Soldaten der NVA 1968 beim Aufmarsch im Süden Thüringens.
Soldaten der NVA 1968 beim Aufmarsch im Süden Thüringens. Bildrechte: Rainer Bieligk

50 Jahre Prager Frühling Vom Warten auf den Einmarsch, der nie kam

In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Pakts unter Führung der Sowjetarmee in die Tschechoslowakei ein und entmachteten die Führung des Reformers Alexander Dubček . In der DDR standen damals tausende NVA-Soldaten bereit, um die Invasoren zu unterstützen - doch Moskau entschied sich, auf den militärischen Beistand der DDR zu verzichten. MDR THÜRINGEN hat mit Zeitzeugen gesprochen, die den NVA-Aufmarsch in Ostthüringen und Sachsen miterlebten.

von Rainer Erices und Matthias Thüsing

Soldaten der NVA 1968 beim Aufmarsch im Süden Thüringens.
Soldaten der NVA 1968 beim Aufmarsch im Süden Thüringens. Bildrechte: Rainer Bieligk
Augenzeuge Bernd Leistner zeigt auf die Überreste einer Brücke bei Schönheide in Sachsen, von der 1968 ein Schützenpanzer der NVA in die Mulde stürzte.
Augenzeuge Bernd Leistner zeigt auf die Überreste einer Brücke bei Schönheide in Sachsen, von der 1968 ein Schützenpanzer der NVA in die Mulde stürzte. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

In der Nacht zum 24. August 1968 kehrt der 17-jährige Bernd Leistner von einer Tanzveranstaltung zurück. Das elterliche Haus liegt etwas außerhalb von Schönheide im sächsischen Erzgebirge, direkt an einer Kurve, in Altwiesenhaus. Leistner hat sein Ziel fast erreicht, da kracht es. Ein Feuerball flammt auf, es ist taghell. An der alten Brücke nimmt Leistner eine breite Spur wahr, die die Böschung hinabführt. Unten, zwischen den Flammen, erkennt er einen Panzerwagen. Immer wieder knallt es – Schüsse, Explosionen. Und dazwischen Schreie. Es sind Soldaten, so erkennt Bernd Leistner in dem Chaos, die sich aus den Trümmern zu retten versuchen. Er sieht Helfer in Uniformen, die Verletzte den Hang hochzerren und auf den Hof legen. Dann schießt erneut eine Flamme hoch, wieder rennen Soldaten hinab und versuchen, Menschen zu bergen.

Die Schreie, die Schreie, das höre ich heute noch. Das ist Wahnsinn.

Augenzeuge Bernd Leistner, damals 17 Jahre alt, aus Schönheide im Erzgebirge

Am nächsten Tag rollen schwarze Tatra-Autos durch Schönheide. Tagelang recherchieren Ermittler zum Hergang des Unfalls. Der zertrümmerte Panzerwagen wird geborgen und abtransportiert. Die Brücke ist stark beschädigt, ein paar Pfeiler wie wegrasiert. Bernd Leistner hört die Gespräche der Ermittler. Der Zugführer hatte wohl die falsche Strecke gewählt. Oder war der Fahrer eingeschlafen? Die klärende Antwort darauf wird Leistner nie bekommen. In den Zeitungen wird der Vorfall verschwiegen. Auch in den Militärakten finden sich heute keine Details.

Keiner durfte mehr darüber reden. Das hat sich einfach verlaufen. Weil du Angst hattest, die holen dich gleich ab. Keine Diskussion. Das war wie abgeblasen.

Bernd Leistner

9.000 Soldaten lagerten rund um das Hermsdorfer Kreuz

Der verunglückte Schützenpanzerwagen gehörte zu den Truppen der 11. Motorisierten Schützendivision der Nationalen Volksarmee der DDR. Ende Juli 1968 waren die Einheiten aus dem Raum Halle-Leipzig-Weißenfels komplett nach Ostthüringen verlegt worden. In den Wäldern am Hermsdorfer Kreuz lagerten über 9.000 Soldaten mit mehr als 500 Panzern.

