Wirtschaft Neuer Kahla-Porzellan-Eigentümer setzt auf den deutschen Standort

Der neue Eigentümer der Porzellanmanufaktur Kahla/Thüringen GmbH will das Ostthüringer Traditionsunternehmen zurück in die Erfolgsspur führen. Die Branchengewerkschaft erhofft sich von den Veränderungen frischen Wind.

Porzellan aus Kahla kommt künftig von einer neuen Firma mit einem neuen Eigentümer. Der hat aus der Insolvenz in Eigenverantwortung heraus den weithin bekannten Betrieb übernommen und will das Unternehmen zurück in die Erfolgsspur führen. Einige Mitarbeiter mussten deshalb gehen - aber eine neues Absatzfeld hat sich bereits beim neuen Schwesterunternehmen aufgetan.

"Es gibt so etwas wie Liebe auf den ersten Blick", sagt Daniel Jeschonowski. Die habe ihn vor einigen Monaten erwischt, als er das erste Mal im Kahlaer Porzellanwerk weilte. Der neue Chef und Eigentümer der Porzellanmanufaktur Kahla/Thüringen GmbH übernimmt mit seiner Neugründung praktisch die gesamte ehemalige Kahla/Thüringen Porzellan GmbH. 175 von knapp 200 Mitarbeitern sollen dem Unternehmen erhalten bleiben.

Ein Mann blickt in eine Kamera.
Daniel Jeschonowski, Eigentümer der Porzellanmanufaktur Kahla/Thüringen GmbH.  Bildrechte: MDR/Kahla/Thüringen Porzellan GmbH

Jeschonowski hat seit 2006 als Unternehmensberater gearbeitet und übernahm 2016 die Geschäftsführung des Werbemittel-Herstellers Senator, der vor allem für Schreibgeräte bekannt ist. 2018 kaufte er das Unternehmen. So geschah es nun auch in Kahla. Anfang 2020 habe es den ersten Kontakt mit der bisherigen Eigentümerfamilie Raithel gegeben. Auf einer Messe habe man eigentlich über eine mögliche Lieferbeziehung für Senator gesprochen. Daraus ist nun mehr geworden. Zulieferungen für Senator wird es trotzdem geben. Zu den Werbemitteln des Unternehmens gehören nämlich auch Tassen. Die dürften künftig das Siegel "Made in Germany" tragen und in Kahla hergestellt werden.

Gespräche mit dem Arbeitgeberverband

Das neue Unternehmen gehört wie auch Senator zur gleichen Holding-Gesellschaft. Und deren Eigentümer ist Daniel Jeschonowski, stille Teilhaber gebe es nicht. "Ich übernehme gerne Verantwortung", sagt er von sich. Das sei auch der Grund gewesen, die Berater-Karriere aufzugeben und selbst Unternehmer zu werden. "Dann muss man nicht nur Empfehlungen aussprechen, sondern sie auch umsetzen und Verantwortung für die Folgen übernehmen."

Was er vom neuen Unternehmen erwartet, will er noch nicht nach außen tragen: "Die Ziele werden gerade aufgestellt. Das will ich nicht einfach ohne Rücksprache im Unternehmen festsetzen." Ob die Beschäftigten tarifgebunden bleiben, ist aus seiner Sicht noch nicht festgelegt. Man sei auch mit dem Arbeitgeberverband im Gespräch. "Aber wir wollen unsere Beschäftigten halten. Wir brauchen ihre Kompetenz."

Brennende Ölfässer vor dem Werkstor wegen eines eskalierenden Konflikts werde und wolle man in Kahla nicht erleben. Der Betriebsrat wollte sich auf Anfrage von MDR Thüringen noch nicht zum Unternehmer-Wechsel äußern. Die Branchengewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE) verfügt noch über wenige Informationen. Die Beschäftigten hätten im Sommer schon geahnt, dass ein neuer Investor die Firma übernehmen werde, mehrere Namen seien gehandelt worden, sagt Bezirksleiter Andreas Schmidt.

