"Wie sag ich's meinen Schülern?" Die Thüringer Regierungskrise im Sozialkunde-Unterricht

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Seit Thomas Kemmerich (FDP) zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt worden ist, scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Überall wird diskutiert, wie es jetzt in Thüringen weitergehen soll. Niemand kann wirklich alle Fragen beantworten, die im Raum stehen. Wie ist das für Jugendliche? Wer hilft ihnen, das alles zu verstehen? Vielleicht der Sozialkunderlehrer? Der ist ja eigentlich für die politische Bildung zuständig. Aber kann er das? Bekommt er selbst Unterstützung?

Ein Lehrer steht vor einer Tafel.
Etwa die Hälfte der Schüler beschäftigt die Regierungskrise, schätzt Lehrer Mike Stieber. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Lehrer Stieber: "Die Schüler empört zu viel Einseitigkeit"

Mike Stieber ist seit 1999 Lehrer in Jena. Studiert hat er Politik und Geschichte. An der Karl-Volkmar-Stoy-Schule unterrichtet er Gymnasiasten und Berufsschüler.  

Und tatsächlich kamen Schüler mit ihren Fragen zu ihm. "Ich hatte sogar einen Tag nach der Wahl eine Mail von einem Schüler, der fragte, wie es jetzt weitergehen soll. Die meisten wollten aber, dass ich ihnen erkläre, warum denn der gewählte Ministerpräsident nicht einfach regieren kann."

Grundsätzlich, so Stieber, interessieren sich höchstens 50 Prozent der Schüler für aktuelle Politik. Andere nehmen auch keine Nachrichten wahr. Umso wichtiger ist sein Unterricht.

Und damit sieht sich der Sozialkundelehrer in einer besonderen Verantwortung: "Sie müssen in jedem Fall immer besser informiert sein als die Schüler. Egal, worum es geht." Auf Hilfe wartet er dabei nicht: "Sie müssen selber recherchieren, Sie können nicht warten, dass Ihnen jemand etwas anbietet. Das gehört zu den Grundkompetenzen von Politik- oder Sozialkundelehrern. Ich nutze hauptsächlich die Medien."


Landespolitik auch Thema im Lehrerzimmer

Es kommen auch immer wieder Fragen aus der Klasse, die zeigen, dass er als Experte für Politik an der Schule gilt: "Was ist Demokratie überhaupt? Wie funktioniert die in Deutschland? Welche Optionen haben wir hier? Wie funktioniert parlamentarische Demokratie gerade in solchen Krisenzeiten – da erwarten die Schüler Antworten. Und auch zu Recht, wie ich finde."

Ein Schulgebäude von außen.
Nicht nur an der Karl-Volkmar-Stoy-Schule in Jena ist die Landespolitik Thema - sowohl im Klassen- als auch im Lehrerzimmer und auf dem Schulhof. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Diesmal waren es sogar Kolleginnen, die sich bei ihm Rat holen wollten. "Am Freitag saßen hier im Lehrerzimmer Kolleginnen, die erwarteten von mir eine Erklärung, wie es jetzt in Thüringen weitergeht. Und die ersten empörten Stimmen bezogen sich auf die Aussagen der Kanzlerin, dass das Geschehene zurückgenommen werden müsse. Da entstand wirklich ein unguter Eindruck."

"Aber wenn Lehrer anderer Fächer ihre persönliche politische Meinung im Unterricht anbringen, sprechen mich die Schüler beispielsweise auch darauf an. Und zu viel Einseitigkeit empört die Schüler dann auch. Dann muss ich hier auch die Lehrer hier auch ein wenig mit 'beschulen'."


Schüler früher politisch bilden

Insgesamt war es ganz gut, dass er in den Ferien jetzt etwas Zeit zum Lesen und Sortieren hatte. Aber eines überrascht Mike Stieber doch: "Als die NPD ihr Hoch hier in Thüringen hatte, hatten wir deutlich mehr kontroverse Diskussionen. Heute ist es wesentlich ruhiger. Es gibt unter den Schülern kaum radikale Positionen. Ich habe das Gefühl, die wissen gar nicht, wofür die AfD beispielsweise steht."

Und das macht ihm schon Sorgen. Auch, dass so wenige seiner Schüler zur Wahl gegangen sind. Denn, so Stieber: "Demokratie funktioniert nur gut mit Menschen, die politisch gebildet sind."

Mike Stieber ist der Meinung, dass es Sozialkundeunterricht unbedingt schon ab Klasse fünf und mit mindestens doppelt so vielen Stunden geben müsste.


Eine Schülerin aus Weimar: Geschehnisse haben aufgerüttelt

Natascha Kößl ist Schülersprecherin am Humboldt-Gymnasium in Weimar. Da weiß sie natürlich, was unter den Jugendlichen diskutiert wird: "Die meisten haben sich gefragt, ob die Wahl mit der AfD abgesprochen war. Ich habe noch nie eine so turbulente Diskussion über ein solches Thema erlebt. Und es haben sich auch Leute beteiligt, die sich sonst nicht für Politik interessieren."

