Jenaer Studie belegt: Imker doch nicht immun gegen Corona

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Deutsche Forscher hatten es schon vermutet: Eine chinesische Studie zu Corona war zu schön um wahr zu sein. Sie behauptete im Frühjahr 2020, dass Imker kein Corona bekommen. Erste Ergebnisse einer deutschen Untersuchung zeigten: Das stimmt so nicht. Nun liegen die Ergebnisse vor. Doch die Forscher haben weitere Fragen, denen sie nachgehen wollen. Mit dabei ist eine Professorin aus Jena.

Eine Biene sticht in den Finger.
Eine Biene sticht in den Finger. Bildrechte: imago images / agefotostock

Imker aus ganz Deutschland hatten im Frühjahr mit Interesse die Artikel in Bienenzeitschriften verfolgt, wonach Imker offenbar kein Corona bekommen. Auf genauso großes Interesse stießen die Vermutungen eines kleinen Forscher-Teams aus Deutschland. Das könne so nicht sein, hier sei geschlampt worden, so unter anderem die Vermutung von Professor und Hobby-Imker Karsten Münstedt und der Jenaer Professorin Jutta Hübner.

Es war zu erwarten, dass die publizierten Ergebnisse so nicht stimmen können.

Prof. Jutta Hübner, Jena
Prof. Dr. Jutta Hübner von der Uniklinik Jena, Deutsche Krebshilfe, schaut lächelnd während eines Fototermins in die Kamera.
Prof. Dr. Jutta Hübner von der Uniklinik Jena hatte schnell Zweifel an der chinesischen Studie. Bildrechte: MDR/ UKJ Scholl

Mit ihrem ersten Fragebogen über Corona-Erkrankungen bei Imkern erreichten sie ab Juni 2020 Tausende Imker in ganz Deutschland. Sie wollten von Imkern mit Corona-Infektion oder Kontakt zu Corona-Patienten wissen, wer wie schwer erkrankt war, ob sie Corona-Symptome zeigten und wenn ja, welche. Sie fragten, wie oft die Imker dieses Jahr von ihren Bienen gestochen wurden, wie sie diesmal und sonst auf Bienenstiche reagieren und ob sie vielleicht chronisch krank sind.

Das Interesse war enorm. Verschiedene Medien berichteten über das Projekt und auch unter dem Imkern war das Interesse groß. Wenn man bedenkt, dass zumindest statistisch etwa 500 Imkerinnen und Imker deutschlandweit hätten erkranken müssen, zeigt unsere Untersuchung, dass wir viele Imkerinnen und Imker erreicht haben. Die Schlussfolgerungen der chinesischen Wissenschaftler waren verfrüht.

Prof. Jutta Hübner, Jena

342 Imker beteiligen sich an Studie

Imker und Imker-Vereine aus ganz Deutschland, auch aus Thüringen und Sachsen beteiligten sich an der Umfrage - etwa aus Effelder, Stadtilm, Stadtroda und aus Chemnitz. Dazu verschiedene Landesimkerverbände und Leser von Bienenzeitschriften. 342 Fragebögen erreichten die Forscher. Davon waren 234 auswertbar. Das Ergebnis sieht so aus:

  • 2 Imker mit Corona-Infektion sind gestorben, obwohl sie als langjährige Imker regelmäßig von Bienen gestochen wurden
  • 45 Imkerinnen und Imker haben eine Coronavirus-Erkrankung durchgemacht
  • 99 Imkerinnen und Imker gaben an, trotz unmittelbarem Kontakt mit Corona-infizierten Personen im privaten oder beruflichen Umfeld nicht am Coronavirus nicht erkrankt zu sein
  • 90 Imkerinnen und Imker hatten fraglich Kontakt mit Corona-infizierten Personen im privaten oder beruflichen Umfeld und sind nicht am Coronavirus erkrankt.

Imker mit Honigwabe
342 Imker beteiligten sich an der Studie und füllten einen Fragebogen aus. Davon konnten 234 ausgewertet werden. Bildrechte: Imago/Marius Schwarz

Eine Annahme zu Beginn war, dass etwa das Bienengift Corona verhindert. Doch:

Weder die Gesamtzahl der Bienenstiche, die die Imker jemals hatten, noch die Zahl der Bienenstiche, die die Imker im Jahre 2020 erlitten, noch die Reaktion auf die Bienenstiche (Immunität gegen das Bienengift) konnten als Faktoren identifiziert werden, die einen Einfluss auf die Coronavirus-Erkrankung hatten. Im Durchschnitt hatten die Imker etwa 567 Bienenstiche und 28 im Jahre 2020. Weitere Analysen bei den von Corona betroffenen Imkern zeigten, dass Imker, die auf Bienenstiche im Sinne einer stärkeren lokaleren Schwellung auf Bienenstiche reagieren, auch eher vermehrt unter Abgeschlagenheit und Halsschmerzen reagieren. Da Imker, die vermehrt von Bienen gestochen werden, auch eher geringer auf Bienenstiche reagieren, spielt möglicherweise die Reaktionsbereitschaft des Immunsystems eine Rolle.

