Verrentungswelle Blick in die Zukunft: Auch Jena droht Fachkräftemangel

Die große Verrentungswelle bedroht den wirtschaftlichen Erfolg von Jena und dem Saale-Holzland-Kreis. Bis 2030 muss die Stadt mindestens 18.000 neue Fachkräfte finden. Der benachbarte Kreis hat derartige Zahlen noch nicht einmal erhoben. Lösen können sie das Problem nur gemeinsam. Denn das dringendste Problem ist der fehlende Wohnraum, um den neuen Bewohnern eine Perspektive geben zu können.

Blick über Jena mit dem Jentower mit dem Schriftzug intershop und dem Gelände von Jenoptik, 2011
Tausende Arbeitnehmer gehen in den kommenden Jahren in der Stadt an der Saale in Rente. Bis 2030 braucht Jena bis zu 18.000 neue Mitarbeiter. Bildrechte: dpa

Finanziell steht Jena etwas klamm da. Gerade hat die Stadt die Haushaltssperre noch einmal verlängert. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen, denn wirtschaftlich ist noch alles in bester Ordnung. Die Unternehmen wachsen und damit steigt auch die Zahl der Beschäftigten. Zwischen 2013 und 2018 nahm sie um fast 5.000 zu. Das ist weit über dem Thüringer Niveau.

Bis 2030 werden 18.000 neue Mitarbeiter gebraucht

Doch im kommenden Jahrzehnt wird man sich in Jena warm anziehen müssen. Die große Verrentungswelle bricht auch über die erfolgsverwöhnte Saalestadt herein. Tausende Arbeitnehmer, Garant des wirtschaftlichen Erfolgs und Grundlage der Jenaer Zukunftswette, gehen in den Ruhestand. Im Auftrag der Wirtschaftsförderungsgesellschaft lieferte das Zentrum für Sozialforschung Halle bereits im letzten Jahr eine besorgniserregende Prognose: Bis 2030 brauchen die Jenaer Unternehmen 17.280 neue Mitarbeiter. Und wenn die Wirtschaft - zumindest in geringem Maße - weiter wachsen soll, müssen dazu noch wenigstens 1.020 Mitarbeiter hinzukommen. Der Gesamtbedarf liegt also bei gut 18.000 Mitarbeitern, die nach Jena kommen müssen.

Fachkräfte aus In- und Ausland gefragt

Das Problem dabei: Wegen der geburtenschwachen Jahrgänge der vergangenen Jahrzehnte lässt sich dieses Personal kaum aus den eigenen Reihen rekrutieren. Jena muss sich stärker noch als früher um Zuwanderung bemühen. Fachkräfte aus anderen Teilen Deutschlands und der Welt müssen her. Die Autoren der Fachkräftestudie sehen hier einen Bedarf von rund 12.000 Menschen, um den Verlust durch die Rentenwelle auszugleichen. Der Rest könnte aus der lokalen Bevölkerung kommen.

Forschung in Jena - Beutenberg Campus
In Jena wächst die Zahl der Mitarbeiter in Unternehmen stetig - noch. Bildrechte: MDR/Jörg Glindmeyer

Die Stadtverwaltung hat sich auf das künftige Problem eingestellt. Mit einem personell gut ausgestatteten Welcome-Center will die Stadt Lobbyarbeit für die Wirtschaft machen. Dabei gehe es vor allem darum, die "Jenaer Willkommenskultur in den Vordergrund zu rücken und Internationalisierungslotse für die Unternehmen zu sein", erklärt Marina Flämig von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft JenaWirtschaft. Als Leiterin des Standortmarketings weiß sie, dass "die endogenen Potenziale" künftig nicht mehr reichen werden. Heißt: Jena muss vor allem attraktive Perspektiven für Arbeitnehmer aus Deutschland und dem Ausland bieten. Denn die gut ausgebildeten Fachkräfte, die sich die Unternehmen vor Ort erhoffen, werden auch von anderen Regionen heiß umworben.

Ein Problem bleibt: Kaum Bauplätze und Wohnungen

Jena ist zweifelsohne eine weltoffene, attraktive und besonders junge Stadt. Aber sie birgt mindestens ein Risiko, das auch die Autoren der Fachkräftestudie betonen: es gibt nicht genug Wohnraum. Um neuen Mitarbeiter langfristig zu halten, müssen sie ihre Familien mitbringen können oder in die Lage versetzt werden, Familien zu gründen. In den kommenden Jahren wird fleißig gebaut und saniert. Der Fokus liegt sowohl auf preisgünstigem Wohnraum, aber auch auf dem gehobenem Segment. 5000 Wohneinheiten sollen in zehn Jahren entstehen. "Jena muss seine Hausaufgaben machen", sagt Wilfried Röpke, Chef der Jenaer Wirtschaftsförderungsgesellschaft mit Blick auf die brisante Wohnungssituation. Um ausreichend qualifizierte Fach- und Führungskräfte in die Stadt zu holen, reichen die Bauvorhaben der Stadt aber nicht. Abgesehen davon kann Jena kaum noch Wohnbauflächen ausweisen. Schon gar nicht für Einfamilienhäuser.