Der Einsatz galt offiziell als Übung. Noch verhandelten die Staaten des Warschauer Paktes mit den Reformern in der Tschechoslowakei über ein Ende der "Konterrevolution". Begrenzt blieb noch Zeit für eine nichtmilitärische Lösung des Konflikts. Doch die Militärstäbe des Warschauer Vertrags hatten längst einen Einmarschplan zur "Rückeroberung" des Bruderlandes entworfen. Im Ernstfall sollten dabei auch die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen in das Nachbarland einfallen und alle strategisch wichtigen Punkte besetzen. Zwei NVA-Divisionen sollten ihnen folgen – die 11. Motschützendivision und die 7. Panzerdivision. Eine weitere im Süden der DDR stationierte Division bildete eine Einsatzreserve. So standen seitens der NVA insgesamt rund 25.000 Soldaten mit über 1.500 Panzerfahrzeugen bereit. Wie weit sich die NVA-Truppen dabei an dem Einmarsch beteiligen würden, war zu dieser Zeit, Ende Juli, noch unklar.

Die Soldaten in den Ostthüringer Wäldern erfahren davon wenig. Den Alltag verbringen sie mit Waffenreinigen, Schieß- und Nahkampfübungen und mit Warten. Von der Entwicklung in Prag hören sie ausschließlich, was die DDR-Propaganda erlaubt. Alle Post wird kontrolliert.

Nacht zum 21. August: Panzer rollen nach Süden

Dann kommt es zum Ernstfall. In der Nacht zum 21. August rückt die sowjetische Armee in die Tschechoslowakei ein. Die in Ostthüringen lagernde 11. Motschützendivision wird direkt unter sowjetisches Kommando gestellt. Kurz darauf rollt die riesige Panzerkolonne gen Süden.

Als wir in der Nacht von Gera nach Süden fuhren, sahen wir ein riesiges Spinnennetz aus Lichtern. Überall Lichter.

Rainer Bieligk, damals Soldat im Grundwehrdienst und Panzerfaustschütze.
Der frühere NVA-Soldat Rainer Bieligk mit Fotos seines Einsatzes 1968 beim Aufmarsch im Süden der DDR und an der Grenze zur Tschechoslowakei.
Der frühere NVA-Soldat Rainer Bieligk mit Fotos seines Einsatzes 1968 beim Aufmarsch im Süden der DDR und an der Grenze zur Tschechoslowakei. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Die NVA-Soldaten kennen das genaue Ziel des Einsatzes nicht. Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Alle Panzer sind komplett aufmunitioniert. Auf die Dächer der Fahrzeuge haben die Soldaten zuletzt weiße Kreuze streichen müssen, damit die sowjetischen Jagdflieger sie als Freunde erkennen. In einem Schützenpanzerwagen sitzt Rainer Bieligk als Panzerfaustschütze. Er ist einer der Jüngeren der zehnköpfigen Besatzung. Erst vor wenigen Wochen hatte er die Grundausbildung beendet und auf den ersten Urlaub von der Truppe gehofft. Doch nun ist alles anders gekommen.

Bieligk kommt aus Schneeberg im Erzgebirge. Er kennt die Gegend. Zunehmend wird es ihm mulmig, die Panzer fahren Richtung Grenze. Kommt jetzt ein Kriegseinsatz? Entlang der Marschstraße stürzen die Menschen mitten in der Nacht aus ihren Häusern. Die Panzer dröhnen über die Straße, alles vibriert.

Stopp an der Grenze zur Tschechoslowakei

Bis zum Morgen des 24. August erreichen alle Einheiten der 11. Division ihre neuen Stellungen. Entsprechend dem Befehl der sowjetischen Führung besetzen sie vier Waldgebiete im Vogtland und im Osterzgebirge, alle direkt an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze. Von hier aus sollen sie bei Bedarf über das westböhmische Sokolov Richtung Pilsen weitermarschieren. Die Truppen der 7. Panzerdivision lagern dagegen in der Lausitz, rings um Nochten. Auf Befehl sollen sie gegen Prag vorstoßen.

