30 Jahre Volkskammerwahl Von der Volkskammer der DDR zum Finanzdezernten in Jena: Frank Jauch (SPD)

Seit anderthalb Jahren ist er in Rente, davor lenkte er 18 Jahre die finanziellen Geschicke der Stadt Jena: Frank Jauch blickt auf eine spannende Laufbahn in Politik und Verwaltung zurück. Angefangen hat alles vor genau 30 Jahren als Abgeordneter der letzten frei gewählten Volkskammer der DDR. Dabei hatte Jauch lange Zeit nur Physik und Fußball im Kopf. Dass Frank Jauch 1990 überhaupt als Abgeordneter in die Volkskammer einzog, war einem Zufall zu verdanken.

von Olaf Nenninger

Frank Strauch (SPD) ehemaliger Abgeordneter der Volkskammer in Jena
Frank Strauch (SPD) ehemaliger Abgeordneter der Volkskammer in Jena. Bildrechte: MDR/ Olaf Nenninger

In den Wendewirren - der Physiker

Jauch arbeitete als Programmierer an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften - sympathisierte er eigentlich mit dem Neuen Forum. Wenig später konnte er auch dem deutlich konservativeren Demokratischen Aufbruch einiges abgewinnen. Zudem wurde Ende des Jahres 1989 in Jena auch eine Ortsgruppe der "Sozialdemokratischen Partei in der DDR" (SDP) gegründet. Es war eine chaotische Zeit: Bürgerbewegungen und Kleinstparteien schossen wie Pilze aus dem Boden.

SPD gewinnt neues Mitglied

Frank Jauch machte sich auf den Weg, um Mitglied des Demokratischen Aufbruchs zu werden. "Doch unterwegs bin ich an einem Stand der SDP vorbeigekommen. Wir kamen ins Gespräch. Noch an diesem Abend bin ich Parteimitglied geworden", erzählt er immer noch amüsiert vom Beginn seiner politischen Laufbahn. Damals war er 38.

Jetzt, mit 68 Jahren lebt er in einer kleinen Neubauwohnung in Jenas Osten mit fantastischem Blick auf die Innenstadt. Dass sich die Stadt in den letzten zwanzig Jahren von den wirtschaftlichen Umstrukturierungen der Nachwendezeit so gut erholen konnte, ist auch das Verdienst des besonnenen Finanzdezernenten Frank Jauch. Hoffnung gesetzt in "neue" Parteien Für die Volkskammer ließ er sich aufstellen, weil er den politischen Verhältnissen Anfang 1990 misstraute: "Man muss ja auch sehen, dass die Strukturen im Osten durch die Blockparteien und durch die SED so gestalteten waren, dass man Sorge haben musste, dass durch eine freie Wahl keine demokratischen Verhältnisse eintreten." Heißt, aus seiner Sicht konnten Wende-Errungenschaften wie Demokratie und Meinungsfreiheit nur verteidigt werden, wenn die neuen Parteien und politischen Strömungen in der Volkskammer den Ton angeben.

Die Abgeordneten der Volkskammer mit Handzeichen während der Abstimmung am 23.08.1990 für den Beschluß zum Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland
Die Abgeordneten der Volkskammer mit Handzeichen während der Abstimmung am 23.08.1990 für den Beschluß zum Beitritt. In einer Sondersitzung hat die Volkskammer der DDR in Ost-Berlin am 23.08.1990 den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Der nach langen Auseinandersetzungen um unterschiedliche Beitrittstermine gefasste Beschluß, erfolgte mit 294 Ja - gegen 62 Nein-Stimmen. Bildrechte: dpa

SPD lockt 1990 noch Tausende

Und schlecht sah es für die Sozialdemokraten im Wahlkampf 1990 nicht aus. Viele sahen sie bereits als Sieger der ersten freien Volkskammer-Wahlen. Oskar Lafontaine, der damalige Vize der West-SPD, lockte Tausende auf den Markt in Jena. Doch Kanzler Helmut Kohls Versprechen einer schnellen Wiedervereinigung - und der D-Mark für alle - nahm der SPD den Wind aus den Segeln. Wenig hilfreich war auch Lafontaines Skepsis. Er wollte mit der Wiedervereinigung noch ein paar Jahre warten. Auch Frank Jauch - seinerzeit ein großer Fan von Oskar Lafontaine - war enttäuscht vom Stimmungsumschwung in der DDR und den immer lauter werdenden Stimmen, die nach Wiedervereinigung und D-Mark riefen. "In unserem Wahlkampf bis zum März 1990 ging es darum, eine neues Deutschland im Osten zu gestalten. Aber das kam bei der Bevölkerung nicht an", erinnert sich Jauch.