Eine Schülerin steht vor einer Wand mit Bildern.
Schülersprecherin Natascha Kößl erkennt, dass derzeit durchaus viele Schüler Interesse an Politik zeigen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und gerade durch die sozialen Medien sind Informationen deutlich schneller zugänglich. Aber man wird auch mit sehr viel mehr Meinungen konfrontiert, sagt Natascha. "Da ist es nicht leicht, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Ungewöhnlich war natürlich auch, dass Thüringen plötzlich so im Fokus stand. "Artikel über uns standen in der 'New York Times', die 'BBC' hat berichtet, auf der ganzen Welt gucken die Leute nach Thüringen. Das beschäftigt uns junge Menschen schon."

Irgendwie hatte Natascha das Gefühl, die Geschehnisse haben aufgerüttelt, wach gemacht. "Viele von meinen Freunden sind ja inzwischen 18 geworden. Und sollte es Neuwahlen geben, könnten wir mitwählen." Sie selbst interessiert sich schon lange für Politik, hat letztes Jahr auch "Jugend debattiert" gewonnen.


Schule als Raum für politische Diskussionen

Eine höhere Aggressivität in der Diskussion hat sie nicht wahrgenommen. Zumindest nicht in der "realen Welt". In den sozialen Medien schon. Ein großes Problem ist es dagegen für Schüler, zu entscheiden, was darf ich sagen und was nicht. Stichwort "Political Correctness". Und da sieht Natascha eine wichtige Aufgabe der Schule, speziell des Sozialkundeunterrichts: "Warum sagen wir manche Dinge nicht? Was ist der historische Hintergrund? Kaum jemand in meinem Alter kann begründen, warum Begriffe wie 'völkisch' oder 'patriotisch' problematisch sind. Darüber muss man aber reden!"

Für Lehrer ist es aus ihrer Sicht momentan schwer, klare Aussagen zu machen. Niemand konnte sich ja auf die Ereignisse vorbereiten. "Außerdem kann ich als Schüler ja viel mehr sagen als ein Lehrer. Der muss ja neutral sein." Aber sie findet, die Schule muss den Raum für Diskussionen zu aktuellen Themen bieten. "Mit den Eltern und Lehrern kann man über das, was gerade in Thüringen passiert, nicht so gut reden wie mit seinen Mitschülern."

Dazu gehört aus ihrer Sicht auch, dass der Sozialkundeunterricht viel früher anfangen müsste. "Warum soll man nicht mit zwölf Jahren schon verstehen, was Demokratie ist? Und was sie kann oder eben nicht."

Der Plenarsaal des Thüringer Landtag.
Was in der Politik kontrovers diskutiert wird, soll ebenso kontrovers im Unterricht dargestellt und diskutiert werden - so steht es im Beutelsbacher Konsens. Er legt die Grundsätze für die politische Bildung fest. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Junge Generation möchte einbezogen werden

Jugendliche rütteln oft an verkrusteten Strukturen. "Fridays for Future" begann als Schülerstreik. Haben Natascha und ihre Freunde erwartet, dass die Ereignisse in Thüringen solche Wellen schlagen würden? "Auf keinen Fall, das haben wir nicht erwartet, schon gar nicht gehofft. Aber die AfD beschäftigt junge Leute schon. Kann es sein, dass die mich irgendwann regieren? Was passiert dann?"

Natascha bezeichnet die Thüringer Ereignisse als Regierungskrise. Sie findet, dass langsam mal klare Ansagen kommen müssen: "Im Sinne der Demokratie ist es wichtig, dass schnell etwas passiert." Und vor allem sollte auch die junge Generation gefragt werden, was sie eigentlich will. Darin sind sich Natascha und die anderen absolut einig.


Hintergrund: Nachholbedarf bei politischer Bildung

Im Bereich des fachlichen Lernens in Politik/Sozialkunde wird die Lage in Thüringen von Fachleuten als mangelhaft eingeschätzt. Der Freistaat ist in diesem Bereich von den Entwicklungen in der Bundesrepublik abgehängt und bildet nach einer Studie der Universität Bielefeld das Schlusslicht der politischen Bildung.

Sozialkunde setzt mit dem achten Jahrgang an Regelschulen und dem neunten Jahrgang an Gymnasien ein und ist das Fach mit dem geringsten Anteil an der Stundentafel Thüringens (1,2 Prozent am Gymnasium, 1,5 Prozent an der Regelschule).

Michael Kummer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen sagt dazu: "Wir brauchen deshalb in Thüringen politische Bildung ab der 5. Klasse in allen Schulformen mit zwei Stunden pro Woche sowie eine gut ausgebaute Oberstufe mit Leistungskursen."