Zu dem Einmarsch in die Tschechoslowakei kommt es jedoch nicht. Die NVA-Truppen bleiben auf der DDR-Seite der Grenze. Für die Soldaten wird es eine lange Zeit, abgeschnitten vom normalen Leben. Ausgang gibt es grundsätzlich keinen, wohin auch? Rainer Bieligk und seine Kameraden müssen sich irgendwie die Zeit vertreiben. Manchmal waschen sie Wäsche, ein paar Mal werden sie zu einem Betrieb in der Nähe gefahren und dürfen duschen. Einigen Soldaten gelingt es, Kontakt zu Einheimischen aufzubauen und Bier zu beschaffen. Ein abenteuerliches Unterfangen. Die Offiziere dürfen davon nichts mitbekommen.

Erst Anfang November geht es heim in die Kasernen

Mitte September wird es merklich kühler in den Bergen. Die Truppenführung ordnet Winterfestmachung an. Die Soldaten roden Fichten für ordentliche Unterstände. In den umliegenden Orten suchen sie Öfen, die sich für das Heizen im Wald eignen. Die Hoffnung auf baldige Heimkehr schwindet immer mehr. Einige Soldaten halten die nervliche Belastung kaum aus. Es gibt Berichte von Fahnenfluchten. Etliche Soldaten verletzen sich durch Spiele mit den Waffen. Eine Kuh wird aus Jux erschossen. Die NVA-Führung versucht, ihre Truppen bei Laune zu halten. Bekannte DDR-Künstler spielen oder singen vor ausgewählten Einheiten.

Erst Anfang November hat das Warten der Soldaten ein Ende. Sie kehren in die Heimatkompanien zurück. Der DDR-Bevölkerung wird ein Bild von den siegreichen Heimkehrern vermittelt: Waffenbrüder, Klassenbrüder! Die Menschen glauben, dass sich die NVA-Truppen am Einmarsch in die Tschechoslowakei beteiligten. Eine Legende, die sich noch lange Zeit halten wird.

50 Jahre Prager Frühling Der NVA-Aufmarsch 1968: Historische und aktuelle Fotos

In Ostthüringen und Sachsen lagerten 1968 tausende NVA-Soldaten - nicht wissend, dass sie für den Einmarsch in die Tschechoslowakei vorgesehen waren.

