B88 Tunneldurchschlag beim Bau der Ortsumgehung von Rothenstein

"Aufgeregt bin ich jetzt", sagt Beate Weber. Die schwarzhaarige Frau mit dem Bauhelm auf dem Kopf ist die Tunnelpatin. Seit 2019, als begonnen wurde, eine Röhre durch den Berg bei Rothenstein zu bauen. Durch diesen Tunnel soll künftig der Autoverkehr zwischen Jena und Rudolstadt rollen. Und am Mittwoch - am Dreikönigstag - seien sie diesem Traum wieder ein Stück näher gekommen, sagt Beate Weber.

An diesem Dreikönigstag 2021 stapft Beate Weber in der anbrechenden Abenddämmerung durch den aufgetauten matschigen Boden hin zum nördlichen Tunnelportal. Sie ruft ein paar Bauleuten Neujahrswünsche zu. Und sie kann ihre Ungeduld kaum verbergen. Wird alles klargehen? Gelingt der Tunneldurchschlag ohne irgendwelche Schwierigkeiten?

Felsgestein überraschte Bauplaner und Mineure

Die Tunnelpatin ist froh, dass es seit Baubeginn keine größeren Unfälle gegeben hat. Aber sie weiß auch schon seit dem Planungsbeginn vor über zehn Jahren: Dieser Berg ist immer für eine Überraschung gut. Natürlich hatten die Planer Gesteinsproben machen lassen. Natürlich hatten Geologen gründliche Voruntersuchungen abgeliefert. Natürlich war allen klar, dass man bei Arbeiten im Berg immer wieder neu entscheiden muss, ob die vorgesehene Bauweise noch zweckmäßig ist.

Tunnelpatin Beate Weber
Tunnelpatin Beate Weber Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Bei Rothenstein aber musste nach relativ kurzer Zeit das ganze Baukonzept noch einmal neu gemacht werden. Denn schon nach den ersten Sprengungen für die Röhre wurde klar: Wenn man den Felsen angeht, dann ist das Gestein noch sehr hart. Aber beim Vortrieb des Tunnels bleiben kaum größere Steinbrocken übrig. "Wenn es dann daliegt, dann ist es wie Ostseesand", sagte Stephan Saalfeld vom Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr schon vor Monate in einem Interview mit MDR THÜRINGEN. Und so musste umgeplant werden, mussten Zeitpläne gehörig getreckt werden.

Bauen wie in einem Flaschenhals

"Die Rothensteiner wünschen sich schon solange, dass die B88 nicht direkt durchs Dorf führt", sagt Tunnelpatin Beate Weber. Sie ist im ganz normalen Berufsleben die Leiterin des Bauamtes in der Verwaltungsgemeinschaft Südliches Saaletal. Dort gibt es bei Rothenstein eine ganz besondere Situation, die dem berühmten Flaschenhals ähnelt: Zwischen der Saale und den Sandsteinbergen liegen dicht nebeneinander die Gleise der überregional wichtigen Saalebahn und der Straßenlauf zwischen Jena und Rudolstadt. Das Flusstal ist zu eng, um die Straße zu verbeitern. Angelegt wurde sie zu frühen DDR-Zeiten, erinnern sich Anwohner. "Wohl als militärischer Vorrückeweg für die NVA", sagt Stephan Saalfeld. Zivil war das dann die F88, die Fernverkehrsstraße, die eine Anbindung des Städtedreiecks Rudolstadt-Saalfeld-Bad Blankenburg zur Autobahn 4 sichern sollte.

Saale-Holzland-Kreis Tunneldurchschlag bei Rothenstein

Von zwei Seiten wird der Tunnel bei Rothenstein ins Gestein getrieben. Durch ihn soll künftig die Ortsumfahrung der B88 führen. Am Dreikönigstag war für die Tunnelbauer ein wichtiger Tag: der Tunnel-Durchschlag.

Ortsschild Ölknitz
Rund 13.000 Fahrzeuge rollen derzeit täglich durch Ölknitz. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Ortsschild Ölknitz
Rund 13.000 Fahrzeuge rollen derzeit täglich durch Ölknitz. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Tunnelbaustelle an der B88 bei Rothenstein im Saale-Holzland-Kreis
Der Tunnel ist Teil der Ortsumfahrung der B88 bei Rothenstein. Er soll für Entlastung im "Flaschenhals" Saaletal sorgen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Der im Bau befindliche Tunnel an der B88 bei Rothenstein im Saale-Holzland-Kreis
Auf rund 250 Metern Länge ist der Tunnel bereits ausbetoniert. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Stephan Saalfeld zeigt im Tunnl, in welcher Höhe die Fahrbahndecke sein wird
Stephan Saalfeld zeigt im Tunnel, in welcher Höhe die Fahrbahn-Decke sein wird. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Tunnelpatin Beate Weber
Tunnelpatin Beate Weber vor dem Tunnel-Durchschlag Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Tunneldurchschlag bei Rothenstein
Der Tunnel wird von beiden Seiten gleichzeitig vorangetrieben. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Tunneldurchschlag bei Rothenstein
Geschafft: Der Bohrkopf hat die trennende Wand zwischen den beiden Tunnelvortriebsbaustellen durchbrochen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel
Tunneldurchschlag bei Rothenstein
Tunnelpatin Beate Weber in der Öffnung Bildrechte: MDR/Marian Riedel
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Januar 2021 | 19:00 Uhr

