Saale-Holzland-Kreis Golmsdorf: Zoff um Gülle, Wasserqualität und Biberdämme

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Ende März mussten sich die Bewohner von Graitschen, Löberschütz und Golmsdorf im Saale-Holzland-Kreis die Nasen zuhalten. Bei einer Agrargenossenschaft war das Güllebecken übergelaufen - stinkende braune Brühe floss damals den beschaulichen Gleise-Bach hinab. Nun sind sich die Gemeinde Golmsdorf und der örtliche Angelverein sowie das Umweltamt des Saale-Holzland-Kreises uneinig, welche Auswirkungen die Güllehavarie auf den Bach hatte. Und zwischen den beiden Ansichten stehen: Biberdämme.

Der Gleise-Bach ringelt sich durch die Felder zwischen Golmsdorf und Löberschütz. Die Sonne scheint durch die Bäume am Ufer und lässt das Wasser glitzern. Auf den ersten Blick wirkt alles friedlich. Auf den zweiten Blick wohl ein bisschen zu friedlich. Denn seit Ende März die Gülle durchs Gleisetal rauschte, ist es ziemlich still in dem Bach. Fischereiaufseher Thomas Ohrt greift nach einem Stein im Wasser - nichts. Eigentlich müssten sich darunter Fliegenlarven stapeln und Krebschen tummeln.

Thomas Ohrt im Wasser
Thomas Ohrt Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Als er mit dem Fuß durchs Bachbett rutscht, wird ordentlich Sediment aufgewirbelt. Und zwischen dem Totholz im Bachbett ist kein einziger Fisch zu sehen. "Vor den Havarien war das Kiesbettsystem ganz anders. Wir hatten lose Steine ohne Bewuchs. Jetzt haben wir einen sehr verschlammten Untergrund, die Steine sind voller Algen. So war die Gleise nie, das ist nicht mehr die Gleise, wie wir sie kannten", sagt Ohrt. Als Mitglied im örtlichen Angelverein ist er auch der Gewässerwart der Gleise. In den vergangenen fünf Jahren gab es laut Landratsamt mindestens sieben Güllehavarien an der Gleise und ihren Zuflüssen.

Lebensraum für geschützte Tiere

Der örtliche Angelverein und die Gemeinde Golmsdorf haben in den letzten Jahren viel Zeit und Mühe investiert, das Kleinod Gleise zu einer gemütlichen Wohnstube für Flora und Fauna zu machen. Mindestens ein Biber lebt dort und auch der Eisvogel wurde regelmäßig gesichtet, beides streng geschützte Tierarten. Doch die ständigen Güllehavarien setzen den Wasserbewohnern zu: Es ist kein Fisch zu sehen, keine Fliegenlarve räkelt sich unter den Steinen und auch der Eisvogel scheint verschwunden, weil er keine Nahrung mehr findet.

Thomas Ohrt im Wasser
Toter Fisch nach einer Güllehavarie Bildrechte: Thomas Ohrt

"Der Biber hatte sich direkt nach der Havarie bachabwärts Richtung Saale verzogen, wo das Gleise-Wasser etwas 'sauberer' war", erzählt der Golmsdorfer Bürgermeister Peter Ganß (parteilos). Wochenlang gab es zwischen Golmsdorf und Löberschütz keine frischen Fraßspuren, die Biberrutschen am Bachhang blieben trocken. Nun knabbert der Biber zwar wieder an den Bäumen, auf die Wasserqualität lässt das aber nicht schließen. "Der Biber ernährt sich von den Pflanzen am Rand", sagt Fischereiaufseher Ohrt.

"Untersuchungsergebnisse nicht signifikant"

Gleise-Bach im Saale-Holzland-Kreis mit Biberdamm
Biberdamm im Gleise-Bach Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Ohrt, Ganß und der Vorsitzende des Angelvereins "Unteres Gleisetal", Michael Köcher, zweifeln die Messergebnisse des Umweltamtes an. Trotz Nachfragen hätten sie keine Aussagen zur Wasserqualität bekommen, auch keine Messergebnisse. Auch MDR THÜRINGEN wurden diese Messergebnisse auf Anfrage nicht mitgeteilt, auf eine Interviewanfrage werden nur schriftliche Antworten angeboten. Die chemischen Untersuchungsergebnisse der Stickstoff-Fraktion seien nicht signifikant gewesen, heißt es nur. Gemessen wurde demnach am 2. April (sechs Tage nach der Güllehavarie) oberhalb der Einleitstelle in Nausnitz sowie 100 Meter unterhalb dieser Stelle und am Anstau des ersten Biberdamms.