Wegweiser in einem Wald am Hermsdorfer Kreuz in Ostthüringen.
Wegweiser in einem Wald am Hermsdorfer Kreuz in Ostthüringen: Hierher wurde Mitte 1968 gesamte 11. Motschützendivision der NVA verlegt. Mitte August kam der Einsatzbefehl: Die Truppen marschierten Richtung tschechoslowakische Grenze. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Wegweiser in einem Wald am Hermsdorfer Kreuz in Ostthüringen.
Wegweiser in einem Wald am Hermsdorfer Kreuz in Ostthüringen: Hierher wurde Mitte 1968 gesamte 11. Motschützendivision der NVA verlegt. Mitte August kam der Einsatzbefehl: Die Truppen marschierten Richtung tschechoslowakische Grenze. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Soldaten der NVA 1968 beim Aufmarsch im Süden Thüringens.
Monatelang hausten die Kompanien in den Wäldern Thüringens und Sachsens. Der Alltag war öde, ein Ende nicht abzusehen. Auch Fotografieren war streng verboten, die Aufnahmen entstanden geheim. Bildrechte: Rainer Bieligk
Der frühere NVA-Soldat Rainer Bieligk mit Fotos seines Einsatzes 1968 beim Aufmarsch im Süden der DDR und an der Grenze zur Tschechoslowakei.
Der frühere NVA-Soldat Rainer Bieligk erzählt von seinem Einsatz 1968. Als Soldat machte er den gesamten Einsatz von Juli bis November 1968 in den Wäldern Thüringens und Sachsens mit. Heimlich schossen er und seine Kameraden damals Fotos. Auf dem Tisch ein Modell des Schützenpanzerwagens, auf dem er damals als Panzerfaustschütze Dienst tat. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Wanderweg am Hermsdorfer Kreuz mit Spuren des Einsatzes der NVA 1968.
Noch heute sind entlang der Wanderwege am Hermsdorfer Kreuz Spuren des damaligen Truppeneinsatzes zu sehen. Im Juli 1968 gruben die Soldaten Kuhlen als Verstecke für ihre Fahrzeuge. Wochenlang campierten sie hier, ohne zu wissen, was das Ziel des Einsatzes sein würde. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Schützenpanzerwagen der NVA 1968 in einem Wald bei Gera. Bildrechte: Rainer Bieligk
Bei den Geigeleien der Soldaten gab es immer wieder Unfälle. Die Truppen führten volle Munition mit sich. Laut Zeitzeugen starben einige Soldaten bei Schießunfällen. Bildrechte: Rainer Bieligk
Mehr als 100 Tage verbrachten die Truppen im Wald, abgeschnitten vom normalen Leben. Die Soldaten durchlebten eine harte Zeit. Duschen gab es nicht. Wäsche wurde auf Leinen zwischen Bäume gehängt. Bildrechte: Rainer Bieligk
Der Alltag der Soldaten war öde. Waffenreinigung, Nahkampfübungen, manchmal Schießen. Ansonsten waren die Soldaten mehr oder weniger sich selbst überlassen. Ihren Lagerplatz durften sie in der Regel nicht verlassen. Die meisten Soldaten vergnügten sich auf ihre Weise. Bildrechte: Rainer Bieligk
Häuser in Carlsfeld im sächsischen Erzgebirgskreis.
Häuser in Carlsfeld im sächsischen Erzgebirgskreis: In den Wäldern um den Ort hausten 1968 monatelang NVA-Soldaten. Immer wieder gelang es einigen, sich davonzustehlen, um bei den Einheimischen Bier zu kaufen. Die Bevölkerung half. Ein Tischler bei Carlsfeld warnte die Ausreißer, wenn Offiziere in der Nähe waren: Dann hängte er Bettlaken auf die Wäscheleine im Garten. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Augenzeuge Bernd Leistner zeigt auf die Überreste einer Brücke bei Schönheide in Sachsen, von der 1968 ein Schützenpanzer der NVA in die Mulde stürzte.
Augenzeuge Bernd Leistner zeigt auf die Überreste einer Brücke bei Schönheide in Sachsen, von der 1968 ein Schützenpanzer der NVA in die Mulde stürzte. Die gesamte Munition explodierte. Nur acht der zehn Soldaten konnten sich retten. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Blick von Tschechien über die Grenze nach Deutschland: Hier standen 1968 NVA-Truppen bereit, um in die Tschechoslowakei einzumarschieren.
Blick von Tschechien über die Grenze nach Deutschland: Hier standen 1968 NVA-Truppen bereit, um in die Tschechoslowakei einzumarschieren. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
Deutsch-tschechischer Grenzübergang Potůčky/Johanngeorgenstadt (Sachsen)
Unmittelbar in der Nähe des damaligen NVA-Aufmarschgebiets befindet sich heute der deutsch-tschechische Grenzübergang Potůčky/Johanngeorgenstadt (Sachsen). An die extrem gefährliche Situation von 1968 erinnert heute nichts mehr. Bildrechte: MDR/Rainer Erices
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Quelle: MDR THÜRINGEN

AKTUELLES AUS THÜRINGEN

Ein stark beschädigtes Fahrzeug neben einer Straße 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. August 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2018, 05:00 Uhr

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24 Kommentare

21.08.2018 10:50 vigilando ascendimus 24

zu @ 21
Wie schon unter 20 Nr. 3 erwähnt, halte ich auch das nicht für gut.

21.08.2018 10:39 Kritiker 23

@vigilando ascendimus , ich kann Ihnen nur zustimmen und verabscheue JEDEN der die damaligen Zeiten immer noch rechtfertigt oder gar verherrlicht.

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