Prof. Karsten Münstedt, Hobbyimker und Frauenarzt

Studie in Fachzeitschrift veröffentlicht

Hübner, Münstedt und ihre Kollegin Heidrun Männle konnten mit ihren Befragungen die chinesische Untersuchung also nicht bestätigen.

Ein Mann arbeitet an einem Bienenstock
Karsten Münstedt ist nicht nur Mediziner, sondern auch Imker. Bildrechte: Prof. Dr. Karsten Münstedt

Publizierte Ergebnisse müssen immer auf ihre Plausibilität überprüft werden. Wenn es unklar ist, wie wir ein Ergebnis wissenschaftlich erklären und verstehen können, dann dürfen wir uns darauf nicht verlassen. Es braucht immer eine zweite unabhängig Bestätigung.

Prof. Jutta Hübner, Jena

Die Deutsche Studie untersuchte genauer und erreichte mehr Imker. Unabhängige Experten prüften die Ergebnisse. Das Team hat in einer Fachzeitschrift veröffentlicht – übrigens in der gleichen, in der auch die chinesischen Wissenschaftler ihre Ergebnisse veröffentlichten.

Die erste Veröffentlichung der Chinesen behauptete, von rund 5.000 Imkern in Wuhan (der zunächst am stärksten von Corona betroffenen Provinz) sei keiner an Corona erkrankt oder verstorben.

Auch wenn unsere Ergebnisse im ersten Moment enttäuschen mögen, halten wir auch dieses negative Ergebnis für wichtig. Wären diese Befunde nicht erhoben worden, würden sich möglicherweise weltweit Imker auf einen direkten schützenden Einfluss durch die Immunität gegenüber Bienengift verlassen. Sie wären im Fall des Kontaktes mit infizierten Personen dann mit der Erkrankung konfrontiert, die in einigen Fällen Langzeitfolgen hinterlässt.

Prof. Karsten Münstedt

Blüte mit Biene
Das Gift der Bienen immunisiert nicht gegen eine Corona-Infektion, aber hat es vielleicht trotzdem eine positive Wirkung bei Corona? Die Forscher planen eine neue Studie. Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Team plant eine Ansschluss-Studie

Ist das Bienengift nun also doch kein Allheilmittel? Hobby-Imker und Forscher Karsten Münstedt sagt:

Bislang wurde das Coronavirus noch nicht auf Sensibilität gegenüber Bienengift getestet. Eine aktuelle Arbeit bestätigt die Wirksamkeit von Bienengift gegen eine Vielzahl von Viren (El-Seedi et al. 2020). Interessant ist vor allem eine Arbeit zum Betaarterivirus suid, des Erregers des Reproduktions- und Atemwegssyndroms der Schweine, in der gezeigt wurde, dass das Bienengift den Schweregrad der interstitiellen Lungenerkrankung positiv beeinflusst (Lee et al. 2015). Diese tritt auch bei der coronavirus-assoziierten Lungenentzündung auf und ist für besonders schwere Verläufe kennzeichnend, die vielfach zum Tode führen. Insofern könnte Bienengift tatsächlich sinnvoll sein, denn das Betaarterivirus suid ist mit dem Coronavirus verwandt.

Prof. Karsten Münstedt

Münstedt und Team planen nach eigenen Angaben nun eine Anschlussstudie. Dabei soll es unter anderem darum gehen, ob "möglicherweise Bienenstiche zum Zeitpunkt eines Kontaktes mit dem Coronavirus hilfreich sein könnten - aber auch die Frage zum vorbeugenden Wert von Propolis."

Dafür gibt es nun einen neuen Fragebogen. Und ein Danke der Forscher für die vielen Daten und sichere Erkenntnisse.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 11. Oktober 2020 | 11:00 Uhr

5 Kommentare

Normalo vor 6 Wochen

Der MDR ist zwar fast immer auskunftsfähig, aber ich frage mal wieso der MDR diese Studie durchführen sollte. Oben ist von der Uni Jena die Rede. Also warum der MDR?

Freies Moria vor 6 Wochen

Sowohl Karl Lauterbach (aktuell) als auch das RKI (älter) haben klar gesagt, das die einfachen Masken nichts bringen.
Das ist auch logisch, denn Masken, die nicht dicht schließen, verhindern den Transport des Aerosols nicht.
Dicht schließende Masken muss man für einen echten Nutzen auch immer dicht geschlossen tragen - dann ist es wirklich effektiv.
In asiatischen Ländern ist schon aus Platzmangel der Abstand zwischen den Menschen viel geringer ist als bei uns, dort kompensieren Masken tatsächlich die fehlende "Spuckweite", man denke an japanisch U-Bahnen (Hong Kong ähnlich).
Mehr Abstand ist in Deutschland aber spätestens seit Anfang 2020 Standard geworden, und in der Situation ist die Maske dann wirkungslos wie oben beschrieben.

Tamico161 vor 6 Wochen

Dem stimme ich voll und ganz zu und bitte darum in dieser Studie auch berücksichtigen wie es sich verhält wenn die Einwegmasken wochenlang getragen, Rollkragen als Maske dienen oder einfache Strickschals, Kunststoffvisiere für den Rasentrimmer oder all die kreativen Dinge die Mund und Nase sonst noch bedecken!
Aber ich denke das da der MDR keine Kapazitäten hat dies zu analysieren.

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