Viele Pendler aus Saale-Holzlandkreis

Spätestens an diesem Punkt kommt der benachbarte Saale-Holzland-Kreis ins Spiel. Dort gäbe es den Platz, der Jena fehlt. Auch wenn nicht jeder Gefallen an den zumeist gesichtslosen Eigenheimsiedlungen auf der grünen Wiese findet, wären sie aber eine Lösung, den neuen Fachkräften und ihren Familien eine dauerhafte Perspektive zu geben. Wie eng Jena und der Saale-Holzland-Kreis verflochten sind, zeigt schon die Zahl der Pendler zwischen beiden so genannten Gebietskörperschaften. 2018 kamen fast 26.000 der Jenaer Beschäftigten aus dem Landkreiskreis, mehr als 11.000 Menschen wohnen dagegen in Jena und arbeiten in einem Unternehmen außerhalb der Stadt. Um künftigen Neuankömmlingen Wohnraum zu geben, setzt die Kreisverwaltung aber eher auf sanierte DDR-Wohnblöcke und historische Bausubstanz in den Kleinstädten und Dörfern. Mit neuen Bauflächen tut man sich schwer.

Agentur für Bau- und Sanierungsprojekte

Thomas Nitzsche, Jenas neuer Oberbürgermeister
Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP). Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

Dazu passt auch eine Initiative der regionalen Wohnungswirtschaft, an der die Jenaer federführend beteiligt sind. Gemeinsam mit Bürgermeistern im Landkreis sollen nachhaltige Wohnbauprojekte entwickelt werden mit möglichst guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. "Ein Projekt, das aber Zeit brauche, damit man nicht denen hinterher laufe, die am lautesten schreien", erklärte Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP). Das Ganze könne in einer Art Agentur münden, die dann einen Überblick über die zahlreichen Bau- und Sanierungsprojekte im Kreis habe. Das Abseits der Verwaltungsstrukturen sind Jena und der Saale-Holzland-Kreis längst als zusammenhängender Wirtschafts- und Lebensraum zu denken.

Fachkräfte aus Ukraine und Vietnam im SHK

Im vergangenen Sommer wurde das erste gemeinsame Gewerbegebiet bei Rothenstein angekündigt. Auch die schon eng verflochtenen Verkehrsunternehmen Jenaer Nahverkehr und JES werden in den nächsten Jahren fusionieren. Das schafft Synergien, die sich hoffentlich auch in einer besseren Erschließung dieses Wirtschaftsraumes mit knapp 200.000 Einwohnern niederschlagen. Auch die Unternehmen im Saale-Holzland-Kreis werden nicht von der Verrentungswelle verschont bleiben. Die Folgen sind hier noch nicht untersucht worden. Eine in die Zukunft gerichtete Fachkräftestudie gibt es nicht.

"Ich will keine Gastarbeiter, ich will neue Bürger"

Landrat Andreas Heller
Andreas Heller, Landrat des Saale-Holzland-Kreises
Kümmert sich persönlich um Wirtschaftsförderung im SHK: Andreas Heller (CDU), Landrat des Saale-Holzlandkreises. Bildrechte: IMAGO

Mit Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung ist im Landratsamt von Eisenberg nur ein Mitarbeiter betraut. Um viele Dinge kümmert sich Landrat Andreas Heller (CDU) persönlich. So kündigte er an, dass er eine Anwerbeoffensive für Fachkräfte in Südosteuropa, der Ukraine und Vietnam starten wolle. Sie sollen direkt vor Ort angesprochen werden. Heller wünscht sich, dass sie dann mit ihren Familien im Saale-Holzland-Kreis eine Heimat finden - und bleiben. "Ich will keine Gastarbeiter, ich will neue Bürger", sagte er vor Unternehmern in Jena.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 15. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 21:04 Uhr

2 Kommentare

Mike82 vor 5 Wochen

Was soll man dazu sagen. Nach Lehrermangel, nach Polizeimangel, nach Ärztemangel, nach dem kommenden Richtermangel zeigt sich wieder einmal mehr, wie toll unsere Politiker weitblickend unser Land regieren. Regieren?
Das Wirtschaftsministerium ist traurig, dass die Fachkräfte fehlen. Und das Problem entstand im Familienministerium vor Jahren. Wenn Frauen keine Kinder mehr in unserem Land bekommen wollen, weil die Politik Rahmenbedingungen geschaffen hat, die für Mütter und Kinder unerträglich sind, dann wird es auch in 20 Jahren noch weniger Fachkräfte geben. Und ich kann jede Frau verstehen, die inzwischen sich gegen Kinder entscheidet. Würde ich als Mann unter solchen gesetzl. Bedingungen auch machen! So ist das eben. Wir sähen heute, was wir morgen ernten. Das wussten unsere Vorfahren ganz genau. Nur die heutige Politik denkt sie ist schlauer!

Grooveman vor 5 Wochen

Eigentlich ist die Sache ziemlich einfach lösbar. Eisenberg etc. wurde genannt, aber auch Kahla, Orlamünde und vor allem auch Pößneck hat Kapazitäten und Platz. Zudem wäre es so möglich endlich wieder LEBEN in diese Städte und das Umland zu bringen, was neben dem Handel, der Service- Wirtschaft z.B. auch die Kultur betrifft.
Was aber ganz klar geregelt werden muß, ist die Infrastruktur. So könnte es z.B. auf der Schiene eine S- Bahn Verbindung von Pößneck über Kahla auf der bekannten Strecke geben. Allerdings eine ZUVERLÄSSIGE Schienenverbindung. Die Deutsche Bahn der Neuzeit ist ja offenbar dazu nicht in der Lage. Jena müßte zudem seine Verkehrprobleme auf der Straße lösen. Auch da sehe ich seit Jahren keinerlei erkennbaren Willen, noch die Ideen dazu.

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