Laut Michael May, Professor für Didaktik der Politik an der Universität Jena, sind nur 45 Prozent der Sozialkunde-Lehrerinnen und -lehrer als solche ausgebildet. Im Schuljahr 2014/15 hatten in Thüringen von den 774 Lehrkräften an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, die Sozialkunde unterrichteten, 421 keine Lehrbefähigung

Die Kultusminister sind sich darüber im Klaren, dass die politische Bildung verbessert werden muss. Es gibt dazu einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, den man im im Thüringer Schulportal nachlesen kann ("Beschluss Demokratieerziehung").

Aus dem Beutelsbacher Konsens: 1. Das Überwältigungsverbot – oder auch Indoktrinationsverbot –besagt, dass die Lehrkräfte den Schüler*innen nicht ihre Meinung aufzwingen dürfen, denn das Ziel ist ja die Heranbildung von mündigen Bürger*innen.

2. Das Kontroversitätsgebot: Was in der Wissenschaft oder Politik kontrovers diskutiert wird, muss ebenso kontrovers dargestellt und diskutiert werden, wobei damit explizit nicht ein Neutralitätsgebot der Lehrkraft gemeint ist.

3. Die Schüler*innen müssen in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und ihre eigene Interessenlage zu analysieren.

Ralph Leipold ist Leiter des Schulamts Mittelthüringen. Auch bei ihm haben sich schon Eltern beschwert, dass in der Schule zu einseitig diskutiert werde.

Leipold weiß genau um die große Verantwortung der Lehrer in solchen politisch schwierigen Zeiten. Aus seiner Sicht übrigens nicht nur in Sozialkunde: "Natürlich gilt der Beutelsbacher Konsens. Aber wenn der substanzielle Kern von Demokratie in Frage gestellt wird, dürfen Lehrer nicht neutral sein. Beamte schwören bei ihrer Vereidigung, das Grundgesetz zu wahren. Dieser Verpflichtung müssen sie gerecht werden."

Aus seiner Sicht ist es wichtig, Heranwachsenden zu erklären, was demokratisch ist und was nicht. Dann können sie selbst ihre Schlüsse ziehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. Februar 2020 | 19:00 Uhr

21 Kommentare

Eulenspiegel vor 40 Wochen

Also ich denke das ist schon eine problematische Situation für eine Sozialkundelehrer. Denn aus meiner Sicht hat dieses Fach zuerst die Aufgabe die demokratische Struktur unseres Staates und die Rechte des Bürgers gegenüber diesen Staat nahe zu bringen. Ich denke aber das man Schülern durchaus erklären kann das Teile der AfD als Verfassungsfeindlich eingestuft werden. Das diese Partei auch aus diesem Grund für den Verfassungsschutz ein Beobachtungsfall ist. Das die anderen Parteien aus diesem Grund nicht mit dieser Partei keine Koalition eingehen wollen. Das die AfD dann einen Trick angewandt hat der durchaus nach dem rechtmäßig ist. Dadurch wurde aber ein Kandidat einer 5 % Partei plötzlich Ministerpräsident von AfD Gnaden und hätte wohl kam ohne die AfD regieren können. Ich denke das wirft dann viele Fragen auf. Z.B. wie geht ein demokratischer Staat mit einer Partei um bei der vermutet wird das zumindest Teile dieser Partei das Ziel haben unsere Demokratie zu zerschlagen

nasowasaberauch vor 40 Wochen

Was hat denn der Lehrer den Schülern nach der Wahl in Thüringen erzählt ohne sein Neutralitätsgebot zu verletzen? Kontroverse Diskussion ohne Indoktrination geht das überhaupt, weil doch jeder Lehrer eine eigene Meinung hat und Diskussionen lenken kann. Auf den Lehrplan gehört: Wie funktioniert Demokratie und sind die aus ihr entstehenden Ergebnisse zu respektieren oder sind sie nur ein belangloser Vorschlag, der jederzeit rückgängig gemacht werden kann.

Paule vor 40 Wochen

@Bernd L. Hitler und seine NSDAP sind damals sehr wohl ganz legitim und demokratisch gewählt wurden, genauso wie heute die AFD. Es gibt genügend Dokumentationen, Bücher und Berichte darüber. Es ist wohl eher erschreckend, wie viele Menschen heute mit dem Hintergrundwissen, direkte Sympathisanten und Mitläufer sind, oder wieder die Augen verschließen und gewähren lassen. Am Ende will dann wieder niemand etwas davon gewusst haben! Es gibt heute - wie damals - wieder Todeslisten und bewaffnete rechte Terrorzellen. Man lässt heute wieder von Rechten, die Demokratie mit demokratischen Mittel verbiegen und aushöhlen. Und genau deshalb muss man sich heute auch der moralischen Richtigkeit eine Wahl bewusst werden.

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