Thüringen | Bayern | Sachsen Mordfall Ramona beschäftigt Ermittler in drei Ländern

Verdeckte Ermittler sollen dem Verdächtigen zum Mord an der zehnjährigen Ramona aus Jena eine Falle gestellt und sich dabei als Mädchenhändler ausgegeben haben. Das Thüringer Oberlandesgericht bewertet das Vorgehen als nicht zulässig und setzte den 76-Jährigen auf freien Fuß. Mittlerweile wurde der Mann in Sachsen allerdings wieder festgenommen - wegen eines ebenfalls lange zurückliegenden Falls in Bayern.

Der zunächst aus der U-Haft entlassene 76-jährige Tatverdächtige im Mordfall "Ramona" ist wieder festgenommen worden. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN hat die Staatsanwaltschaft Schweinfurt gegen ihn Haftbefehl wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen beantragt. Der Mann soll im Laufe des Freitags einem Haftrichter im sächsischen Zwickau vorgeführt werden, da er in der Region lebt. Die Bewährungsstrafe soll sich auf eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Verurteilung beziehen.

Fall "Ramona": Mögliche Ermittlungspanne führt zu Freilassung

Der im Januar 2019 im Mordfall "Ramona" festgenommene mehrfach vorbestrafte Sexualtäter Wilfried M. war vergangene Woche überraschend aus der U-Haft entlassen worden. Wie am Donnerstag bekannt wurde, hatte das Oberlandesgericht in Jena den Haftbefehl gegen den Verdächtigen aufgehoben. Von der Thüringer Polizei beschaffte Beweise seien vor Gericht nicht verwertbar, deshalb bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, so ein Sprecher. Die Polizeibeamten seien über das Ziel hinausgeschossen.

Verdeckte Ermittler geben sich als Mädchenhändler aus

Die verdeckten Ermittler hatten sich das Vertrauen des tatverdächtigen früheren Fremdenlegionärs erschlichen und ihm eine Falle gestellt. Nach Angaben des Oberlandesgerichts gaben sich die Polizisten dabei als Mitglieder eines international agierenden Mädchenhändlerrings aus, die an der Mitarbeit des Mannes interessiert seien. Später unterbreiteten sie dem Rentner einen Plan, wie er eine Inhaftierung umgehen könne.

Demnach sollen die Ermittler dem 76-Jährigen angeboten haben, dass - gegen Bezahlung - jemand anderes für ihn ins Gefängnis geht. Bei dem vermeintlichen Helfer handele es sich um einen an Krebs erkrankten Mann, der mit dem Geld seine Familie versorgen wolle. Damit er mit seinem gefälschten Geständnis überzeugt, müsse der Strohmann glaubwürdige Angaben zum Tathergang machen können - und diese Informationen sollte der unter Tatverdacht stehende Rentner liefern.

Soko Altfälle stellt Verdächtigem eine Falle

Der 76-Jährige ließ sich darauf aber nicht ein und beteuerte weiterhin, so heißt es beim Oberlandesgericht, "mit dieser Tat nichts zu tun zu haben". Später bewegten die verdeckten Ermittler den Mann sogar noch dazu, zum Entführungsort in Jena und zum Fundort der Leiche in einem Wald bei Eisenach mitzukommen, um so an mögliches Täterwissen zu gelangen. An diesem Punkt hätten die Polizisten dem Beschuldigten eine Falle gestellt, die ihre Befugnisse überschreiten, so das Gericht. "Sämtliche im Rahmen dieser Vorgehensweise gewonnen Erkenntnisse" dürften deshalb nicht als Beweise verwendet werden.

Die zehnjährige Ramona Kraus war im August 1996 aus Jena verschwunden, im Januar 1997 wurde ihre Leiche entdeckt. Die Ende 2016 gegründete "Soko Altfälle" rollte den Fall neu auf, wobei der 76-Jährige erneut in den Fokus der Ermittlungen geriet. Bereits unmittelbar nach dem Verbrechen waren Verbindungen zwischen ihm und dem Mord geprüft worden, damals hatte sich der Verdacht gegen ihn allerdings nicht erhärtet. Im Zuge der neuen Ermittlungen wurde der Mann im Januar 2019 in Erfurt festgenommen.

Pressekonferen zum Mordfall Ramona
Im Januar hatte die "Soko Altfälle" auf einer Pressekonferenz in Weimar die Festnahme im Fall Ramona bekannt gegeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Festnahme wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen

Dass er nach seiner Freilassung vergangene Woche nun wieder ins Gefängnis soll, hängt allerdings nicht mit dem Mordfall "Ramona" zusammen. Der 76-Jährige war laut Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein 1999 in Schweinfurt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt worden und danach unter heute noch geltenden Bewährungsauflagen freigekommen. Er soll zwischenzeitlich allerdings gegen ein Kontaktaufnahmeverbot zu Mädchen verstoßen haben. Weil der Mann im sächsischen Vogtland lebt, wird er am Freitag einem Haftrichter in Zwickau vorgeführt.

Ermittlungspanne? Forderung nach mehr Kontrolle Die mögliche Ermittlungspanne hat bereits die Politik erreicht. Der innenpolitische Sprecher der Linken-Landtagsfraktion in Thüringen, Steffen Dittes, fordert mehr parlamentarische Kontrolle. Dittes schrieb online, "Nachrichtendienstähnliche Befugnisse, insbesondere der Einsatz von Vertrauenspersonen, müssten künftig auch durch einen Ausschuss kontrollierbar sein."

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 09. August 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 12:35 Uhr

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5 Kommentare

09.08.2019 22:15 Klartexter 5

In Bayern ist die Welt eben noch in Ordnung!

09.08.2019 20:06 Achnee 4

Der Einsatz von Vertrauenspersonen muss durch einen Ausschuss kontrollierbar sein, heißt es. Ja, und wer kontrolliert dann den Ausschuss. Und durch wen werden die Kontrolleure kontrolliert, die den Ausschuss kontrollieren?
Ist das nicht zum Piepen?
Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber... Heinrich?

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