In einer Schneiderei mit mehreren Mitarbeiterinnen fährt eine Frau mit Bügeleisen aus Gusseisen über ein Kleidungsstück
In Kigalis Schneidereien kommen noch Bügeleisen aus Gusseisen zum Einsatz. Bildrechte: Paul Böger

Mit Afrika-Klischees aufräumen Student aus Jena produziert Mode in Ruanda

Ein Jenaer Student produziert Mode in Ruanda für den deutschen Markt. Die Kollektionen verbinden europäische Kleidung mit afrikanischen Motiven - und das ökologisch produziert und fair gehandelt.

von Olaf Nenninger

In einer Schneiderei mit mehreren Mitarbeiterinnen fährt eine Frau mit Bügeleisen aus Gusseisen über ein Kleidungsstück
In Kigalis Schneidereien kommen noch Bügeleisen aus Gusseisen zum Einsatz. Bildrechte: Paul Böger

Ein heller Raum mit großen Fenstern und Blick hinauf zum Landgrafen. Zwei Kleiderständer, dazwischen ein mannshoher Spiegel. Auf einem der Ständer akkurat auf Bügeln schwarze und weiße T-Shirts, auf dem andere farbige Sakkos. Die Jacken sind bunt, es dominieren erdiges Rot und tiefes Blau, die Muster organisch, erinnern ein wenig an Leopardenfell. An den Wänden ordentlich gestapelt Versandkartons voller Mode. Nein, wir befinden uns nicht in irgendeiner reduziert eingerichteten Hipster-Boutique im Prenzlauer Berg, sondern im WG-Zimmer von Paul Böger, Nollendorfplatz, Jena.

Paul Böger ist 22 Jahre alt, Student und hat gerade seine zweite Modekollektion herausgebracht. Ungewöhnlich und spannend, denn Böger verbindet alltägliche europäische Kleidung mit afrikanischem Design. Um genau zu sein, mit textilen Motiven aus Ruanda: Die T-Shirts zieren streng geformte Applikationen mit traditionellen ruandischen Mustern, die Sakkos könnten so oder ähnlich auch von einem Textilmarkt in Ruandas Hauptstadt Kigali stammen.

Junger Mann in und vor zwei Kleiderstangen in traditionellem ruandischen Design
Der Jenaer Student Paul Böger produziert Kleidung in Ruanda. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Über soziales Jahr zum Unternehmer

Vor zwei Jahren war Böger das erste Mal für ein freiwilliges soziales Jahr in Ruanda. Dort kümmerte er sich um den Internetauftritt eines Hilfsvereins und arbeitete in einem Tageszentrum für behinderte Jugendliche. Böger gefiel der Kleidungsstil der Ruander.

Frau aus Ruanda an einer Nähmaschine
Böger lässt von Näherinnen und Schneidern in Ruanda produzieren. Bildrechte: Paul Böger

Er beauftragte einen Schneider in Kigali, europäische T-Shirts und Tops mit ruandischen Elementen zu versehen. Vorerst nur für den Eigenbedarf. "In Deutschland haben mich dann viele Leute auf meine Klamotten angesprochen. Ich bekam eine Menge positives Feedback."

Das war für Böger dann auch der nötige Impuls, die Sache mit der ruandisch-europäischen Mode größer aufzuziehen. Er nahm Kontakt zu weiteren Schneidern in Kigali auf, entwarf weitere Modelinien und entschied sich für ein dezenteres Design, um die deutschen Käufer nicht zu überfordern. IZUBA nennt er sein Label. Das bedeutet "Sonne" auf Kinyarwanda, der verbreitetsten Sprache in Ruanda.

Modernes Land mit vielen Startups

Fünf bunte Sakkos in traditionellem ruandischen Design auf einer Kleiderstange
Bunte Sakkos in traditionellem ruandischen Design. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Mit seiner Mode will Paul Böger mit den gängigen Afrika-Klischees aufräumen. Ruanda werde noch immer mit dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren und dem Genozid am Volksstamm der Tutsi verbunden. "Das Land ist aber nicht rückständig, sondern sehr modern", hält Böger dagegen. Vor allem Kigali sei "total internetaffin. Es gibt viele Startups"

Momentan arbeitet Böger an einer verbesserten Logistik für die Produktion in Ruanda. Seine Mode soll fair und ökologisch produziert werden. Er verhandelt mit einer Kooperative vor Ort, in der Näherinnen auf die Selbständigkeit vorbereitet werden. Und er sucht nach Wegen, künftig alles in Ruanda produzieren lassen zu können. Warum von Jena aus?

Nach Jena verschlagen hat es den jungen Darmstädter übrigens aus ganz pragmatischen Gründen. Jena ist einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem der Studiengang E-Commerce angeboten wird. Mit dem Fachwissen, das er an der Ernst-Abbe-Hochschule erwirbt, will er sein Geschäft weiter professionalisieren. Den Online-Shop hat er im vergangenen Dezember gestartet. Der Versand läuft noch etwas schleppend. Die Bestellungen kann Paul Böger noch selbst zur Post bringen.

Frau aus Ruanda lächelnd an einer Nähmaschine
Die Mode wird fair produziert und gehandelt. Bildrechte: Paul Böger

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Vormittag | 11. März 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2018, 13:22 Uhr

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3 Kommentare

12.03.2018 16:15 Eulenspiegel 3

Ich denke das ist der richtige Weg uns Afrika mal im positiven Sinn ein bisschen näher zu bringen. Und es passt genau zu dem was die Afrikanischen Staaten immer wieder sagen:“ Wir wollen keine Entwicklungshilfe, wir wollen Zugang zu euren Märkten“. Trotzdem muss unser Haus weiter offen sein für Leute die vor Krieg Unterdrückung und Folter fliehen müssen.

11.03.2018 17:47 martin 2

Auch wenn die Sakkos nicht wirklich meinen Geschmack treffen - ich wünsche viel Erfolg und schließe mich #1 volki an.

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