Tunnelbau-Zeit nervt Rothensteiner Nachbarn

Das Verkehrsaufkommen damals war nicht vergleichbar mit den Blechlawinen heute. Untersuchungen ergaben: Auf der B88 bei Rothenstein muss man mit täglich 23.000 Autos rechnen, darunter viele Schwerlasttransporte. Einzige Chance, diese Belastung mit Lärm, Abgasen und Unfallgefahren aus dem Ort zu bekommen: Eine Ortumfahrung durch den Berg. Die aber hat einen hohen Preis für die Rothensteiner Nachbarn, die Einwohner von Oelknitz. Während der Bauzeit geht die örtliche Umleitung durch dieses Dorf. Obwohl der Fernverkehr großräumiger umgeleitet wird - es sind nun täglich 13.000 Fahrzeuge, die durch Oelknitz rollen. Solange am Tunnel gebaut wird.

Loch im Fels - Licht am Horizont

Draußen, vor den Tunnelportalen ist es längst dunkel geworden. Drinnen, im Licht der Bau-Scheinwerfer, warten Tunnelpatin Beate Weber, Projekt-Chef Stephan Saalfeld und eine Truppe von Bauleuten aus Deutschland, Österreich, Polen und der Slowakei auf den entscheidenden Moment. Es dröhnt hinter der Felswand in der Tunnelröhre. Dort schabt etwas am Gestein. Dann macht sich eine Staubwolke breit. Und ein erster Scheinwerferstrahl von der anderen Seite der Felswand schimmert herüber. Das kleine Loch im Fels - es ist das Licht am Horizont, wie man so sagt.

Tunneldurchschlag bei Rothenstein
Der Durchbruch ist gelungen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Beate Weber schwärmt schon fast: Nun werde es nur noch ein Jahr dauern, bis der Verkehr raus sein wird aus Rothenstein und Oelknitz. Und Stephan Saalfeld erklärt, die letzte 130 Meter in der 385 Meter langen Röhre müssten nun noch ausbetoniert werden. Dann müssen viele Rohre und Leitungen im Tunnelboden verlegt werden. Und schließlich der Untergrund für die Bundestraße und die Fahrbahn aufgebaut werden. Verkehrsfreigabe dann im Frühjahr 2022.

Freude ohne Fest

Das Loch im Fels ist inzwischen mannshoch. Über eine Leiter steigt Tunnelpatin Beate Weber vom nördlichen Teil der Röhre rüber in den südliche. Neben der Tunnelbaumaschine, die mit Fräsköpfen das Gestein Zentimeter für Zentimeter abgetragen hat, bekommt die Tunnelpatin einen Blumenstrauß von "ihren Mineuren", wie sie sagt. Das war es dann auch. Corona hat nicht nur dafür gesorgt, dass zeitweise nur in einer Schicht statt rund um die Uhr gearbeitet wurde. Corona sorgt jetzt auch dafür, dass es bei diesem Anlass kein Schaulaufen von Politikern gibt. "Aber vielleicht können wir ja mit den Anwohnern diesen Tunnel noch irgendwann mal feiern, wenn das Virus besiegt ist", hofft die Tunnelpatin. Jetzt aber bleibt es erst einmal bei Freude. Ohne Fest.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Januar 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Harka2 vor 8 Wochen

Man kann also doch Tunnel für Straßen bauen. Wieso klappt das seit 20 Jahren nicht in Weimar? Dort wälzen sich knapp 30.000 Autos durch die Stadt, weil man es bisher nicht geschaft hat, die Ortsumgehung der B7 im Osten der Stadt zu vollenden. Aber in Weimar versteht man unter "Verkehrsberuhigung" ja eh nur die Schaffung künstlicher Staus.

Harka2 vor 8 Wochen

"Vorrückeweg für die NVA" ist dümmliche Polemik. Die Straße gab es schon zu des Kaisers Zeiten und damit meine ich zu der ersten Kaiser Zeiten. Jeder, der auch nur ein Minimum an Geschichtkenntnissen hat, weis, dass dies der uralte Handelsweg Leipzig-Nürnberg war.

Abgesehen davon war die NVA zu aktiven Angriffshandlungen, also einem Vorrücken, gar nicht in der Lage. Ihre gesamte Technik war defensiv ausgelegt. Eine Mig-21 hätte niemals Bonn oder München auch nur erreicht. Der Sprit für den Rückflug wäre dort nämlich schon alle gewesen.

Burgfalke vor 8 Wochen

Der Name "Patin" besagt das doch eindeutig. Sie funkiert wie bei ähnlichen Anlässen nur als Patin und das verlangt nicht nach irgendwelcher Sachkompetenz.
Sachkompetenzen sollten auf jeden Fall der dortige Bauleiter und weitere Mitarbeiter haben!

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