Porzellanwerk mit Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach in Kahla
Das Porzellanwerk in Kahla mit Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach. Bildrechte: MDR/Porzellanmanufaktur Kahla/Thüringen GmbH

Gescheiterte Großinvestition bringt Schieflage

Die schwierige Lage des Unternehmens hing auch mit einer gescheiterten Großinvestition für ein internationales Projekt zusammen. Details dazu drangen allerdings kaum an die Öffentlichkeit. "Daran hatte der frühere Geschäftsführer Holger Raithel kein Interesse", so Gewerkschafter Schmidt. Auch technische Schwierigkeiten hatten das Projekt scheitern lassen und die finanziellen Probleme bedingt.

Immerhin sei es gelungen, die Insolvenz in Eigenverantwortung - also in Zusammenarbeit mit einem Sachwalter - umzusetzen und die Verantwortung nicht an einen Insolvenzverwalter ganz abgeben zu müssen. Schon oft sei die Produktion in den letzten Jahren immer wieder schwankend ausgelastet gewesen. "Von Sonderschichten bis zu viel Freizeit war alles dabei." Trotz Schwierigkeiten habe die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung allerdings sachlich funktioniert. Bedauerlich sei aber, dass der geschlossene Vertrag zur Standortsicherung, den man im März 2019 mit dem Unternehmen geschlossen hat, durch den Insolvenzantrag ein Jahr später ausgehebelt worden sei.

Die Gewerkschaft hofft durch den neuen Eigentümer auf frischen Wind. "Kahla Porzellan hat zwar viele Preise gewonnen und gilt als Aushängeschild der Branche - aber für Preise kann man sich nichts kaufen." Immerhin etwa 100 Auszeichnungen für Design oder innovative Produktionsprozesse hat das Unternehmen im vergangenen Vierteljahrhundert erhalten - besonders war die geräuschdämmende "Touch"-Beschichtung, die auch individuelle Beschriftungen in zahllosen Farben ermöglicht.

Mehr Verkauf über hochwertigen Einzelhandel

Diese Erfolge will Jeschonowski mitnehmen: "Aber wir müssen das Feuer wieder entfachen", sagt er. Man müsse mit der Geschichte des Unternehmens arbeiten, die Produktion in Deutschland betonen, die Marke stärken. "Denn wir haben zeitgemäße Produkte in hoher Qualität." Man stehe jedoch im Wettbewerb - auch mit Ikea. Künftig werde man daher häufiger im hochwertigen Einzelhandel vor allem in Städten verstärkt präsent sein. "Nicht so sehr Hamburg oder München, aber Ulm, Augsburg oder Essen." Eigene Geschäfte strebe man nicht an. "Die Kunden erwarten ohnehin, dass sie in Läden eine Auswahl haben." Er werde in den kommenden Monaten nicht nur Prozesse hinterfragen, sondern auch schauen, ob das Sortiment Ergänzungen benötige. Zudem müsse die Firma in der Lage sein, kurzfristig zu liefern. Gerade für Kunden aus der Gastronomie sei das überaus wichtig.

"Substanzielle" Ablöse für Alt-Eigentümer

Zuletzt hatte das Unternehmen während der Corona-Krise nach eigenen Angaben gerade im Verkauf über das Internet punkten können und auch während des Insolvenzverfahrens wieder steigende Umsätze verzeichnet. 2014 erreichte das Unternehmen mit 30 Millionen Euro einen Höhepunkt.

Über den Verkaufspreis aus dem eigenverantwortlichen Insolvenzverfahren macht der neue Eigentümer keine Angaben. "Substanziell" sei er allerdings gewesen, zur genauen Höhe habe man Vertraulichkeit vereinbart.

Womit die Alt-Eigentümer nach dem Verkauf befasst sind, dazu macht das Unternehmen keine Angaben. Holger Raithel sei noch damit befasst, die alte Gesellschaft abzuwickeln. Was er danach unternehmen will, sei nicht bekannt. Er hatte die Firmenleitung im Jahr 2005 von seinem Vater Günther übernommen, der den Betrieb 1993 erst mehrheitlich und dann ganz gekauft hatte.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. September 2020 | 19:00 Uhr

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