mit dem Pilotprojekt sollen nun vorhandene Kapazitäten von Beratungs- und medizinischen Stellen noch besser genutzt und vor allem vernetzt werden.

Uniklinik Jena
Zunächst drei Jahre lang soll eine Case Managerin die drogenabhängigen Schwangeren an der Uniklinik in Jena betreuen. Bildrechte: dpa

Bleiben wir also bei Ida S.. Die Schwangere kommt zum Frauenarzt. Der wiederum erkennt ihre Drogensucht und setzt sich daraufhin mit der Case Managerin im Uniklinikum in Jena in Verbindung. Hier laufen alle Fäden zusammen. Der Berater soll Ida S. auffangen, ganz ohne Vorurteile, ihr unbürokratisch und schnell Hilfe anbieten, mit ihr zu den Behörden gehen und an die verschiedenen Netzwerkpartner wie Suchtberatungsstellen, Psychiatrie und auch Jugendamt weitervermitteln.

"Netzwerkpartner sollen sensibilisiert werden und auch keine Scheu vor dem Thema haben. Eine relativ späte Erstvorstellung beim Frauenarzt, Untersuchungstermine, die nicht eingehalten werden, eine Schwangere, die wie unter Strom steht - das alles sind Indizien dafür, dass die Frau Drogen nimmt", weiß Prof. Schleußner aus eigener Erfahrung.

Projekt in Dresden: "Mama, denk an mich"

Dass dieses Konzept des Netzwerkens und Betreuens funktioniert, zeigt das Beispiel "Mama, denk an mich" am Uniklinikum in Dresden. Hier wurden bereits zahlreiche Crystal-Meth-abhängige Mütter und Schwangere versorgt und auch mithilfe von Langzeit-Therapien von ihrer Sucht geheilt. Mit dem Ziel: Mutter und Kind bleiben nach der Geburt zusammen. "Da setzt auch das Jenaer Pilotprojekt an. Wir wollen erreichen, dass das Kind der Mutter nicht weggenommen wird und sie es, ohne das Kindswohl zu gefährden, selbst versorgen kann", sagt Alexandra Erdmann von der TLS MDR THÜRINGEN.

Symbolbild: Crystal Meth
Thüringen zählt beim Konsum von Crystal Meth zu den Hochburgen innerhalb Deutschlands (Symbolfoto). Bildrechte: IMAGO

Bereits seit 2017 laufen die Planungen für das Vorhaben, dass später - bei Erfolg - auch in anderen Thüringer Städten initialisiert werden soll. Denn obwohl die Zahl der Crystal-Meth-Abhängigen im Freistaat seit zwei Jahren auf hohem Niveau stagniert - die Zahl derer, die während der Einnahme gewollt oder ungewollt schwanger werden, ist hoch. Allein im vergangenen Jahr geht die TLS von circa 13.000 Crystal-Meth-Abhängigen aus. Die Kosten für das Gemeinschaftsprojekt vom Uniklinikum Jena, der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen und dem Thüringer Gesundheitsministerium liegen bei etwa 100.000 Euro. Der oder die Case Manager/in soll bereits im Frühjahr 2020 mit der Arbeit beginnen. "Wir freuen uns sehr, dass es nach den langen Planungen endlich losgehen kann", sagt Prof. Schleußner - und so nicht nur Ida S., sondern zahlreichen drogenabhängigen Schwangeren auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben geholfen werden kann.

* Name und Szene fiktiv

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Mittag | 09. März 2020 | 12:00 Uhr

11 Kommentare

Critica vor 28 Wochen

Wenn diese Leute von "normalen" Menschen vor den Folgen von Alkohol, Drogen etc. gewarnt werden, bekommen die "normalen" Menschen noch ein Messer zwischen die Rippen oder eine Flasche auf den Kopf.
Ich jedenfalls bleibe bei meiner Meinung s.o.

CrizzleMyNizzle vor 28 Wochen

Stimmt schon ein Stück weit, aber unsere Gesellschaft zeichnet sich eben dafür aus dass allen geholfen wird, egal was passierte.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten dass wir die Menschen alleine lassen, das wiederum ist auch eine Gefahr für die "normalen" Menschen - gerade so Methleute sind gefährlich oder besser gesagt unberechenbar.

Critica vor 28 Wochen

Liebe Lyn,
Sie scheinen ja Mutter Teresa in Person zu sein :). Natürlich muss man helfen, wenn jemand in Not gerät. Und glauben Sie mir, ich tue dies auch. Aber wenn jemand blauäugig in sein eigenes Unglück läuft (in diesem Falle nicht verhütet), sich besäuft und bekifft und dann zu Schaden kommt, dann bin ich nicht mehr bereit, zu helfen.
Was die von Ihnen genannten Versicherungen betrifft, so zahlen alle immense Summen, weil es beispielsweise immer wieder Menschen gibt, die betrunken oder bekifft oder daddelnd Auto fahren müssen etc. pp. Es mag sein, dass Sie das gerecht finden. Ich nicht und viele andere auch nicht.

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