Die schwarzen und weißen Tasten einer Orgel.
Die Sauer-Orgel wurde vor über 30 Jahren im Festsaal des Jenaer Volkshauses installiert. Die Zeit hat inzwischen ihre Spuren an dem Instrument hinterlassen. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Jena streitet um Sauer-Orgel im Volkshaus

Die Stadt Jena will die Sauer-Orgel im Volkshaus gerne loswerden. Das Instrument ist seit Jahren sanierungsbedürftig. Die Modernisierung kann die Stadt aber nicht bezahlen. Ein Weimarer Organist will das seltene Großinstrument dennoch erhalten. Schließlich sei sie von großem kulturellen Wert.

von Olaf Nenninger

Die schwarzen und weißen Tasten einer Orgel.
Die Sauer-Orgel wurde vor über 30 Jahren im Festsaal des Jenaer Volkshauses installiert. Die Zeit hat inzwischen ihre Spuren an dem Instrument hinterlassen. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Wäre die Konzertorgel im Jenaer Volkshaus ein Mensch, dann wäre sie gerade im besten Alter. Vor 32 Jahren wurde das Instrument vom VEB Frankfurter Orgelbau Sauer im Festsaal installiert. Eine Orgel hatte das Volkshaus bereits seit den 60er Jahren nicht mehr. Der berühmt-berüchtigte Zeiss-General Wolfgang Biermann hatte das riesige Instrument bestellt und bewies damit wieder einmal seine Macherqualitäten. Die Orgel sollte die Menschen aus den Kirchen zu den staatlichen Veranstaltungen ins Volkshaus locken. Zeiss bezahlte auch die Rechnung in Höhe von 1,5 Millionen DDR-Mark. Mit 48.000 Pfeifen, 61 Registern und einem beweglichen Spieltisch gehörte die Sauer-Orgel zu den größten neuen Orgeln auf dem Gebiet des heutigen Thüringens.

Jetzt ist die Sauer-Orgel sanierungsbedürftig. Die großen Pfeifen werden bereits mit Gurten gesichert, damit sie den Musikern nicht auf den Kopf fallen. Gespielt wurde das Instrument eher selten und seit einiger Zeit ist es aus technischen Gründen ganz verstummt. Im Mai verstarb auch Organist Hartmut Haupt, der die Orgel seinerzeit nicht nur maßgeblich plante, sondern auch so manches Konzert im Volkshaus gab und mindestens eine CD-Einspielung verantwortete.

Thüringen

Blick in das Volkshaus in Jena mit der Sauer-Orgel am anderen Ende 2 min
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Sauer-Orgel bleibt Sorgenkind der Stadt Jena

Nach der Modernisierung des Volkshauses bleibt mit der Sauer-Orgel ein letztes Sorgenkind für die Stadt an dieser Stelle. Eigentlich gehört sie der Ernst-Abbe-Stiftung. Doch die will sie nicht mehr haben. Denn um das Instrument wieder zum Klingen zu bringen oder sogar langfristig zu erhalten, müsste die Stiftung zwischen 350.000 und einer Million Euro plus x auf den Tisch legen. So zumindest das Gutachten der Firma Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder). Die Folgekosten hätte die Stadt als Dauermieterin des Volkshauses zu tragen, denn die Modernisierungskosten würden auf die Miete umgelegt.

Dass Jena angesichts der brisanten Haushaltslage und den noch ins Haus stehenden Großbaustellen die Orgel am liebsten loswerden würde, ist nachvollziehbar. Zumal die Orgel im Programm von Volkshaus und Philharmonie in den letzten Jahren keine Rolle gespielt hat. Die Konzerte ließen sich an einer Hand abzählen. Schließlich sei die Sauer-Orgel keine akustische Offenbarung. Das behauptet zumindest Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur gegenüber MDR THÜRINGEN: "Es gibt viele musikalische  Expertenmeinungen, wie die unseres Generalmusikdirektors und seines Vorgängers, die mit der Orgel in diesem Raum nicht arbeiten, weil sie nicht nur visuell, sondern auch klanglich für den Raum zu groß ist. Sie kann sich hier überhaupt nicht entfalten."