SPD mit knapp 20 Prozent

Mit nur knapp 20 Prozent und 88 Abgeordneten zieht die SPD am 18. März 1990 erstmals in die Volkskammer ein. Die unsichere Stimmung in seiner Fraktion beschreibt Frank Jauch rückblickend so: "Wir waren getrieben von der Sorge, dass alles wieder kippt. Außerdem gab es ja viel zu regeln. Es war eines sehr intensive Zeit mit wenig Schlaf. Niemand hatte damals gedacht, dass die DDR so schnell zu Ende geht." In den wenigen Monaten seiner Zeit als Abgeordneter sitzt Jauch unter anderem im Ausschuss für Energie. Dort kämpft er für eine kommunale Energieversorgung nach westdeutschem Vorbild. Die DDR-Städte sollen ihre eigenen Stadtwerke bekommen.

Jauch für kommunale Energieversorgung

Jauch hat Sorge, dass sie sonst künftig von den großen Energiekonzernen abhängig werden: "In der DDR gab es ja keine Stadtwerke. Die Energieversorung war über Bezirkskombinate staatlich gesteuert und die Stromkonzerne West wollten ganz gerne diese Strukturen so beibehalten und keine örtlichen Stadtwerke." Doch Jauch und seine Kollegen sind erfolgreich. Das Kommunalversorgungsgesetz, das ein System von Stadtwerken für die DDR-Kommunen festlegt, bringt die Volkskammer noch auf den Weg.

Frank Strauch (SPD) blättert in einem Buch zur Volkskammer
Strauch schwelgt in Erinnerung an die einstigen Wahlperioden. Bildrechte: MDR/ Olaf Nenninger

Zur Ausführung kommt es aber durch die Wiedervereinigung am 3. Oktober nicht mehr. Bereits im August löst sich das DDR-Parlament auf. Der Einigungsvertrag macht dem Kommunalversorungsgesetz einen Strich durch die Rechnung. Dort konnten sich die Stromkonzerne durchsetzen. Erst später erkämpften sich die ostdeutschen Kommunen vor dem Bundesverfassungsgericht das Recht, eigene Stadtwerke zu betreiben. Die Grundlage dafür bildete aber das Gesetz, das von Frank Jauch und seinen Kollegen in den letzten Tagen der DDR formuliert wurde.

Fehler vor 30 Jahren

Nach den großen Fehlern der damaligen Zeit befragt, wird Frank Jauch deutlich: es war das aus heutiger Sicht träumerische und naive Lagerdenken. Zum einen hätten die Sozialdemokraten-Ost moderaten und engagierten SED-Mitgliedern eine Tür öffnen sollen. Dadurch wären pragmatische politische Lösungen viel schneller möglich gewesen. Ein größerer Fehler, vor allem in Hinblick auf die politische Entwicklung der SPD in den neuen Bundesländern war, dass sie damals nicht mit der Mitgliederstarken und einflussreichen "Demokratischen Bauernpartei Deutschlands" (DBD) fusionierte, als sie die Möglichkeit dazu hatte. Dann hätte die SPD in den ländlichen Regionen der Neuen Bundesländer ein ganz anderes Standing gehabt. Aber gut für die CDU. Sie nahm die Mitglieder des DBD mit Kusshand auf und sicherte sich damit wichtige Mehrheitsbeschaffer in der ostdeutschen Fläche.

Von der Volkskammer ins Rathaus Jena

Nach dem Ende der Volkskammer blieb Jauch den kommunalen Themen treu, erst im Thüringer Wirtschaftsministerium, dann 18 Jahre als Jenas Finanzdezernent. Heute engagiert sich der Pensionär im Präsidium des FC Carl Zeiss Jena. Denn Fußball war neben der Physik und der Politik immer eine weitere große Leidenschaft des Frank Jauch. Schon als kleiner Junge spielte er beim SC Motor Jena, der wenig später zum FC Carl Zeiss Jena wurde.

Mehr Informationen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Die Regionalnachrichten | 01. April 2020 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2020, 13:55 Uhr

1 Kommentar

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 2 Wochen

„ SPD mit knapp 20 Prozent “ . . . 😎

...für heutige Verhältnisse im Thüringer Landtag und für die
jungen sozialen Demokraten von heute - absolut unvorstellbar ‼️
...und wie hoch war damals die Wahlbeteiligung - „ungeschönt“❓

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