Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Soziologe Axel Salheiser lehrt an der Universität Jena. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Interview Soziologe Salheiser: "Wendekinder sind prädestiniert für Führungsaufgaben“

Axel Salheiser ist Soziologe an der Universität Jena und hat sich in wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Mangel an Ostdeutschen in Führungspositionen beschäftigt. Im Interview erklärt er, warum es Ostdeutsche seltener in Führungsetagen schaffen und warum Wendekinder das ändern können.

von Julian Theilen

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Soziologe Axel Salheiser lehrt an der Universität Jena. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

MDR THÜRINGEN: Herr Salheiser, 30 Jahre nach der Wende - von 193 Dax-Vorständen sind nur vier Ostdeutsche. Auch in den größten Unternehmen Thüringens sind Ostdeutsche unterrepräsentiert. Woran liegt das?

Axel Salheiser: Die Spitzenpositionen in den Wirtschaftsunternehmen, egal wo man hingeht in ganz Europa oder sogar weltweit, gehören natürlich zu einem internationalen Arbeitsmarkt. Und wenn man sich die Führungspositionen in Top-Unternehmen anguckt, dann sind die meist von Menschen besetzt, die zum einen gute Qualifikationen haben, zum anderen auch über Netzwerke verfügen.  

Warum sind Netzwerke so wichtig?

Für eine Führungsposition braucht man natürlich Vorerfahrungen  und Kontakte zu Verantwortungsträgern. Teilweise hilft es auch, in Wirtschaftsverbänden organisiert zu sein. Und die sind generell in Westdeutschland stärker vernetzt und haben auch eine längere Tradition als hier. Und vielen Ostdeutschen ist es nicht gelungen, jedenfalls der älteren Generation nicht, in diese Netzwerke vorzustoßen. Sie verfügen de facto über nicht so viel soziales Kapital wie Westdeutsche, was die Netzwerkeinbindung betrifft.

Hatte das Netzwerken lange Zeit einen zu schlechten Ruf?

Es kann sein, dass einige Ostdeutsche da an ein überzeichnetes Klischee vom Selbstdarsteller denken, und Netzwerken deshalb ein negatives Image hat. Dabei läuft Netzwerken in der Regel sehr subtil ab und ist funktional. Es ist notwendig, wichtige Menschen kennenzulernen, informelle Kontakte zu halten und ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen.

Haben Ostdeutsche also auch selbst nicht genug getan, um in die Führungspositionen zu kommen?

Mein Kollege Roj Kollmorgen hat viel zu diesem Thema geforscht, und ich möchte mich seiner These anschließen: Die Risikobereitschaft in der ostdeutschen Gesellschaft war lange Zeit nicht ausgeprägt genug, um in die absoluten Spitzenpositionen zu kommen. Das lag vor allem an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Einigungsprozesses. Eine Karriere war deshalb nicht so attraktiv, die Menschen haben auf Sicherheit gebaut. Vielen Jugendlichen wurde geraten, eine Lehre zu machen statt zu studieren.

In klein – und mittelständischen Unternehmen Thüringens sieht die Lage für ostdeutsche Führungskräfte wesentlich besser aus.  Sie sagen, hier sind  knapp 70 Prozent der Führungskräfte Ostdeutsche. Wie kommt das?

Die Chefs und Abteilungsleiter der klein- und mittelständischen Industrie sind oft selbst Anteilseigner, haben also selbst das Sagen. Das hilft natürlich, denn so müssen keine komplexen Hierarchien durchbrochen werden. Viele treten auch als Familienunternehmer auf. Das sind Unternehmen mit Tradition. Diese Tradition war in der DDR durch die volkseigenen Betriebe und Kombinate abgebrochen und ist nach der Wende auch wieder anschlussfähig gewesen. Oftmals haben wir hier in Thüringen jetzt in Klein- und Mittelunternehmen ehemalige Abteilungsleiter von ehemaligen Volkseigenen Betrieben, die nach der Wende eine Ausgründung geschafft haben. Da steht auch noch der Generationenwechsel in den Führungspositionen an.

Eine Generation, die jetzt Verantwortung übernehmen kann, sind die "Wendekinder". Die haben ihre Kindheit in der DDR verbracht, sind aber im vereinten Deutschland erwachsen geworden. Warum könnten sie für Führungspositionen geeignet sein?

Die Wendekinder haben im Gegensatz zu ihren Eltern, einen entscheidenden Vorteil: Sie sind nicht so sehr durch die DDR und Umbruchserfahrung geprägt, dass ihre Biographien beschädigt worden sind. Sie haben die ostdeutsche Erfahrung - sicherlich. Sie konnten aber auch die Chancen der Öffnung wahrnehmen. Das macht sie sehr anpassungsfähig. Jetzt, wo die "Wendekinder" das entsprechende Alter erreichen, sind sie prädestiniert für Führungsaufgaben!

Sie sind selbst "Wendekind". Wie hat das Ihr Berufsleben geprägt?

Für mich war die Anpassung an das gesamtdeutsche Wirtschaftssystem ziemlich unproblematisch, weil ich diese grundlegende Entsicherung in meinem näheren Umfeld nicht gesehen habe. Meine Eltern mussten zwar ihren Beruf wechseln, wurden aber nicht arbeitslos. Das hat auch mich gestärkt. Manch andere "Wendekinder" hatten es da deutlich schwieriger. Durch die Verluste der Eltern waren auch sie verunsichert.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 09:57 Uhr

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