Die Bühne des Volkshauses in Jena. Im Hintergrund die Sauer-Orgel
Die Sauer-Orgel im Jenaer Volkshaus ist sanierungsbedürftig. Die großen Pfeiffen wurden bereits mit Gurten gesichert, damit sie Musikern nicht auf den Kopf fallen. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Die letzten 30 Jahre haben Spuren hinterlassen

Es ist nicht zu leugnen, dass die Orgel architektonisch im Jenaer Jugendstil des Volkshauses ein Fremdkörper ist. Aber das ließe sich angesichts von 120 Jahren Bau- und Umbaugeschichte noch zähneknirschend akzeptieren. Der Vorwurf, dass die Orgel nicht besonders gut klingt, wiegt dagegen schwer. Und ist, zusammengenommen mit den Herausforderungen einer Modernisierung des Instruments, ein wirtschaftliches K.O.-Kriterium. Denn die letzten 30 Jahre haben auch im Instrument selber ihre Spuren hinterlassen. Dick liegt der Staub auf den zahllosen Metall- und Holzpfeifen. Auch der rein elektrisch betriebene Blasebalg funktioniert nicht mehr. Überhaupt die Elektrik: Sie ist noch aus DDR-Zeiten und müsste komplett ausgetauscht werden. Elektriker wollten die alten Installationen nicht anfassen, heißt es von den Mitarbeitern des Volkshauses. Zu schaffen macht dem Instrument auch das wechselnde Klima im Saal. Die Orgel bräuchte langfristig eine eigene Klimatisierung.

Weimarer Organist engagiert sich für Erhalt der Orgel

Dass die Orgel besser klingen könnte, gibt auch Thomas Grubert zu. Der Weimarer Organist setzt sich seit Jahren für den Erhalt der Sauer-Orgel im Volkshaus ein. Seine Online-Petition haben schon mehr als 1.200 Menschen unterschrieben. Empört reagierte Grubert auf die Idee, die Orgel doch in Einzelteilen an Souvenir-Jäger zu verkaufen, um mit den Einnahmen die Akustik des Saals zu verbessern. Man könne angesichts des kulturellen Werts, den das Instrument zweifellos habe, nicht immer nur wirtschaftlich argumentieren: "Es gibt nur noch zehn Sauer-Konzert-Orgeln in Deutschland. Das heißt, sie ist in gewisser Weise schon ein erhaltenswertes wichtiges Instrument, auch im Hinblick darauf, dass aus der alten Rundfunksaal-Orgel in Berlin hier Register mit enthalten sind und schon deshalb denkmalpflegerische Aspekte eine Rolle spielen."Denn ein Teil der Orgel kam aus dem Großen Sendesaal des DDR-Rundfunks in Berlin, der überwiegende Teil wurde vom VEB Frankfurter Orgelbau Sauer neu konstruiert. Aber dass ist eher eine historische Randnotiz.

Ein Mann sitzt an den Tasten einer Orgel und guckt in die Kamera
Der Weimarer Organist Thomas Grubert setzt sich seit Jahren für den Erhalt der Sauer-Orgel im Volkshaus ein. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Orgel-Gipfel im Jenaer Rathaus

Von oben betrachtet ist die Sauer-Orgel aus Sicht Gruberts ein wichtiger Teil der Jenaer Orgel-Landschaft. Sie bildet gemeinsam mit den großen Orgeln in der Stadtkirche und der katholischen Kirche ein klangliches Dreigestirn. Sie ergänzen einander, sagt Grubert. Ausdrücklich begrüßt er den Kompromissvorschlag der Stadt, die Orgel im Ganzen zum Kauf anzubieten. So bliebe sie wenigstens intakt, auch wenn das nicht seine favorisierte Lösung sei. Die Sauer-Orgel von Jena könne dann wenigstens anderswo weiterhin ihre romantisch angelegten Register entfalten. Aber noch ist nichts entschieden. Am 4. Dezember soll erneut geredet werden. Da hat Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche zum Orgel-Gipfel ins Rathaus geladen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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