Das waren aber die falschen Stellen, sind sich Angelvereinsmitglieder und Gemeindeoberhaupt sicher. Denn bachabwärts schäumt das Wasser auch sieben Wochen nach der Havarie, vor den Biberdämmen haben sich zum Teil meterlange stinkende Teppiche auf dem Wasser gebildet, und auch am Treibholz im Bach sammeln sich Schaum und stinkende Ablagerungen. Ohrt vermutet auch, dass die Höhlen in den Biberdämmen voller stinkender Güllereste sind. Dass dort noch kleine Krebschen aufwachsen, glaubt er nicht.

Ein Tier ist wichtiger als ein Ökosystem?!

Angelverein und Gemeinde wollen darum die Biberdämme vorsichtig öffnen, um den Bach einmal richtig durchzuspülen und danach zu rekultivieren. "Eine Welle erzeugen", nennen das die Angler und betonen: Auf keinen Fall wollen wir den Biber vertreiben. "Der Biber fühlt sich hier wohl, weil wir das Gewässer pflegen", sagt Ohr, der regelmäßig den Bach inspiziert und nun missmutig auf das tote Gewässer schaut. Problematisch sei es, eine Tierart über das gesamte Biotop zu stellen. "Ein Organismus ist wichtiger als viele Organismen, die sich an dem Ökosystem befinden - das kann es doch nicht sein." Selbst das Bundesnaturschutzgesetz sehe Ausnahmen vor.

Umweltamt überlasst Bach sich selbst

Doch das Landratsamt lehnt den Vorschlag, die Biberdämme zu öffnen, ab. Das Umweltamt habe "ein vorsichtiges Abkeschern der teilweise durch die Havarie verursachten aufschwimmenden Ablagerungen versucht". Weiter hieß es, dass die Rückstände im Rückstaubereich der Biberdämme nicht eindeutig als Reste aus der Havarie zu identifizieren sind. Die Behörde geht davon aus, dass sich das Gewässer "allmählich erholen" werde. Wie lange das dauern soll, bleibt unklar.

Schaumberg im Wasser
Riesiger Schaumberg nach einem Gülle-Vorfall Bildrechte: MDR/Thomas Ohrt

Bürgermeister Ganß platzt da der Kragen. "Es hat bei der letzten Einleitung zwei Jahre gedauert, bis überhaupt wieder eine Revitalisierung eingetreten ist, bis wieder eine Bachforelle hier erschienen ist. Sollen wir wieder zwei Jahre warten? Das kann nicht sein." Dem Verursacher der Güllehavarie, einer Agrargenossenschaft aus Nausnitz, machen Ganß und Co. explizit keine Vorwürfe: Die hätten sich sofort nach der Katastrophe gemeldet und den Schaden begrenzt und auch weiterhin ihre Hilfe angeboten. Am 27. März war dort ein Gülletank übergelaufen, 120 Kubikmeter Fäkalienmasse floss damals Richtung Bach.

Baumaterial für den Biber

Die Messergebnisse vom Umweltamt und die verschmutzte Gleise passen für Ganß und seine Mitstreiter vom Angelverein jedenfalls nicht zusammen. Sie verweisen auf einen Fall im Kreis Hildburghausen, wo der Biber seinen von Menschenhand geöffneten Damm wieder repariert hat. Außerdem würde man dem Biber nach der Dammöffnung auch Baumaterial bereit stellen. "Der ist es ja auch gewohnt, seinen Damm regelmäßig zu erneuern, zum Beispiel nach Hochwasser", sagt Ohrt. Er hofft, dass sich eine Lösung findet, um den müffelnden Bach freizuspülen. Sonst steht die nächste Katastrophe schon bevor: Wenn es wärmer wird, werde der Bach wohl kippen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. Mai 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Thueringer Original vor 3 Wochen

Traurig was hier so passiert und dass das Landratsamt sich so quer stellt. Hoffentlich bekommt die Agrarbude eine ordentliche Strafe aufgebrummt.

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