Eine Frau guckt nach schräg links und lächelt
Personalleiterin Nadine Cunäus. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Wendekinder in Führungspositionen Nadine Cunäus: Ausland, Westen und zurück

Als sich nach der Wende viele Ostdeutsche mittellos zurückgelassen fühlen, hat sie als junge Frau die neuen Freiheiten genutzt: Nadine Cunäus macht ein Praktikum im Ausland, studiert Wirtschaftsrecht und arbeitet bei großen Unternehmen in Westdeutschland. Heute ist sie Personalleiterin bei Carl Zeiss in Jena. Ein Blick zurück auf diesen steilen Aufstieg.

von Julian Theilen

Eine Frau guckt nach schräg links und lächelt
Personalleiterin Nadine Cunäus. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Als sie an einem Freitagnachmittag auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch im Stau steht, ist sie unsicher, ob das wirklich das richtige sein soll. Ein Headhunter hatte sie einige Wochen vorher kontaktiert. Sie sei ihm aufgefallen. Headhunter suchen nach talentierten Führungskräften und vermitteln sie anschließend an Unternehmen. Nadine Cunäus ist nun also auf dem Weg zu Carl Zeiss im baden-württembergischen Oberkochen.

"Die Rolle ist mir zu klein geworden"

Eine Frau steht im Fahrstuhl
"Ich habe Spaß daran, Verantwortung zu übernehmen", sagt Nadine Cunäus. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Knapp sechs Jahre lang hat sie sich zuvor beim Automobilzulieferer Valeo "abgerackert", wie sie sagt. Sie hat als junge Nachwuchskraft ein neues Tarifsystem eingeführt, viel Zeit investiert und sich an ihren Chefs gerieben. Sie merkt das erste Mal, wie anstrengend es sein kann, in einem großen Unternehmen Verantwortung zu übernehmen - und will mehr. "Als das Tarifsystem durch war, habe ich tief durchgeatmet und gedacht: Und jetzt? Die Rolle ist mir zu klein geworden." Drei Tage nach dem Bewerbungsgespräch in Oberkochen unterschreibt sie ihren Arbeitsvertrag, anschließend wechselt sie als Personalleiterin zum Standort Jena.

Ein steiler Aufstieg, über den Nadine Cunäus nicht gerne redet. Als sie auf ihre Karriere angesprochen wird, schüttelt sie genervt den Kopf. "Ich mag das Wort Karriere nicht. Ich denke da an Macht, Karriereleiter und Status." Dabei möchte sie nur eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen.

Frühe Sehnsucht nach finanzieller Unabhängigkeit

Eine Frau guckt sich Bilder der geschichte von Carl zeiss an.
Nadine Cunäus ist seit 2007 bei Carl Zeiss. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Nadine Cunäus ist zehn Jahre alt, als die Mauer fällt. Es gibt viele Umbrüche, Unsicherheiten prägen auch ihr Elternhaus bei Eisleben. Ihre Eltern verlieren ihren Job als Ingenieure. Für Cunäus ist die Wendezeit aber mehr Aufbruch als Verlusterfahrung. Sie gewinnt Spaß daran, Orte und Menschen kennenzulernen, die ihr sonst verwehrt geblieben wären. Mit 16 fliegt sie das erste Mal alleine, es geht für sechs Wochen nach Kanada. Es folgt ein Leben im Schnelldurchlauf. Ihr Wirtschaftsrecht-Studium schließt Cunäus vor der Regelstudienzeit ab, zwischendurch streut sie noch Praktika in Reutlingen und Brüssel ein. Mit 22 Jahren startet sie ins Berufsleben: "Ich wollte einfach früh finanziell unabhängig sein." Nicht untypisch für Wendekinder - die Verlusterfahrungen der Elterngeneration spornt sie zu einem stabilen Einkommen an.

Aber Cunäus steckt nicht jeden Neuanfang locker weg, die kleinen Machtkämpfe des Berufsalltags machen ihr zu Schaffen. "Ich war jung und musste mir erstmal ein Standing erarbeiten. Das war hart." In der Zeit bei Valeo telefoniert sie häufig mit ihren Freundinnen aus der Heimat.

Biographien der Wendekinder blieben unbeschädigt

Dennoch: Cunäus steht auch für eine Generation, die es sich leisten konnte, sich auszuprobieren. Einfach deshalb, weil sie noch relativ unbefleckt war. Die Eltern der Wendekinder waren maßgeblich durch die DDR-Sozialisation geprägt, ihre Biographien durch die Wende beschädigt. Ihre Kinder hingegen trieben genau den Neuaufbau voran, der die Eltern oft ratlos zurückließ. Im geteilten Deutschland aufgewachsen, im vereinten Deutschland erwachsen geworden  - "das macht sie sehr anpassungsfähig", sagt Soziologe Axel Salheiser. "Und damit auch prädestiniert für Führungsaufgaben."

Und jetzt? "Ich kann mir noch einen Job im Ausland vorstellen."

Nadine Cunäus ist nach ihren Stationen in Süddeutschland und im Ausland wieder nach Ostdeutschland zurückgekehrt. Sie hat mittlerweile zwei Kinder. In Jena findet sie, wie sie sagt, optimale Lebensbedingungen. Die vielen Dienstreisen lassen sich gut mit ihrer Familie vereinbaren, kurzen Wegen und Kinderbetreuung sei Dank. Cunäus ist jetzt 40 Jahre alt, bislang hatte sie immer den nächsten Schritt im Kopf. Und jetzt? "Ich kann mir noch eine globale Rolle vorstellen, also einen Job im Ausland", sagt sie nach leichtem Zögern. "Für mehr Verantwortung, nicht für die Karriere."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes | 18. Juni 2019 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 09:51 Uhr

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